Bremerhavener Basketballer kämpft gegen "Onkel Toms Hütte"

Der Basketballer Moses Pölking fordert die Umbenennung des gleichnamigen Berliner U-Bahnhofs. Der Name sei rassistisch, sagt der Spieler der Eisbären Bremerhaven.

Der Basketballer Moses Pölking von den Eisbären Bremerhaven setzt zum Dribbling an.
Seit der vergangenen Saison ist Moses Pölking (rechts) für die Eisbären Bremerhaven am Ball. Augewachsen ist er in Berlin. Bild: Imago | Zink

Immer wieder kommt es, je nach Epoche und Zeitgeist, zu Diskussionen um Straßennamen. So auch in Bremen, wo weiterhin einige Straßenschilder Kolonialverbrecher wie Adolf Lüderitz oder NS-Anhängerin Hedwig Heyl ehren. In Berlin wiederum fordern Aktivisten seit Jahrzehnten eine Umbenennung des U-Bahnhofs "Mohrenstraße", da "Mohr" eine abwertende Zuschreibung für Menschen mit dunkler Hautfarbe ist. Nach dem gewaltsamen Tod des Afroamerikaners George Floyd und der auch in Deutschland entflammten Rassismus-Debatte teilten vor kurzem die Berliner Verkehrsbetriebe mit, dem U-Bahnhof einen neuen Namen geben zu wollen. Für Moses Pölking, Basketballer der Eisbären Bremerhaven, war das ein Weckruf.

Mir hat das die Augen geöffnet und gezeigt, dass ich als Privatperson etwas erreichen kann. Und dass ich, wenn es um Dinge geht, die mich stören, auch etwas verändern kann.

Basketballer Moses Pölking von den Eisbären Bremerhaven

Der 22-Jährige ist als Sohn eines Deutschen und einer Kamerunerin in Berlin aufgewachsen. Seit der vergangenen Saison spielt er in Bremerhaven, seine Freundin aber wohnt weiterhin in Berlin. Wenn er sie besucht, kommt er oft an der "Onkel-Tom-Straße" und dem U-Bahnhof "Onkel Toms Hütte" vorbei. Der Verweis auf den gleichnamigen Roman der US-Schriftstellerin Harriet Beecher Stowe ist ihm ein "schmerzhafter Dorn im Auge", so Pölking. Er erinnere ihn an einige negativen Momente, die er in seinem Leben erfahren musste.

Ich habe am eigenen Leib erlebt, was Alltagsrassismus ist und weiß, was es heißt, in Deutschland nicht als vollwertiges Mitglied gesehen zu werden.

Basketballer Moses Pölking von den Eisbären Bremerhaven

Aus diesem Grund hat Pölking sich entschieden, eine Online-Petition zu starten, in der er sich für eine Umbenennung des U-Bahnhofs und der Straße einsetzt. Inzwischen haben fast 13.000 Menschen den Aufruf unterschrieben.

Warum aber stört sich der Bremerhavener an dem Roman? Schließlich gilt er seit seinem Erscheinen im Jahr 1852 als literarisches Sinnbild für die Grausamkeit der Sklaverei. "Man muss das Buch differenziert betrachten," sagt Pölking. Klar, auf den ersten Blick sei es ein Werk, mit dem sich seine Autorin für die Abschaffung der Sklaverei einsetze. Zugleich bediene es aber Klischees, mit denen konfrontiert zu werden für schwarze Menschen schmerzhaft sei. "Die Charaktere sind von rassistischen Stereotype durchzogen", so Pölking. Hinzu kommt: Der Protagonist Tom verkörpere einen gutmütigen Sklaven, der loyal zu seinem Besitzer ist und den Widerstandswillen anderer Sklaven durch seine Nächstenliebe unterdrückt – was viele Afroamerikaner kritisch sehen.

Nur zwei deutsche Straßen haben afrodeutsche Namensgeber

Das unterwürfige und angepasste Verhalten des Afroamerikaners Tom gegenüber seiner weißen Herren bezeichnet man heutzutage auch als Onkel-Tom-Syndrom. Die Bezeichnung "Uncle Tom" wiederum versteht man daher in den USA auch als Schimpfwort. In Deutschland ist dies nicht der Fall, weshalb nicht alle seiner Mitmenschen Pölkings Anliegen teilen. Einige schreiben ihm, kritisieren ihn für das, wofür er sich einsetzt. "Diese Leute denken sehr eindimensional", erzählt Pölking. "Viele von denen werfen mir vor, dass ich einen Teil der deutschen Geschichte ausradieren möchte." Dies sei aber nicht der Fall, es stelle sich für ihn vielmehr die Frage, wie man gedenken möchte.

Im Hinblick auf eine mögliche Umbenennung und potenziellen Namensgebern hat er sich bereits Gedanken gemacht: "Gut vorstellen könnte ich mir einen Bürgerrechtler, der viel für die afrodeutsche Community getan hat." Ein Kandidat sei etwa der Aufklärer Anton Wilhelm Amo, der im 18. Jahrhundert als ehemaliger Sklave und "Kammermohr" ein anerkannter Philosoph wurde. Sein Name ist jedenfalls noch verfügbar. Deutschlandweit tragen ohnehin nur zwei Straßen die Namen von schwarzen Menschen, die eine deutsche Nationalität vorweisen – und das bei rund 450.000 Straßen, die in Deutschland nach einem Menschen benannt sind.

Ungeliebte Straßennamen mit NS- und kolonialer Vergangenheit

Video vom 15. März 2018
Straßenschild der Lüderitzstraße mit Zusatzschild der geschichtlichen Kontextualisierung
Bild: Radio Bremen

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Autor

  • Helge Hommers

Dieses Thema im Programm: Bremen Next, 29. Juli 2020, 9:10 Uhr