Interview

Oliver Reck zum EM-Titel 1996: "Wir haben auf den Tischen getanzt"

Oliver Reck, Oliver Bierhoff und Andreas Köpke feiern gemeinsam mit der Medaille um den Hals den EM-Titel.
Oliver Reck (links) stand 1996 als dritter Torwart im Kader des DFB-Teams. Oliver Bierhoff (Mitte) entschied das Finale und Andreas Köpke (rechts) war die deutsche Nummer eins. Bild: Imago | Buzzi

Oliver Reck wurde 1996 mit Deutschland Europameister. Im Interview erzählt Werders Ex-Torhüter vom Turnier in England und verrät, was er beim DFB-Team gegen Portugal anders machen würde.

Herr Reck, aktuell läuft die Euro 2020. Wie häufig denken Sie da an den EM-Titel 1996 zurück?
Schon häufig, bisher ist es ja auch der letzte EM-Titel einer deutschen Mannschaft. Das war damals einfach eine tolle Geschichte, an die wir uns alle gerne erinnern.
Während das DFB-Team am Dienstag mit einer Niederlage gegen Frankreich ins Turnier gestartet ist, gewannen Sie damals mit 2:0 gegen Tschechien. Wie wichtig war ein guter Auftakt in das Turnier?
Ein Sieg zu Beginn des Turniers sorgt immer für Euphorie und verleiht einem Team Sicherheit. Leider hat die Nationalmannschaft es am Dienstag verpasst, sich gegen Frankreich das nötige Selbstvertrauen zu holen. Gegen Portugal steht das Team jetzt schon unter Druck.
Andreas Möller bejubelt sein Tor gegen Tschechien bei der EM 1996.
Das DFB-Team startete 1996 mit einem Sieg in das Turnier. Andreas Möller (Nummer 7) erzielte gegen Tschechien den 2:0-Endstand. Bild: Imago | Sven Simon
Vor dem zweiten Spiel gegen Russland 1996 verübte die IRA einen Terroranschlag in der Innenstadt von Manchester, bei dem mehr als 200 Menschen verletzt wurden. Wie sehr hat das die Mannschaft mitgenommen?
Unsere Ehefrauen waren damals in einem anderen Hotel in der Stadt untergebracht. Jeder hat dann erstmal versucht, Kontakt zu seinen Liebsten vor Ort aufzunehmen. Wir hatten dann schnell die Nachricht, dass niemandem aus diesem Kreis etwas passiert ist. Aber auch beim Gleitschirmflieger am Dienstag im Stadion in München war zu sehen, dass echt immer aufgepasst werden muss, damit alle wieder heile nach Hause kommen.
Hatten Sie am Dienstag Sorge, dass etwas passieren könnte?
Sorge nicht, denn es sah nicht so aus, als ob die Person etwas Schlimmes vorhabe. Aber ein komisches Gefühl war es schon. Ich habe mich gefragt, wie er dort so einfach ins Stadion fliegen konnte.
Andreas Köpke hält bei der EM 1996 einen Elfmeter des Italieners Gianfranco Zola.
Andreas Köpke rettete im letzten Gruppenspiel gegen Italien das 0:0 und hielt einen Elfmeter von Ginfranco Zola. Diesen hatte Köpke zuvor allerdings auch verschuldet. Bild: Imago | Werek
Nach zwei Siegen in den ersten beiden Spielen drohte 1996 vor dem letzten Gruppenspiel gegen Italien dennoch das Ausscheiden. Hatten Sie ein wenig Bammel, dass es schiefgehen könnte?
Die Italiener hatten damals eine Topmannschaft, aber wir hatten nach den ersten beiden Siegen jede Menge Selbstvertrauen und einen überragenden Andreas Köpke im Tor. Gegen Italien war es brutal schwer, ähnlich wie jetzt für die deutsche Elf zum Auftakt gegen Frankreich. Für uns ging es nur darum, dagegenzuhalten. Und das ist uns bei diesem 0:0 eindrucksvoll gelungen.
War das Viertelfinale gegen die Kroaten, die vor allem auf Härte gesetzt haben, das schwierigste Spiel des gesamten Turniers?
Die Kroaten waren ein richtig unangenehmer Gegner. Beide Teams hatten ein paar Heißblüter in ihren Reihen (lacht). In diesem Spiel war alles drin. Wir lagen ja zunächst auch zurück, sind dann aber zurückgekommen und haben das Ding gedreht. Das war schon richtig hart, aber Matthias Sammer hat das Team im Mittelfeld immer wieder nach vorne getrieben.
Matthias Sammer jubelt nach dem 2:1-Sieg gegen Kroatien im Halbfinale 1996. Rechts neben ihm steht Markus Babbel.
Matthias Sammer (links) war einer der Anführer im DFB-Team bei der EM 1996. Gegen Kroatien erzielte er im Viertelfinale den Siegtreffer zum 2:1. Bild: Imago | Sven Simon
Skurril war zuvor, dass selbst die englischen Fans dem DFB-Team die Daumen gedrückt haben, weil sie bei ihrer Heim-EM unbedingt gegen Deutschland spielen wollten. Hat auch Sie das überrascht?
Die Atmosphäre in den Stadien war immer positiv, selbst im Halbfinale in Wembley. Die englischen Fans haben alles getan, um ihre Mannschaft zu unterstützen. Als wir uns dann im Elfmeterschießen durchgesetzt haben, haben sie uns aber nicht im Stadion zersägt, sondern uns applaudiert. Das fand ich sehr, sehr fair und das hat es nochmal besonderer gemacht.
Es war also nicht feindselig? Vor dem Halbfinale hatte der englische Boulevard immerhin mit Schlagzeilen wie "Spielt in rot und schlagt sie tot" gewissermaßen den "Fußballkrieg" ausgerufen.
Nein, überhaupt nicht. Die Atmosphäre im Stadion war einfach super. Klar, die Engländer wollten auch unbedingt in dieses Finale und den Pokal im eigenen Land gewinnen. Aber im Stadion war die Stimmung nie gegen uns gerichtet.
Dieter Eilts im Halbfinale der EM 1996 gegen England im Zweikampf mit Paul Ince und David Platt
Dieter Eilts spielte bei der EM 1996 ein überragendes Turnier. Hier nahm er es im Halbfinale mit Paul Ince und David Platt gleich mit zwei Engländern auf. Bild: Imago | Camera4
Der deutsche Boulevard feierte hingegen Ihren Bremer Team-Kollegen Dieter Eilts, der es im Spiel mit Englands Star Paul Gascoigne zu tun bekam. Die "Bild"-Zeitung titelte damals "Moin, Moin Gascoigne". Wie wichtig war Eilts damals für das Team?
Damals hat das ganze Land festgestellt, welch ein wichtiger Spieler Dieter für ein Team ist. Das war zuvor ja schon über Jahre bei Werder zu sehen. Die EM 1996 war von der ersten bis zur letzten Minute einfach sein Turnier. Im defensiven Mittelfeld war er unfassbar wichtig für uns.
Während des Turniers haben sich mit Jürgen Kohler, Thomas Helmer, Jürgen Klinsmann, Fredi Bobic und Steffen Freund zahlreiche Leistungsträger verletzt, sodass auch Oliver Kahn und Sie als Ersatztorhüter zur Sicherheit noch Feldspielertrikots erhielten. In einer Dokumentation des NDR sagten Sie zuletzt, dass Sie auch auf dem Feld hätten einspringen können. Welche Position hätte da am besten gepasst?
Im Training konnten wir nicht mehr "Elf gegen elf" spielen, weil wir schon längst nicht mehr genug Spieler hatten. Deshalb habe ich häufig im Feld mitgespielt und mal einen richtig schönen "No-Look-Pass" auf Marco Bode gespielt. Da haben alle ordentlich blöd geschaut (lacht). Unter Otto Rehhagel haben wir Torhüter in Bremen damals immer viel im Feld gespielt. Auch bei Hallenturnieren war ich gern mal der "fliegende Torwart". Wenn ich im Finale rangemusst hätte, wäre ich auf der Sechs am besten aufgehoben gewesen.
Oliver Reck hält sein Feldspielertrikot der EM1996 in der Hand und übergibt dieses an Hilger vom Deutschen Sport- und Olympiamuseum in Köln.
Aufgrund der Personalnot erhielt auch Oliver Reck vor dem Finale 1996 noch ein Feldspielertrikot. Dieses hat er 2012 dem Deutschen Sport- und Olympiamusem in Köln übergeben. Bild: Imago | Christoph Reichwein
Als dritter Torhüter beim Turnier waren die Einsatzchancen aber von Beginn an äußerst gering. Fiel es Ihnen schwer, mit dieser Situation umzugehen?
Mir war ja vorher klar, dass ich wohl nicht zum Zuge kommen werde. Ich wollte aber als Mannschaftsspieler helfen. Es gab damals die Konkurrenz zwischen den Spielern aus Dortmund und den Spielern vom FC Bayern. Da habe ich versucht, ein kleiner Puffer zu sein und Spieler beider Klubs in das Team zu integrieren. Ich war kein Pausenclown, habe aber auch versucht, einfach für eine gute Stimmung zu sorgen.
Durch das Golden Goal von Oliver Bierhoff gewannen Sie damals das Finale gegen Tschechien. Wie war die Party danach im Vergleich mit den Titelfeiern bei Werder?
Jeder Titel mit Werder war toll, aber wenn du mit deinem Land einen Titel gewinnst, ist das nochmal eine ganz andere Dimension. Nach dem Titel in England haben wir im Hotel auf den Tischen getanzt und nur ganz wenig geschlafen. Das gehört dazu, solche Momente im Leben musst du einfach genießen.
Ist "Football is coming home" seitdem ihr Lieblingssong?
Das war damals unser Lied. Mehmet Scholl hatte eine Kassette dabei, die im Bus in den Rekorder geschoben und dann von allen mitgegrölt wurde (lacht). Auf dieser waren viele Songs der Neuen Deutschen Welle, aber auch "Football is coming home". Wenn ich es heute höre, kommen die Erinnerungen an die EM direkt hoch. Das war einfach für alle eine besondere Zeit.

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Die DFB-Elf galt 1996 nicht als einer der Topfavoriten auf den Titel. Auch die deutsche Mannschaft hat aktuell kaum noch jemand auf dem Zettel. Was trauen Sie dem Team zu?
Deutschland ist immer eine Turniermannschaft. Gegen Portugal muss jetzt aber eine deftige Steigerung her. Wenn wir ins Halbfinale kommen, wäre das am Ende ein großer Erfolg. Für alles andere ist die Konkurrenz durch die Franzosen, Belgier oder Italiener meiner Auffassung nach zu groß.
Mats Hummels, Ilkay Gündogan, Manuel Neuer, Timo Werner und Thomas Müller schauen enttäuscht nach der Niederlage gegen Frankreich.
Die deutsche Mannschaft ist mit einer Niederlage gegen Frankreich in das Turnier gestartet. Bild: Imago | Sven Simon
Wie bereits 2016 nehmen auch dieses Mal 24 statt 16 Teams teil. Leidet Ihrer Auffassung nach dadurch die Qualität der Spiele?
Nein, Teams wie Finnland und Nordmazedonien haben bisher alles andere als enttäuscht. Ich finde es toll, dass auch solche Mannschaften die Chance haben, mal bei so einem Turnier dabei zu sein. Und toll finde ich es auch, dass wieder vor Publikum gespielt wird. Das merke ich auch den Spielern an. Das ist endlich wieder der wahre Fußball.
Vor dem Spiel gegen Portugal wird vor allem darüber diskutiert, ob das DFB-Team mit einer Dreier- oder Viererkette spielen soll. Was bevorzugen Sie?
Formation und Aufstellung liegen in der Hand des Bundestrainers. Ich würde allerdings davon abraten, weiterhin diesen Ballbesitzfußball zu spielen. Teams wie Frankreich und Portugal können einfach sehr gut umschalten. Wenn die den Ball gewinnen, geht direkt nach vorne die Post ab. Ich würde daher dem Gegner häufiger den Ball überlassen und selbst auf Konter setzen. Zumal Spieler wie Serge Gnabry, Timo Werner und Leroy Sané einfach Räume vor sich brauchen, um ihre Schnelligkeit auszuspielen.

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Autor

  • Karsten Lübben Autor

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 18. Juni 2021, 23:30 Uhr