Interview

Handball-Nationalspieler Finn Lemke: "Mir blutet das Herz"

Statt mit der deutschen Auswahl bei der WM in Ägypten mitzumischen, bleibt der gebürtige Bremer lieber bei seiner Familie. Mit dem Sportblitz sprach Lemke über seine Beweggründe.

Video vom 13. Januar 2021
Handball-Nationalspielser Finn Lemke dirigiert die Abwehr.
Bild: DPA | firo Sportphoto/Jürgen Fromme
Bild: DPA | firo Sportphoto/Jürgen Fromme

Die Handball-Weltmeisterschaft hat noch gar nicht begonnen und schon sind die ersten beiden Teilnehmer nicht mehr mit von der Partie. Das Aus für die Nationalmannschaften aus Tschechien und den USA hat jedoch keinerlei sportlichen Hintergrund: Beide Teams haben sich kurzfristig aus dem Wettbewerb zurückgezogen, da sich etliche ihrer Spieler und Betreuer mit dem Corona-Virus infiziert haben. Auch bei den Teams von Kap Verde und Brasilien soll das Coronavirus grassieren, sodass das Turnier bereits vor dem Start am Mittwochabend im Chaos versinkt.

Mehrere deutsche Nationalspieler sagen WM-Teilnahme ab

Ebenfalls nicht mit dabei in Ägypten ist der deutsche Nationalspieler Finn Lemke. Obwohl er für den vorläufigen Kader nominiert war, verzichtet der gebürtige Bremer auf die Teilnahme an dem Turnier, das in den kommenden zweieinhalb Wochen ohne Zuschauer ausgetragen wird. Erst im Herbst hatte Lemke nach längerer Abwesenheit sein Comeback für die deutsche Auswahl gegeben. Im Anschluss begann jedoch eine mehrwöchige Leidenszeit für den Kapitän der MT Melsungen, da er sich auf der Reise mit dem Nationalteam ebenfalls mit dem Coronavirus infiziert hatte und in Quarantäne kam. Im Interview mit dem Sportblitz spricht der 28-Jährige über seine Virus-Erkrankung, Kritik an seiner Entscheidung und warum er seinen Teamkollegen trotz der Distanz doch ganz nahe ist.

Herr Lemke, wie werden Sie das Turnier verfolgen? Mit Chips vom Sofa aus?
Ich werde das Turnier auf jeden Fall verfolgen. Mit Chips eher nicht (lacht). Zum Glück sind fünf meiner Mitspieler von der MT Melsungen für die Weltmeisterschaft nominiert worden und auch nach Ägypten mitgeflogen. Mit denen herrscht jeden Tag reger Kontakt. Von daher fühle ich mich schon sehr, sehr nah dran an der Mannschaft. Ich bin schon sehr gespannt, wie es sein wird und freue mich riesig auf die Berichterstattung.
Handballer Finn Lemke im Interview.
Seit 2017 spielt Finn Lemke beim MT Melsungen. Inzwischen ist der gebürtige Bremer sogar Kapitän der Hessen. Bild: Radio Bremen
Was hat für Sie den Ausschlag gegeben, dass Sie sich zu der WM-Absage entschieden haben?
Das hat einfach familiäre Gründe, die natürlich auch irgendwo pandemiebedingt sind. Sie lassen es jedenfalls nicht zu, dass ich über so einen langen Zeitraum von meiner Familie getrennt sein will. Es ist einfach so, dass ich in der Pandemie unabdingbar zu Hause bin und nicht nach Ägypten reisen kann.
Nationaltorwart Andreas Wolff hat vor kurzem für Aufsehen gesorgt, weil er die Absagen seiner Mitspieler, zu denen auch Sie gehören, kritisch sieht. Wie bewerten Sie seine Haltung?
Kritik kann jeder äußern, das ist in Ordnung. Jeder hat eine individuelle Einstellung dazu, wie er Sachen für sich selber gewichtet und wie er das empfindet. Von daher kann ich das verstehen, wenn einige Leute das nicht gut finden. Aber an meiner Entscheidung hat das nicht gerüttelt, ich bin immer noch zufrieden damit – auch wenn mir natürlich das Herz blutet, nicht dabei zu sein.
Nach ihrem Nationalteam-Comeback litten Sie selbst an einer Corona-Infektion. Wie haben Sie den Verlauf der Krankheit erlebt?
Auf jeden Fall nicht symptomfrei. Ich hatte starke Grippesymptome wie Fieber und Schüttelfrost. Das hat mich ziemlich durchgerüttelt, aber zum Glück sind keine langfristigen Schäden da. Ich bin aber etwas zu früh wieder ins Training eingestiegen und hatte danach Herz-Rhythmus-Störungen. Die sind jedoch nicht unbedingt auf das Virus zurückzuführen, sondern eher auf mein Leistungsstand, nachdem ich zwei Wochen im Bett gelegen hatte.
Handball-Nationaltorhüter blickt konzentriert zur Hallendecke.
Äußerte Kritik an den Absagen seiner Teamkollegen: Deutschlands Nationaltorhüter Andreas Wolff. Bild: DPA | Laci Perenyi
Was glauben Sie, was ist drin für die junge deutsche Mannschaft?
Bei einem Turnier ist das immer schwierig zu sagen. Es hängt immer davon ab, wie der Start verläuft und ob man auch die engen Spiele für sich entscheiden kann. Ich wünsche mir einfach, dass alle Spieler gesund bleiben. Aber wenn alle ihre Topleistung bringen, kann das Team sehr, sehr weit kommen.

(Das Interview führte Stephan Schiffner. Aufgezeichnet von Helge Hommers.)

Handball-Nationalspieler Lemke über sein Comeback, Bam-Bam und Corona

Video vom 9. Dezember 2020
Finn Lemke sitzt lächelnd in seiner Küche.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

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Autoren

  • Stephan Schiffner Redakteur und Moderator und Autor
  • Helge Hommers Autor

Dieses Thema im Programm: Sportblitz, 13. Januar 2020, 18:06 uhr