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Werders Finanzchef Filbry: "Uns fehlen 40 Millionen an Einnahmen"

Corona hat Werders Lage dramatisch verschärft: Ein Kredit über 20 Millionen Euro hat die Liquidität gesichert. Aber wie lange hält der Verein in der Krise noch durch?

Video vom 22. Februar 2021
Werder-Finanzchef Klaus Filbry sitzt in seinem Büro beim Interview mit dem Sportblitz.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Leeres Stadion – leere Kassen: In der Corona-Pandemie schmilzt Werders Budget im Rekord-Tempo. Nach Sportblitz-Informationen bricht der Umsatz der Grün-Weißen dramatisch ein, von 157 Millionen Euro im Jahr 2019 auf 116 Millionen Euro im vergangenen Jahr – das ist ein Minus von 41 Millionen Euro.

Entstanden ist die prekäre finanzielle Lage durch mehrere Faktoren: 1,5 Millionen Euro verliert Werder Bremen bei jedem Heimspiel ohne Publikum, Spieltag für Spieltag. Acht Millionen Euro weniger als ursprünglich vereinbart bekommt der Klub anteilig von den TV-Verträgen. Insgesamt wurde die Summe für die Bundesligisten um 200 Millionen Euro gesenkt. Dafür zahlen die TV-Rechteinhaber jedoch bei einer möglichen Saison-Unterbrechung weiter.

Geschätzte Verluste bis 2022: 40 Millionen Euro

Und: Der Transfermarkt ist durch die Pandemie eingebrochen. Die einzige Ausnahme blieb für Werder der Abgang von Davy Klaassen. Die kolportierten 13 Millionen Euro waren segensreiches Geld, aber selbst das konnte die Lage nicht wesentlich abmildern: Werders Finanzchef Klaus Filbry schätzt die Verluste bis zum Sommer 2022 auf 40 Millionen Euro.

Das Erste, was wir betont haben, ist Liquidität abzusichern. Das ist uns durch eine gute Zusammenarbeit mit unseren Banken gelungen. Und einen Kredit, den wir mit drei Banken aufgenommen haben, der abgesichert ist durch eine Landesbürgschaft.

Werder-Finanzchef Klaus Filbry

Wirtschaftsexperte sieht noch keinen Grund zur Panik

Aber die Lage war und bleibt bedrohlich, das Eigenkapital ist weggeflossen: Statt 7,6 Millionen Euro steht da nun ein ungedeckter Fehlbetrag von 16 Millionen Euro bei den Grün-Weißen. Ein Alarmzeichen ist das, sagt Wirtschaftsprofessor Henning Zülch von der Handelshochschule Leipzig: "Aber noch kein Grund zur Panik." Zülch analysiert, wie Bundesliga-Klubs wirtschaften und ordnet Werders Schulden ein: Der Bestand des Klubs ist seiner Meinung nach angespannt, auch wenn andere Vereine Schulden über Jahre vor sich herschieben.

Schalke 04 hat schon sehr lange ein negatives Eigenkapital und hohe Schulden. Die Frage ist, wenn sie neue Zuschüsse kriegen und neue Sponsoren: Investieren sie dann oder stopfen sie nur Lücken?

Wirtschaftsprofessor Henning Zülch von der Handelshochschule Leipzig

Schalke hat immer frisches Geld bekommen, Werder dreht gerade jeden Euro um. Der SVW stopft Lücken, stoppt alle Investitionen und verschiebt den Bau eines Nachwuchs-Leistungszentrums – dabei wäre gerade das ein wichtiger Faktor in der Zukunftsstrategie des Vereins.

Auch das könnte ein Teil des Geschäftmodells sein: Hervorragende Jugendarbeit, einen Teil der jungen Spieler integrieren in die aktuelle Bundesliga-Mannschaft und auf der anderen Seite Spieler entwickeln, die man dann verkaufen kann.

Wirtschaftsprofessor Henning Zülch von der Handelshochschule Leipzig

Werder muss den Rotstift ansetzen

Eines steht für Werder jedoch fest: Es muss gespart werden, wo es nur geht. Handlungsspielräume gibt es derzeit kaum, so muss Filbry im Verein den Rotstift ansetzen. Das geht bis hin zu den Reisekosten. Bus statt Flugzeug, heißt es. Beim Team, das letztes Jahr noch das Ziel Europa hatte, sind Gehälter und sportliches Niveau auseinander gedriftet: 72 Millionen Euro flossen 2019 ins Personal.

Sie müssen durchs Unternehmen gehen und schauen: Wo sind exzessive Kosten? Sie müssen perspektivisch die Kaderkosten anpassen und Transfererlöse erzielen.

Werder-Finanzchef Klaus Filbry

Anleihen als Rettungsanker

Sparen allein wird nicht reichen, frisches Geld muss her, etwa durch Ablösen für Milot Rashica oder auch Ludwig Augustinsson – doch Rashicas Marktwert ist im Sinkflug, der von Augustinsson nicht hoch genug. Neue Einkommensquellen sind für Filbry dagegen nur schwer zu erschließen. Das Beispiel E-Sports: Werder macht mit dieser neueren Sparte mittlerweile 400.000 Euro Gewinn – doch das ist zu wenig, um andere Verluste auszugleichen. Von den Banken bekommt Werder kein Geld mehr, nur noch auf dem freien Kapitalmarkt. Anleihen sind daher wohl der letzte Rettungsanker vor der Insolvenz. Wie bestandsgefährdend ist diese Krise für Werder Bremen?

Das wissen wir nicht, und das versuchen wir zu kommunzieren. Wir sind in einer Pandemie-Situation, wir sind noch im Sturm und wissen nicht, wann er vorbei sein wird.

Werder-Finanzchef Klaus Filbry

Noch sei die Liquidität gesichert, sagt Filbry, der die größte finanzielle Krise der Klub-Geschichte stemmen muss. Fest steht, dass der Wind für Werder auch nach der Pandemie fühlbar rauer sein wird.

Werders Finanzkrise: 40 Millionen Euro weniger Einnahmen

Video vom 22. Februar 2021
Grüne Sitzreihen auf der Tribüne des Weser-Stadions, die mit rot-weißem Absperrband umwickelt sind.
Bild: Gumzmedia | Andreas Gumz
Bild: Gumzmedia | Andreas Gumz

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Autor

  • Yannick Lowin Redakteur und Autor

Dieses Thema im Programm: Sportblitz, 22. Februar 2021, 18:06 Uhr