"Ich war Straßenfußballerin – der Boss": 50 Jahre Bremer Frauenfußball

Vor 50 Jahren erlaubte der DFB Frauenfußball. Die TSV Wulsdorf Bremerhaven war sofort dabei. Pionierin Uli Geithe kämpfte um Respekt. Ist es heute leichter? Drei Generationen erzählen.

Ulrike Geithe, Jaqueline da Silva  und Lina Hausicke (Bildmontage).
Ulrike Geithe spielte in den 70er Jahren in Wulsdorf, Jaqueline da Silva in den 90ern und 2000ern bei Komet und Buntentor. Lina Hausicke ist Kapitänin bei Werder Bremen. Bild: Werder Bremen/Radio Bremen | Birgit Reichhardt / Jaqueline da Silva

Die dunklen Locken fallen Ulrike Geithe über die Schulter. Ihr etwas schüchternes Lächeln will nicht so recht passen zu der selbstbewussten Rolle ihrer Kindheit in den Straßen von Bremerhaven-Leherheide. "Ich war Straßenfußballerin. Und der Boss." Schon früh lernt das Mädchen, sich durchzukämpfen – sie will Fußball spielen. "Ich habe Straßenmannschaften gegründet", erinnert sich Ulrike, Uli, Geithe. "Ich war aus der Luisenstraße und habe gesagt: 'Heute spielen wir gegen die Hermann-Ehlers-Straße.' Auf dem Rasen zwischen den Blöcken sind wir dann angetreten. Ich habe nur mit Jungs gespielt. Ich war eine gute Abwehrspielerin." Wie gut, weiß sie damals noch nicht: Die heute 58-Jährige wird eine der besten Fußballerinnen ihrer Zeit im Land Bremen, eine Pionierin.

Es war nicht mehr aufzuhalten. Ich war eine Fußballerin.

Ulrike Geithe, Fußballerin und Landestrainerin

Einen entscheidenden Schritt auf ihrem Weg macht Geithe 1978. Es ist der 25. November, 20 Uhr, ein grauer, ein trüber Abend. "Aber das war egal." Aufgeregt geht die 16-Jährige zu einem Hallentraining der TSV Wulsdorf. Die Fußballfrauen sind da schon seit einigen Jahren erfolgreich, mehrfache Landesmeisterinnen. Dass nur rund 15 Kilometer Luftlinie von ihrer Wohnung entfernt Frauen Fußball trainieren, hat Uli Geithe aber erst spät mitbekommen. "Es wurde ja über nichts berichtet in den Zeitungen, im Fernsehen schon gar nicht." Aber kaum, dass sie von der TSV hört, macht sie zu Hause Druck, kämpft gegen den Widerstand ihrer Mutter. "Das waren alle 'Mannsweiber. Da gehörst Du nicht hin', sagte meine Mutter zu mir", erinnert sich Geithe. "Aber es war nicht mehr aufzuhalten. Ich war eine Fußballerin."

Die Mutter gibt nach. Das Probetraining ist ein Erfolg. "Kann man mit ihr was anfangen?", fragt die Mannschaftsführerin. "Zu 100 Prozent!", antwortet der Trainer. Ulrike platzt vor Stolz. Von diesem Moment an ist sie Stammspielerin. "Ich war ja noch schüchtern. Da waren ja richtig gute Frauen. Aber irgendwie durch meinen Ehrgeiz und meine Präsenz – ich war ja Defensivspielerin – kam keiner an mir vorbei." Vorbilder motivieren Uli Geithe: die Weltmeister von 1974, Gerd Müller und Franz Beckenbauer. Mögliche weibliche Idole kennt sie nicht.

Aber bei aller Glückseligkeit, Frust gibt es auch: 35 Minuten dauert eine Halbzeit bei den Frauen - dann ist Schluss: "Ich fand das war eine Frechheit. Die Zeit ging so schnell um." Geithe fühlte sich bei der Überlegenheit ihres Teams unterfordert in der einzigen Liga in Bremen, der Landesliga. "Wir waren einfach zu stark." Doch auch den Bremerhavenerinnen werden Grenzen aufgezeigt: "Bundesweit hat es nicht gereicht", sagt Geithe. "Bei der Deutschen Meisterschaft in Bad Neuenahr sind wir untergangen." Die Spielzeit wird später auf 80 Minuten erhöht; 90 Minuten wie die Männer dürfen Frauen seit 1993 spielen.

Das war so nebensächlich. Den DFB habe ich gar nicht gemerkt damals.

Ulrike Geithe, Fußballerin und Landestrainerin

In den 70er und 80er Jahren müssen die Frauen nehmen, was sie kriegen. Die Herren der TSV Wulsdorf spielen tiefer, bekommen aber die besseren Trainingszeiten und den Rasenplatz. Die Frauen müssen auf die Schlacke. Neue Trikots? Unwahrscheinlich. "Herzblut" für diesen Sport treibt Uli Geithe an. Und sie setzt sich neue Ziele. Inzwischen Führungsspielerin wechselt sie für einige Jahre zur FT Geestemünde, spielt offensiver, wird selbstbewusster – und in einer Saison Torschützenkönigin.

Und wie war das eigentlich mit dem DFB? "Das war so nebensächlich. Den DFB habe ich gar nicht gemerkt damals." Uli Geithe merkt aber, dass sie eine Aufgabe hat: Mädchen stark machen. Das tut sie heute als Landestrainerin im Bremer Fußballverband (BFV): "Heute gebe ich jungen Spielerinnen Halt. Dass sie Selbstbewusstsein bekommen. Ich weiß, was los ist." Was die Frauen dem BFV heute Wert sind? "Hm. Es gab eine Zeit, da waren sie ihm nichts wert. Aber es nimmt eine gute Entwicklung."

Jacky in den 90ern: "Fußball macht dicke Beine"

Jaqueline Silva de Almeida Aygün erinnert sich gut. "Das hat mein Papa organisiert, dass ich in einen Verein komme." Die Elfjährige will schon lange Fußball spielen. Kein Problem: 1997 tritt sie Union 60 bei – und spielt mit Jungs.

Ich wollte nicht mit Mädchen spielen, weil ich dachte, Mädchen können nicht Fußball spielen.

Jaqueline Silva de Almeida Aygün, Fußballtrainerin

Auf den Spielplätzen in ihrer Umgebung sind immer sechs oder sieben Jungs. "Da wurde man nur akzeptiert, wenn man zum oberen Drittel gehörte. Wenn ein Junge sagte: 'Die kann aber spielen!' Dann durfte man. Sonst aber nicht."

Jaqueline da Silva im Jahre 1998.
Für Jaqueline Silva de Almeida Aygün ist Fußball "eine tief verankerte Leidenschaft". Bild: Jaqueline da Silva

Die Mutter ist skeptisch: "Du kriegst dicke Beine vom Fußball. Überleg's Dir noch mal." Aber Jacky hat immer einen Ball dabei, auch im Urlaub. Der Vater recherchiert und findet vier Vereine mit Mädchenmannschaften: Komet Bremen (heute Arsten), ATS Buntentor, TV Eiche Horn und den Polizei SV. Jacky lässt sich von einem Probetraining bei Komet überzeugen – und bleibt. "Da waren doch Mädchen, die gut spielen konnten." Aber weil es so wenig Spielerinnen gibt, müssen Sechs- und Zehnjährige in das selbe Team. Die Kinder können nicht in ihren Altersklassen antreten. "In den 90er Jahren gab es das noch nicht wie heute. Das kam erst in den 2000ern."

Jacky sammelt Fußballer-Bilder. Werder ist ihr Verein. Marco Bode ihr Idol. International: Ronaldo. "Aber der Brasilianer." Für Frauenfußball interessiert sich die Fußballerin nicht. Von der Bundesliga oder Nationalmannschaft bekommt sie auch gar nichts mit.

Das ist so eine tief verankerte Leidenschaft. Ich weiß nicht, woher die kommt.

Jaqueline Silva de Almeida Aygün, Fußballtrainerin
Ein Fußballspieler mit gelbem Trikot und blauer kurzer Hose hält lachend eine brasilianische Fahne hoch
Der Brasilianer Ronaldo wird 2002 mit der Nationalmannschaft nach einem 2:0-Sieg gegen Deutschland Weltmeister. Bild: DPA | Hans-Jürgen Schmidt

"Der ATS Buntentor war damals die Nummer eins", erinnert sich Jaqueline Silva de Almeida Aygün. Da will sie hin, zu den Besten. Menschen sind beeindruckt und fragen: "Was, Du spielst Fußball?" 2003 dann das Ende. "Ich musste in die Damen hoch. Aber das waren 30- und 40-jährige Frauen." Zu alt für die Jugendliche. "Die waren ja so alt wie meine Eltern." Bis heute gebe es keine A-Juniorinnen, erklärt die 34-Jährige. Und so sei der Schritt von den Mädchen zu den Damen zu groß. Nach fünf Jahren Pause das Comeback beim ATS Buntentor. Jacky hat wieder Lust: "Das ist so eine tief verankerte Leidenschaft. Ich weiß nicht, woher die kommt."

Heute ist die junge Mutter Co-Trainerin bei den U-17-Juniorinnen von Werder. Für den Frauenfußball wünscht sie sich, dass noch mehr Mädchen Fußball spielen. Damit der Frauenfußball in Deutschland und weltweit weiter wächst. "Der Pool an Mädchen muss größer werden."

2020: Professioneller Fußball möglich – auch in Bremen?

Eine Fußballspielerin mit grünem Trikot spielt auf einem Fußballfeld.
Werder-Kapitänin Lina Hausicke geht ins vierter Jahr mit den Bremerinnen. (Archivbild) Bild: DPA/foto2press | OB

"Vom ersten Tag an hatte ich das Gefühl, dass man mit offenen Armen empfangen wird." Lina Hausicke geht jetzt ins vierte Jahr bei Werder Bremen. "Der Verein ist so familiär, wie immer berichtet wird. Man kennt sich untereinander", sagt sie. "Da weiß jeder, wie am Wochenende Werder gespielt hat, wie die Tabelle gerade aussieht." Die Kapitänin der Werder-Frauen spricht von den Männern. Ob deren Trainer, Florian Kohfeldt, nach einem Wochenende auch weiß, wie die Damen gespielt haben? "Ich weiß es nicht", sagt die 22-Jährige weiter. "Ich würde es mir wünschen, dass er das verfolgt und dass er darüber Bescheid weiß. Aber ob das wirklich so ist? Keine Ahnung."

Der sportliche Weg der jungen Mittelfeldspielerin ist deutlich professioneller verlaufen als der von Uli Geithe in den 70er- oder Jackys Weg in den 90er Jahren. Seit 14 Jahren ist sie aktiv, mit elf spielte sie in der C-Jugend des damaligen Bundesligisten FF USV Jena. Auch in Nationalmannschaften des DFB wurde sie schon berufen. Eine gradlinige Laufbahn. Auch weibliche Idole stünden bei den Erfolgen der deutschen Fußballfrauen zur Verfügung, doch: "Ein echtes Vorbild habe ich nicht. Allerdings fand ich die Spielweise und das Auftreten von Bastian Schweinsteiger immer klasse."

Manchmal fühle sie sich als Fußballerin auch immer noch nicht ernst genommen, sagt Hausicke. Weil der Frauenfußball immer noch mit dem der Männer verglichen werde. "Das ist meiner Meinung nach der falsche Weg. Der Vergleich hinkt einfach, weil das Spiel von Männern und Frauen ein anderes ist. Und dann wird oft gesagt: 'Der Frauenfußball ist kein richtiger Sport.' Ja, das habe ich auch schon erlebt."

Wenn man sich anguckt, wie viel Arbeit wir da reinstecken, dann ist das das Gleiche, was die Männer auch an Wochenstunden da reinpacken. Da wird die Arbeit von einem selbst und von anderen eben nicht so richtig respektiert.

Lina Hausicke, Kapitänin von Werder Bremen

Entwickelt sich der Frauenfußball in anderen Ländern schneller als in Deutschland? Erst im Juli wurde die Fernseh-Übertragung des Pokalfinales zwischen dem VfL Wolfsburg und der SGS Essen nach dem Elfmeterschießen abrupt beendet. Keine Siegerehrung und Interviews für die Fans. Der Grund: Die Vorberichte des Männerfinales zwischen Bayern München und Bayer Leverkusen sollten beginnen. In Spanien dagegen verschoben die Männer an einem Spieltag im vergangenen Jahr ihre Partien. Denn die Spanier sollten das Champions-League-Finale mit den Frauen des FC Barcelona im Fernsehen verfolgen können. "Das wäre in Deutschland nicht denkbar", glaubt Hausicke. "Um über so etwas nachzudenken, sind wir noch zu weit weg."

Hausicke studiert neben ihrem Job als Fußballerin. Es gibt auch Vollprofis. Beim VfL Wolfsburg und Bayern München mit Etats von mehreren Millionen Euro. Bei Werder ist das mit 800.000 Euro bescheidener. Dass sie nicht einmal in die Nähe der Gehälter ihrer männlichen Kollegen kommt, ist für Hausicke kein bestimmendes Thema, wie sie versichert. "Ich bin froh, diese Chance bekommen zu haben. Mit dem, was ich früher geliebt habe und immer noch liebe, mit dem einfach auch Geld zu verdienen." Sie will sich auf ihren Job konzentrieren.

Das ist das, was wir als Mannschaft beitragen können. Und dazu zählen solche Sachen wie Leidenschaft, Spaß, dass wir in unserem Team gerne zusammen sind. Das sind die Dinge, mit denen wir uns aktuell beschäftigen – und nicht: 'Wo wären wir gerne?'

Lina Hausicke, Kapitänin von Werder Bremen

Sie Werder-Frauen sind in die neue Saison gestartet. Lina Hausicke wünscht sich für ihr Team: "Dass wir einfach sportlich die Klasse halten mit allen Mitteln, die uns zur Verfügung stehen." Und für den Frauenfußball? "Dass man ihn nicht mehr mit dem Männerfußball oder anderen Sportarten vergleicht."

So bereiten die Werder-Frauen sich auf die Bundesliga vor

Video vom 17. Juli 2020
Die Fußballerin Lina Hausicke beim Fußballtraining.
Bild: Radio Bremen

Autorin

  • Birgit Reichardt

Dieses Thema im Programm: Sportblitz, 17. Juli 2020, 18:06 Uhr