Aufbruchstimmung bei Werder: Wird jetzt alles besser?

Trainer Kohfeldt sagt, er habe noch nie so viel Spaß gehabt wie jetzt. Doch der Ernst beginnt nun im Trainingslager im Zillertal. Und da hat Werder genug Baustellen.

Marco Friedl, Joshua Sargent, Romano Schmid und Felix Agu stehen nach dem Testspiel nebeneinander in lässiger Siegerpose.
Die neue Lockerheit: Marco Friedl (von links), Joshua Sargent, Romano Schmid und Felix Agu nach dem Testspiel gegen Braunschweig in lässiger Siegerpose. Bild: Gumzmedia | Andreas Gumz

Über die vergangene Saison möchte Florian Kohfeldt eigentlich nicht mehr sprechen. Wer mag es ihm verdenken, dass er nicht dauernd an katastrophale Leistungen, wohl durchdachte Pläne, die dann doch nicht funktioniert haben, und ein stetig prall gefülltes Lazarett erinnert werden möchte. Kohfeldt will den Neustart und zieht deshalb einen Schlussstrich unter das Vergangene. Mit Beginn der Vorbereitung soll alles besser für Werder werden – aber kann das gelingen?

Denn wenn sich Kohfeldt am späten Freitagabend auf den Weg ins erste und einzige Trainingslager der Saison ins Zillertal macht, dann schleppen die meisten seiner 29 Spieler einen gewaltigen Rucksack mit sich mit. Angefüllt mit den schlechten und frustrierenden Erfahrungen der vergangenen Saison, in der man um haaresbreite abgestiegen wäre. Neue sind kaum hinzugekommen (Agu, Erras, Schmid). Kohfeldt sieht das nicht als Problem, im Gegenteil. "Ich spüre da einen Hunger", sagte der Werder-Coach, "eine Mentalität, es vor allem uns selbst zeigen zu wollen, dass das im letzten Jahr nicht unser wahres Gesicht war. Und diesen Willen spüre ich bisher in jedem Training."

Fehler aus der letzten Vorbereitung vermeiden

Es sei bereits ein "sehr guter Zug drin", lobte Kohfeldt. Die ersten zehn Tage der Vorbereitung seien erfreulich gelaufen, auch beim 2:0-Sieg im Testpiel gegen Eintracht Braunschweig sei laut Kohfeldt die richtige Mentalität dagewesen. Seine Spieler hätten nachgesetzt, konsequent verteidigt, es nicht einfach nur laufen lassen bei extrem heißen Temperaturen. Und das Wichtigere aber war der kleine Nachsatz: "Wir haben die Spieler zehn Tage lang gesund gehalten." Einzig Kapitän Niklas Moisander und Verteidiger Milos Veljkovic sind angeschlagen. Kein Vergleich also zum Status quo im Vorjahr.

Doch der Blick wird nun besonders auf das Trainingslager gerichtet sein. Denn vor einem Jahr hatten Kohfeldt und die Bremer nach dem Rausch von Tabellenplatz acht am Saisonende ein bisschen zu viel gewollt. Und manchen Spieler dabei mitunter wohl etwas überfordert. Die extrem hohen Verletzungszahlen will Kohfeldt damit nicht erklären, trotzdem war ganz offenbar im Zusammenspiel zwischen ihm und seinem Trainerstab manche Information auf der Strecke geblieben.

Es gab Einzelfälle, bei denen in der Kombination aus Mannschaftstraining und Dingen, die zusätzlich mit dem Spieler passiert sind, und die in letzter Konsequenz in meiner Verantwortung liegen, wir das ein oder andere falsch gemacht haben.

Werder-Trainer Florian Kohfeldt am Donnerstag

Spaß, Lockerheit und keine Störfaktoren

Heißt im Klartext wohl, dass Kohfeldt mitunter nicht darüber informiert war, in welchem Umfang mit Spielern nach dem Training noch weitergearbeitet wurde. Aber Kohfeldt ist konsequent. Umfang und Intensität der Spielerprogramms werden nun angepasst. Und von zwei Co-Trainern trennte man sich. Als er die Arbeit mit dem neuen Trainerstab nun beschreiben sollte, betonte Kohfeldt in seiner Lobeshymne vor allem die großartige "Kommunikation und Abstimmung". Zwischen den Zeilen braucht man da nicht viel zu lesen. Die Arbeit sei "kommunikativ, harmonisch, ohne dass es streichelnd ist, und zielführend", lobte Kohfeldt: "Ich genieße das sehr und ich kann mich nicht erinnern, dass ich in den letzten zwei Jahren so viel Spaß gehabt hätte."

Doch bei aller Freude und Lockerheit, die Kohfeldt in diesen Tagen ausstrahlen will, wird es ab Samstag ernst für ihn und seine Mannschaft. Es stehen viele Problemfelder auf der Agenda, sei es das Gegenpressing oder die leidigen Standards oder die Themen Gegentore vermeiden und selber mehr Tore schießen. Kohfeldt hofft in der Abgeschiedenheit der österreichischen Idylle, dass sich die Mannschaft zusammenfindet. Teambuilding also auf Neudeutsch. Das scheint dank Corona ganz allein im Hotel und ohne Störfaktoren von Außen etwas einfacher als gewöhnlich zu sein. Und dieses Mal sind bereits im Grunde alle Spieler schon da, die zum Bundesliga-Kader gehören werden.

"Das Trainingslager hat eine höhere Bedeutung als sonst", betonte Kohfeldt. Hier sollen sich Automatismen und ein Teamgeist entwickeln, den man beim Saisonstart in gut vier Wochen dringend benötigt und nicht auf Knopfdruck parat hat. "Das war ein ordentlicher Auftakt in die Vorbereitung", so Kohfeldt, "jetzt freuen wir uns aufs Zillertal." Es herrscht Aufbruchstimmung bei Werder im August 2020. Wie lange sie anhalten wird, bleibt abzuwarten. Denn diese unbeschwerte Leichtigkeit kann so schnell verfliegen wie eine Sommerbrise.

Werders Sommerfahrplan 2020

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Vor der neuen Saison: Werder-Trainer Kohfeldt voller Tatendrang

Video vom 13. August 2020
Florian Kohfeldt erklärt seinen Spielern mit Nachdruck und Gesten etwas auf dem Trainingsplatz.
Bild: Gumzmedia | Andreas Gumz

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Autorin

  • Petra Philippsen

Dieses Thema im Programm: Sportblitz, 14. August 2020, 18:06 Uhr