Interview

Geisterspiel im Weser-Stadion: "Für Fans härter als für Werder“"

Vor leeren Rängen spielt Werder wegen des Coronavirus am Montag gegen Leverkusen. Ausgerechnet im Abstiegskampf fehlt die "Nummer 12". Kann das gut gehen? Das erklärt eine Sportpsychologin.

Fans von Werder Bremen halten im Stadion ihre Schals hoch.
Um eine noch stärkere Verbreitung des Coronavirus zu verhindern, findet das Spiel zwischen Werder Bremen und Bayer Leverkusen am Montag (20:30 Uhr) ohne Zuschauer statt. Bild: Gumzmedia | Andreas Gumz

Zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesliga werden Spiele ohne Zuschauer ausgetragen. Den Anfang machte Mönchengladbach gegen den 1. FC Köln. Werder Bremen muss am Montag ohne die Fans im eigenen Stadion gegen Leverkusen antreten. Werder spielt um den Klassenerhalt – und die "GreenWhiteWonderwall" fehlt. Kann das gut gehen? Braucht Werder im Kampf um den Klassenerhalt nicht die Fans im eigenen Stadion? Birgit Reichardt ist Redakteurin bei buten un binnen-Online und Sportpsychologin. Sie beantwortet die wichtigsten Fragen.

Es wird ganz schön leise sein im Stadion. Wie gut können die Spieler ohne Anfeuerungen von den Rängen überhaupt Leistung zeigen?
Die Werder-Fans haben die Mannschaft in der Tat immer außergewöhnlich unterstützt, besonders in sportlich schwierigen Situationen. Und sie sind auch wichtig, um aus einem Fußballspiel eine großes emotionales Event zu machen. Aber einen direkten Einfluss auf die Leistung der Spieler haben die Fans nicht zwangsläufig. Es ist dennoch eine außergewöhnliche Situation. Insofern muss das Team damit umgehen. Dazu gehört aber erst einmal, herauszufinden, ob die Mannschaft das selbst überhaupt als Problem wahrnimmt. Das müssen die Verantwortlichen, die Trainer abklären, nachfragen, wie die einzelnen Spieler das erleben und dann handeln, wenn es notwendig scheint.
Wie beeinflusst ein Geisterspiel denn die sportliche Leistung eines Spielers?
Das ist individuell völlig unterschiedlich – und es hat möglicherweise auch bei vielen gar keinen Einfluss. Eine Herausforderung wird es aber sein, die Spannung zu halten. Die Atmosphäre gleicht ja einem Trainingsspiel. Aber Spannung – wir sagen in der Sportpsychologie auch "Aktivation" – ist natürlich notwendig, um eine optimale sportliche Leistung zu erbringen. Und diese Spannung kann im Erleben eines Sportlers auch aus der Stadionatmosphäre mit gespeist werden. Einige Spieler fühlen sich dadurch besonders angetrieben. Aber viele sind so auf das Spiel fokussiert, dass sie in weiten Teilen nicht mitkriegen, was außerhalb des Spielfelds passiert – sie werden auch ohne lärmende Kulisse ihre Leistung abrufen.
Heißt das, die Spieler merken gar nicht mehr, dass keine Fans im Stadion sitzen?
Natürlich merken sie das. Doch Ziel ist es, das, was im Außen ist, durch die Konzentration auf die Aufgabe auszublenden. Aber egal wie fokussiert der Einzelne ist, er wird die Unterschiede zu einem Spiel mit vollen Rängen zumindest punktuell immer mal wieder bemerken.
Bei Werder denke ich da zum Beispiel an Rituale bei erzielten Toren. Im Weser-Stadion ertönt ein Nebelhorn, dann Musik, der Stadionsprecher schreit den Vornamen des Torschützen – die Fans antworten mit dem Nachnamen. Das ist ein Mega-Spektakel. In einem Geisterspiel fällt der Torjubel natürlich deutlich weniger spektakulär aus, da wird die Stille spürbar werden. Denn ein Tor bedeutet ja auch immer eine kurze Spielunterbrechung, ein kurzer Spannungsabfall findet statt, man kriegt das Außen wieder mit. Da muss der einzelne Spieler sich aus sich selbst heraus wieder aktivieren – zum Beispiel durch Selbstgespräche, er kann sich selbst anfeuern, sich wieder auf die Aufgabe fokussieren. Zum anderen ist das Team wichtig, die Spieler müssen sich gegenseitig antreiben, um den Faden nicht zu verlieren, dranzubleiben.
Wie kann man als Trainer eine Mannschaft auf so ein Geisterspiel vorbereiten?
Man kann zumindest die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass die Spieler unbeeindruckt von der anderen Atmosphäre sind. Nichtöffentliche Trainingseinheiten können hilfreich sein. Statt auf dem Trainingsplatz kann man im Stadion selbst trainieren. So simuliert man diese Geisterspiel-Atmosphäre, die Spieler erleben die Leere dann nicht mehr als völlig neu und ungewohnt, sie kennen das schon. Außerdem wichtig sind – das gilt aber für jedes Spiel – konkrete Aufgaben. Je klarer die sind, desto fokussierter ist ein Spieler darauf und desto besser kann er ausblenden, was um ihn herum passiert. Ich weiß nicht, was erlaubt ist, aber man könnte Fan-Transparente im Stadion verteilen, um zumindest visuell gewohnte Eindrücke herzustellen. Ich denke, für die Fans ist das Geisterspiel letztlich wohl härter und schwerer auszuhalten als für die Mannschaft selbst. Denn sie müssen tatenlos draußen bleiben.
Verliert Werder ohne Fans seinen Heimvorteil?
Nein, das denke ich nicht. Der sogenannte Heimvorteil besteht ja aus mehreren Faktoren. Dazu gehören Fans mit den Trikots und Flaggen in den eigenen Farben. Aber es bleibt auch ohne diese Kulisse das eigene vertraute Stadion in der eigenen Stadt. Man ist da, wo man sich auskennt, wo man das Sagen hat. Es gibt sogar Studien, die sagen, dass die Fans gar keinen Einfluss haben oder einen Heimvorteil bringen. Ein Spiel im eigenen Stadion kann subjektiv erstmal einfacher sein. In dem Moment, wo ein Spieler das so empfindet, kann sich das auf die Körperspannung auswirken. Er ist vielleicht gelöster und die Leistung kann besser werden.
Kann ein Spiel ohne Zuschauer auch ein Vorteil für Werder sein, angesichts der schlechten Heimbilanz?
Das finde ich eine wirklich steile These. Unabhängig von Werder Bremen, allgemein, ja, gibt es sicher Spielertypen, die entlastet sind, wenn keiner zuschaut. Weniger Öffentlichkeit bedeutet weniger Druck, besonders in entscheidenden Spielsituationen. In der Sportpsychologie sprechen wir von misserfolgsängstlichen Sportlern, die – ich sag’s mal ganze einfach – von der Angst angetrieben werden, zu verlieren. Für diese Spieler kann das ein Vorteil sein, ohne Zuschauer zu spielen. Dass eine Bundesliga-Mannschaft aus einer Vielzahl dieser Spielertypen zusammengesetzt ist, ist unwahrscheinlich. Vielmehr sind die Spieler hoch leistungsmotiviert und eher erfolgszuversichtlich. Das heißt, sie werden von der Lust angetrieben, zu gewinnen.

Kommentar: Bundesliga-Spiele absagen?

Video vom 11. März 2020
Reporter Dino Bernabeo sitzt auf einem Fußball aus Stein.
Bild: Radio Bremen

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Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 12. März 2020, 23:30 Uhr