Tausende Euro für Talente? Wechsel-Wirbel im Bremer Jugendfußball

FC Oberneuland klagt gegen Abslösesummen im Jugendfußball

Audio vom 8. September 2021
Jugendliche bei einem Fußballspiel auf einem Ascheplatz.
Bild: DPA | Firo Sportphoto/JüŸrgen Fromme
Bild: DPA | Firo Sportphoto/JüŸrgen Fromme

Sieben Talente sind vom SC Borgfeld zum FC Oberneuland gewechselt. Der FCO hadert jedoch mit dem aktuellen System der Ausbildungsentschädigungen und hofft auf einen Präzedenzfall.

Der Wechsel sieben junger Talente aus der Jugend des SC Borgfeld in die U19 des FC Oberneuland sorgt für Aufregung im Bremer Jugendfußball. Der Grund: Für die Spieler haben die Oberneulander mehrere tausend Euro Ausbildungsentschädigung an die Borgfelder gezahlt. Dies will der FCO zukünftig so allerdings nicht mehr mitmachen. "Jedes Jahr aufs Neue beginnt dieser Irrsinn", sagt Vize-Präsident Uwe Piehl im Gespräch mit buten un binnen. Um die Wechsel der Nachwuchsspieler aus Borgfeld zu ermöglichen, haben in diesem Fall sogar einige Eltern der Spieler Geld dazugeschossen, damit der FCO die Summe zahlen kann.

Der Fall, über den zunächst der "Weser-Kurier" berichtet hatte, hat für die Oberneulander das Fass nun zum Überlaufen gebracht. Sie stellen die Sinnhaftigkeit und Rechtmäßigkeit der Entschädigungszahlungen infrage. Piehl möchte hierfür fortan weitere Mitstreiter finden und bestenfalls einen Präzedenzfall schaffen. Erhält der wechselnde Spieler nämlich keine Freigabe, ist er gesperrt und in der jeweiligen Saison erst ab dem 1. November wieder spielberechtigt.

Es steht in keinem Gesetz, dass Kinder und Jugendliche, wenn sie den Verein wechseln möchten, sich auslösen müssen. Das ist die Satzungsautonomie des Verbandes, der das festgelegt hat. Durch diese Regelung wird aber in das Grundrecht des Kindes oder Jugendlichen eingegriffen, sich frei zu bewegen und gemäß Artikel 2 des Grundgesetzes seine Persönlichkeit frei zu entfalten.

Vorstand des Fc Oberneuland Bremen Uwe Piehl im Interview.
Jens Piehl, FC Oberneuland

Kritik an der Höhe der Entschädigungen

Zugleich kritisiert der FCO die Höhe der veranschlagten Entschädigungen. Diese sind in der Tat happig. Die jeweilige Summe richtet sich nach der Spielklasse der 1. Herren des aufnehmenden Klubs und der Anzahl der Jahre, die der Spieler im abgebenden Klub verbracht hat. Beispiel: Wechselt ein Spieler zur U19 zum FC Oberneuland, würden als Ausbildungsentschädigung bereits 1.000 Euro fällig, weil der FCO in der Regionalliga spielt. Für jedes Jahr, das der Spieler im abgebenden Klub absolviert hat, kommen noch einmal 100 Euro hinzu. Hat er dort die vier Jahre in der U15 und U17 verbracht, läge der Betrag also bei insgesamt 1.400 Euro.

In der Praxis einigen sich die Klubs im Regelfall allerdings auf deutlich geringere Summen, damit die Freigabe für den Wechsel erteilt wird. So lief es letztlich auch zwischen den Oberneulandern und Borgfeldern. Borgfelds 1. Vorsitzender Thomas Kaessler verweist diesbezüglich im Gespräch mit buten un binnen auch auf die Schutzfunktion für kleinere Vereine, die die jungen Spieler schließlich über Jahre ausgebildet haben. Dass die Eltern letztlich die Summen zahlen, um ihren Kindern den Wechsel zu ermöglichen, ist für ihn nicht ansatzweise ein sozialverträglicher Lösungsansatz. "Das würden wir immer ablehnen", so Kaessler. Normalerweise würden die Klubs aber auch seiner Erfahrung nach immer gute Lösungen untereinander finden. "Es geht hier nicht darum, mit den Spielern Geld zu verdienen."

Kein Fall für die Kreisklasse

Für ein grundsätzliches Problem im Jugendfußball hält auch Jurij Zigon, Vorsitzender des Verbandsjugendausschusses beim Bremer Fußball-Verband, das Schachern um die Entschädigungen nicht. "Es handelt sich dabei ohnehin um die absolute Ausnahme", betont er. "Wir sprechen hier über wenige leistungsorientierte Amateurvereine, die den Anspruch besitzen, auch überregional zu spielen. Es geht also nicht um Spieler, die in der Kreisklasse spielen."

Als eben diese "leistungsorientierten Amateurvereine" sieht Zigon im Land Bremen neben den Oberneulandern und Borgfeldern den JFV Bremen, den Blumenthaler SV, den TuS Komet Arsten und den JFV Bremerhaven an. Hier sei es durchaus üblich, dass eine Entschädigung gezahlt werde, wenn ein talentierter Spieler den Klub wechselt. Bei Wechseln im ganz klassischen Amateurbereich sei dies allerdings nicht der Fall. Hier werde die Freigabe für den wechselwilligen Spieler problemlos erteilt, sofern dieser seine Beiträge gezahlt und seine Ausrüstung zurückgegeben habe.

Um auf Nummer sicher zu gehen, empfiehlt Zigon talentierten Nachwuchsspielern, sich vor einem Vereinswechsel vom neuen Klub schriftlich zusichern zu lassen, dass für sie bei einem späteren Wechsel keine Ausbildungsentschädigung gezahlt werden muss. Gleichwohl findet er die Zahlung einer Entschädigung grundsätzlich richtig. Schließlich seien dem abgebenden Klub bei der Förderung auch Kosten entstanden, die nicht ansatzweise durch die Mitgliedsbeiträge gedeckt würden.

Wie hält Werder es?

Wenn Werder ein junges Talent von einem Amateurklub verpflichten möchte, zahlt auch der Zweitligist eine Entschädiungssumme. Diese liegt gemäß der Statuten bei Spielern in der U19 und U17 bei 1.500 Euro. Unterhalb dieser Altersklassen liegen sie in der U15 und U13 bei 1.000 Euro. Für jedes Jahr des Neuzugangs in seinem Ex-Klub kommen 150 Euro obendrauf. Die komplette Summe legt auch Werder nicht direkt auf den Tisch, wie Björn Schierenbeck, Leiter des Nachwuchsleistungszentrums, erzählt.

Wir zahlen 50 Prozent der Summe sofort und garantieren gleichzeitig, dass ein Spieler in jedem Wechselfenster kostenfrei zu seinem Heimatverein zurückkehren kann. Sollte er später bei uns einen Fördervertrag unterschreiben, zahlen wir die restlichen 50 Prozent. So gibt es klare Regelungen.

Björn Schierenbeck läuft am Weser-Stadion entlang und lächelt in die Kamera.
Björn Schierenbeck, Leiter des Nachwuchsleistungszentrums von Werder Bremen

Manche Klubs würden laut Schierenbeck Werder auch anbieten, aus Sympathie zu den Grün-Weißen komplett auf die Zahlung einer Entschädigung zu verzichten. Dies lehne der Klub allerdings ab. Stattdessen würde Werder stets an die kleinen Klubs zahlen und auch alles schriftlich fixieren. Gesperrt hätten die Bremer einen wechselwilligen Jugendspieler noch nicht. Falls ein Spieler seinen Verpflichtungen nicht mehr nachgekommen ist, sei es aber schon vorgekommen, dass die Freigabe erst erteilt wurde, sobald alles geklärt war. "Das waren aber eher erzieherische Maßnahmen. Jeder durfte rechtzeitig wieder spielen", so Schierenbeck.

Mehr zum Thema:

Autor

  • Karsten Lübben Autor

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Die Rundschau, 8. September 2021, 12 Uhr