Interview

Bremens Talente-Chef: "Die E- und D-Jugend trifft es am schlimmsten"

Kinder spielen Fußball. Einer wirft den Ball ein, ein anderer kleiner Junge kommt ihm entgegen. Im Hintergrund ist ein Jugendtor zu sehen.
Aufgrund der Corona-Pandemie war es für die jungen Fußballer in Bremen ein verlorenes Jahr, sagt Wilfried Zander vom Bremer Fußball-Verband. Bild: Imago | Westend61

Wilfried Zander vom BFV hat einst Weltmeister wie Schweinsteiger und Özil trainiert. Er erklärt, welche Folgen Corona und Werders Abstieg auf die Förderung von Talenten haben.

Herr Zander, der Bremer Fußball-Verband hat in dieser Woche die Saison im Jugendfußball beendet. Ist es seit Beginn der Corona-Pandemie eine verlorene Zeit für die Talente in Bremen?
Ja, es ist eine verlorene Zeit. Das müssen wir ganz deutlich so sagen, weil wir mit kleinen Unterbrechungen seit mehr als einem Jahr kein Mannschaftstraining anbieten konnten und kaum Pflichtspiele stattfanden.
Joti Chatzialexiou, Sportlicher Leiter der Nationalmannschaften beim DFB, verglich im vergangenen Herbst die Auswirkungen des Spielausfalls im Frühjahr 2020 mit den Folgen eines Kreuzbandrisses für die Entwicklung junger Spieler. Teilen Sie seine Auffassung?
Nein, das trifft es nicht. Wenn einer verletzungsbedingt nicht am Mannschaftstraining teilnehmen kann, befindet er sich in der Reha, hat Kontakt zu seinen Teamkollegen und das Ziel vor Augen, bald wieder zu spielen. Das ist eine ganz andere Motivation, als es jetzt im Augenblick ist. Zu Beginn der Corona-Pandemie konnten die Spieler noch über andere Wege begeistert werden, aber irgendwann ist dann eben die Luft raus.
Und mit der Luft geht dann auch die Motivation verloren?
Beim leistungsorientierten Fußball wird es so sein, dass die Spieler sich wieder berappeln. Die breite Masse spielt aber zum Spaß Fußball und dort werden die Vereine gefordert sein, die jungen Spieler wieder auf die Plätze zu bekommen.
Wie könnte dies gelingen?
Die Vereine müssen sich Mühe geben und ihre Jugendtrainer qualifizieren. Der Bereich des Freizeit- und Breitensports wird noch zu häufig vernachlässigt und braucht Angebote mit engagierten und lizensierten Jugendtrainern. Da muss zukünftig einfach mehr getan werden.
Die Teams konnten seit Saisonbeginn im Sommer zumeist nur eine Handvoll Spiele absolvieren. Verlieren Sie den Anschluss und die Chance, höherklassig Fußball zu spielen?
Ja, denn im Bereich des Leistungsfußballs fehlt nicht nur das regelmäßige Leistungstraining, sondern auch der Wettkampf auf hohem Niveau und die Förderung hochtalentierter Spieler in den DFB-Stützpunkten und der Landesauswahl, in der sich die Leistungsspitze überregional messen kann.
Sie sind Trainer der Bremer Auswahlteams in der U16 und U18. In welcher Entwicklungsstufe trifft es die Kinder und Jugendlichen am stärksten?
Der ältere Bereich in der E-Jugend und die D-Jugend wird als das "goldene Lernalter" bezeichnet. Dann gibt es die größten Entwicklungsschübe und die Spieler nehmen am meisten mit. Die Spieler in dieser Altersstufe trifft es daher am schlimmsten, weil technische Feinheiten eben nur auf dem Platz trainiert werden können.
Viele Kinder und Jugendliche konnten über einen langen Zeitraum nicht in ihren Teams trainieren. Befürchten sie, dass viele die Lust am Fußball oder am Sport generell verloren haben?
Natürlich, aber das betrifft den Sport im Allgemeinen. Der Fußball ist die Sportart Nummer eins und wird weiterhin bestehen. Ich kann mir aber vorstellen, dass dies für andere Sportarten letztlich sogar existenzbedrohend wird.
Wie geht es bei beim Bremer Fußball-Verband in Anbetracht der Lockerungen in der näheren Zukunft mit den Auswahl-Teams weiter?
Die Mädchen-Mannschaften der Bremer Landesauswahl trainieren ab der U12 jetzt weiter. Die Lücke wäre ansonsten zu groß, weil im Leistungsbereich von den Vereinen hier zu wenig angeboten wird. Bei den Jungs haben die drei DFB-Stützpunkte unter Corona-Bedingungen ihre Arbeit wieder aufgenommen. Im Bereich der Landesauswahl werden wir bis zum Sommer vorerst nichts machen. Die Problematik hier wäre ansonsten, dass sich gerade die Spieler aus den kleineren Vereinen in der Landesauswahl natürlich zeigen wollen, aber das Verletzungsrisiko für sie einfach zu groß ist, wenn sie zuvor in ihren Vereinen nicht richtig trainieren konnten und deshalb die Grundfitness fehlt.
Befürchten Sie, dass viele Kinder und Jugendliche in Bremen nach dem Abstieg von Werder zukünftig weniger Interesse für den Fußball entwickeln werden, weil der größte Klub der Stadt nicht mehr gegen Bayern und Dortmund, sondern gegen Aue und Regensburg spielt?
Bei den Frauen hat Werder den Klassenerhalt geschafft. Im Mädchenfußball besitzt der Klub also weiterhin seine Stahlkraft. Und bei den Jungs befürchte ich auch nicht, dass sich etwas ändern wird. Werder bleibt in dieser Region ganz klar die Nummer eins und jeder junge Spieler will weiterhin bei Werder spielen. Der Klub ist im Nachwuchsleistungszentrum ganz gut aufgestellt, wird bei Talenten von außerhalb jetzt aber wohl mehr Überzeugungsarbeit leisten müssen
Früher waren die Idole junger Kicker aus Bremen Werder-Spieler wie Johan Micoud, Diego oder Mesut Özil. Sind die Vorbilder mittlerweile internationale Topstars wie Kylian Mbappé, Neymar oder Messi?
Ja, aber das hängt natürlich auch damit zusammen, dass Micoud, Diego und Özil eine besondere Position im Team hatten und Werder damals international gespielt hat. Identifikation mit Werder gibt es auch bei den jungen Spielern weiterhin. Diese bezieht sich aber stärker auf den Verein und nicht auf einzelne Spieler. Beim Training überwiegen mittlerweile die Bayern-Trikots. Das hätte es vor 20 Jahren nicht gegeben.

So geht es dem Bremer Amateurfußball in der Corona-Pandemie

Video vom 9. März 2021
Der Trainer des Bts Neustadt Matthias Schwan guckt auf die Weser.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

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  • Karsten Lübben Autor

Dieses Thema im Programm: Sportblitz, 26. Mai 2021, 18:06 Uhr