So benachteiligt sind Bremer Spitzensportlerinnen gegenüber Männern

Video vom 10. Juli 2021
Rhythmische Sportgymnastik Deutsche Meisterschaften im Juni 2021. Gruppe Bremen
Bild: Imago | Jan Huebner
Bild: Imago | Jan Huebner

Von Gleichberechtigung sind Spitzensportlerinnen weit entfernt, wie eine exklusive Umfrage des SWR zeigt. Das sagen Bremer Athletinnen zu Gehältern, Familienplanung und Training.

Der Spitzensport ist weit entfernt von Gleichberechtigung. Darauf weisen Ergebnisse einer exklusiven Umfrage des Südwestrundfunks (SWR) hin. Der SWR befragte in der nicht repräsentativen Umfrage 719 Sportlerinnen, die meisten von ihnen starteten international. Anonym äußerten sich die Frauen über Sexismus, Umgang mit der Menstruation, dem Training, der Familienplanung und zu ihrem Einkommen.

buten-un-binnen-Sportblitz hat mit Hochleistungssportlerinnen im Land Bremen gesprochen: Welche Erfahrungen machen die Frauen hier in diesen Bereichen? Wie beeinflusst das ihr Handeln?

Weniger Gehalt

Von den Teilnehmerinnen der SWR-Umfrage gaben 41 Prozent an, dass ihr Bruttoeinkommen unter 10.000 Euro liegt. Nur 22 Prozent verdienen jährlich bis zu 30.000 Euro. 29 Prozent ließen die Frage offen. Die Sportlerinnen sollten dabei auch Einnahmen aus Werbung, Sponsoring und Preisgeldern mit einrechnen.

Eine Frau mit Fahrradhelm und Sportkleidung vor einer grünen Wiese.
Caroline Schiff fährt für ein Profiteam, Gehalt bekommt sie nicht. Bild: Radio Bremen

Bremens Sportlerinnen bekommen meistens auch nur ein geringes Gehalt. Radfahrerin Carolin Schiff fährt seit dieser Saison für ein Profi-Team und verdient gar kein Geld. Die 35-Jährige arbeitet und will zumindest kein Minusgeschäft machen, wie sie sagt. Schiff ist nicht alleine: Laut einer Umfrage der Cyclists' Alliance, eine Art Gewerkschaft für Fahrerinnen, bekommt ein Viertel der Fahrerinnen kein Gehalt. Die Männer dagegen verdienen in der Spitze Millionen.

Monetär steht der Ertrag natürlich nicht im Verhältnis zum Aufwand. Wenn ich danach gehen würde, müsste ich den Sport direkt einstellen.

Caroline Schiff, Profi-Radfahrerin

Ähnlich im Fußball. 2019 verdiente ein Werder-Spieler im Schnitt pro Jahr etwa 1,45 Millionen Euro. Für die Werder-Frauen gibt es keine Zahlen, für die Frauen-Bundesliga nur eine Schätzung: etwa 37.000 Euro pro Jahr im Schnitt. "Wir Frauen können nicht sagen: 'Der kriegt eine Million, warum kriegen wir die nicht auch?'", sagt Birte Brüggemann, Chefin der Frauenfußball-Abteilung bei Werder. "Wir spielen dieses Geld nicht ein. Im Moment ist Frauen-Fußball für alle ein Invest. Wir investieren in was, was daraus entsteht: Marke, Sympathien, Gleichberechtigung." Die Spielerinen arbeiten oder studieren. Werder-Torhüterin Lena Pauels wünscht sich, dass es Schritt für Schritt weitergeht für die Frauen – ohne dabei auf andere zu schauen.

Was Bremer Frauen im Spitzensport verdienen

Video vom 7. Juli 2021
Die Radfahrerin und Spitzensportlerin Caroline Schiff während einer Trainingsfahrt auf ihrem Fahrrad.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Sexismus

Dem SWR zufolge sagte jede dritte Teilnehmerin (36 Prozent) der Umfrage, dass sie in ihrem Sport Sexismus erlebe. Die Hälfte von ihnen hat weder Trainern, dem Verein oder den Verbänden je so etwas gemeldet. Einige Frauen nannten unter anderem die Befürchtung, sie könnten Nachteile erleben, wenn sie darüber sprächen oder gingen davon aus, dass das überwiegend männliche Trainerteam kein Verständnis dafür aufbringen würde.

Eine junge Frau mit einem blonden Zopf steht in einer Turnhalle zwischen Turngeräten in Turnkleidung.
Lisa Unger findet es gut, dass die deutschen Turnerinnen mit langen Hosen bei der EM geturnt haben. Bild: Radio Bremen

Unangenehme Fotos in der Presse, die einen aufreizenden Eindruck machten, dass sie mit ihren eng und kurz geschnittenen Anzügen in den Schritt fotografiert wurden – das ist auch schon Turnerinnen in Bremen passiert, wie deren Trainerin Katharina Kort sagt. "Solche Fotos mag man nicht in der Presse sehen", so Kort. Gerade den etwas älteren Jugendlichen mache das schon etwas aus, die würden lieber von der Seite fotografiert werden. Lisa Unger turnt in der 2. Bundesliga. Die 23-Jährige musste sich schon Sprüche von Freunden über ihr knappes Outift anhören.

Die gucken dann schon darauf und machen manchmal Witze. (...) Da ist das dann unangenehm. Oder wenn das in der Zeitung ist und die Arbeitskollegen das sehen – die sehen einen ja sonst so nicht. Das ist dann schon ein bisschen komisch.

Lisa Unger, Turnerin in Bremen

Doch es tut sich was: Deutschlands Top-Turnerinnen um Elisabeth Seitz sind bei der EM im April erstmals in langen Anzügen gestartet. Ihre Botschaft: Jede solle selbst wählen, was sie tragen will, um sich wohl zu fühlen, wie Seitz sagte. Lisa Unger aus Bremen hätte das eher nicht gewagt: "Ich hätte damit nicht angefangen, weil dann alle Augen auf einen gerichtet sind, weil: 'Du machst jetzt was anders.' Und das mag ich nicht so gern. Deshalb finde ich es gut, dass sie das gemacht haben."

Frauensport: Zwischen Marketing und Sexismus

Video vom 6. Juli 2021
Eine Leichtathletikerin macht einen Handstand.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Passt das Training zu den Bedürfnissen von Frauen?

Eine junge Frau mit blonden geflochtenen Zöpfen steht in einer Sporthalle auf einer Laufbahn.
Als Athletin eine Familie zu planen, kann laut Sandra Dinkeldein zu Problemen führen. Bild: Radio Bremen

77 Prozent aller Teilnehmerinnen der SWR-Umfrage werden nach eigenen Angaben überwiegend von Männern trainiert. Jede vierte wünsche sich, der Trainerstab wäre anders zusammengesetzt, heißt es beim SWR. Die Bremer Hochspringerin Mareike Max und Hürdenläuferin Sandra Dinkeldein fühlen sich gut mit ihren männlichen Trainern: "Ich glaube, es ist wichtiger, dass der Typ des Trainers zu einem passt. Und dass man damit klar kommt, als dass es ein Mann oder eine Frau ist", sagt Dinkeldein. Auch Mareike Max ist zufrieden: "Ich habe nicht das Gefühl, dass ich ihm irgendwas verheimlichen muss oder über irgendwas nicht reden könnte."

Eine junge Frau mit dunklen langen Haaren zum Zopf gebunden sitzt auf einer Laufbahn im Hintergrund eine dicke Matte.
Mareike Max wünscht sich, dass Athletinnen bei der Familienplanung unterstützt würden. Bild: Radio Bremen

Das ist für viele offenbar schwieriger. Die Hälfte derjenigen, die mit einem Trainer arbeiten, gaben in der Umfrage an, dass einige Themen tabu blieben – beispielsweise die Menstruation. Dabei fühlen sich 50 Prozent der Athletinnen durch sie beeinträchtigt. Außerdem gibt es Hinweise, dass der Zyklus sich aufs Training auswirkt. Studien zufolge steigt in der ersten Zyklus-Hälfte die Verletzunganfälligkeit an – gleichzeitig können die Frauen effektiver ihre Kraft trainieren. Doch das ist noch zu wenig erforscht. Mareike Max erfuhr erst durch die Anfrage von buten un binnen davon.

Es wäre auf jeden Fall schön, wenn die Vereine und Verbände die Frauen (bei der Familienplanung) unterstützen würden.

Marike Max, Hochspringerin in Bremen

Auch die Familienplanung ist ein Problem für Athletinnen. Die meisten Atlethinnen hören auf mit dem Sport, wenn sie Kinder bekommen wollen. Monate ohne Wettkämpfe und Resultate können sie sich nicht leisten. Sie verlieren ihren Kaderplatz, Sponsoren beenden Zahlungen. 90 Prozent der Befragten fühlen sich damit allein gelassen. "Es wäre auf jeden Fall schön, wenn die Vereine und Verbände die Frauen unterstützen würden", sagt Mareike Max. "Allein durch Aufklärung, bei der Planung, finanziell, auf jegliche Art und Weise."

Wie frauenspezifisch ist das Training im Bremer Leistungsport?

Video vom 5. Juli 2021
Hochspringerin Mareike Max draußen auf dem Trainingsgelände von Werder Bremen.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

buten-un-binnen-Sportblitz hat in seiner Wochensereie "Höher, schneller, weiblich" noch weitere wichtige Themen aufgegriffen und mit Sportlerinnen in Bremen darüber gesprochen. Hier die Filme:

Die gesamte Umfrage des SWR mit allen Ergebnissen finden Sie hier:

Autoren

  • Maike Albrecht Redakteurin und Autorin
  • Yannick Lowin Redakteur und Autor
  • Niko Schleicher Redakteur und Autor
  • Ariane Wirth Redakteurin und Autorin

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 10. Juli 2021, 19:30 Uhr