5 Dinge, die bei Werder gründlich schief gelaufen sind

Man träumte von Europa und erwachte in einem Albtraum: Dass die Bremer gegen den Abstieg kämpften, kam jedoch nicht unerwartet – und war auch nicht unverdient.

Milot Rashica zieht sich nach der Niederlage frustriert das Trikot über den Kopf.
Eine Saison zum Weggucken: Werder Bremen spielte historisch schlecht und rettete sich erst im letzten Moment über die Relegation gegen Zweitligist Heidenheim. Bild: Imago | Nordphoto

Florian Kohfeldt war am Montagabend einfach nur noch platt. Der stets so eloquente und versierte Conférencier von Werder Bremen war nach dem Schlussdrama von Heidenheim einfach durch, das war ihm deutlich anzusehen. Der Trainer hatte keine Kraft mehr, die insgesamt schwache Leistung seiner Mannschaft ein letztes Mal wegzulächeln oder sie mit fußballfachlichen Ausführungen weg zu moderieren. Es reichte jetzt, es war genug.

"Das hat so viel Kraft gekostet, die letzten neun Monate eigentlich", sagte Kohfeldt und pustete durch. Beschönigen wollte er auch nichts. Der Klassenerhalt war mit Ach und Krach im Nachsitzen geschafft, aber es blieb eine "Scheiß Saison", betonte er, "eine katastrophale, schlechte Saison. Das ist unbestritten".

Dass Werder nicht wie selbst erhofft um Europa sondern um die nackte Existenz in der Bundesliga kämpfte, kam jedoch nicht unerwartet – und war auch nicht unverdient. Denn mindestens fünf Dinge sind bei den Grün-Weißen in dieser Saison gründlich schief gelaufen.

1 Zu spät im Abstiegskampf aufgewacht

Werder war zur Winterpause längst in Schieflage geraten und musste auf dem direkten Abstiegsplatz überwintern, da hatten viele Spieler scheinbar immer noch die Gedanken im Kopf: 'Wir wollten doch eigentlich nach Europa und wir sind ja viel zu gut, um abzusteigen.' Und dieses Mantra wurden sie auch bis Corona-Zwangspause nicht los. Immer waren sie nach einer Niederlage verblüfft, wie das denn passieren konnte und sich aber sofort sicher, dass sie ja noch viele Spiele Zeit hätten, um den Fauxpas wieder auszubügeln. Doch Spiel um Spiel glich sich, das Konzept Abstiegskampf kam bei der Mannschaft einfach nicht an. Wird schon, irgendwie. Yuya Osako wurde ein wenig zum Symbol dafür, wie wenig Werder für den Abstiegskampf gemacht war. Hätte Düsseldorf beim Saisonfinale nicht gepatzt und Heidenheim den Bremer nicht das Eigentor geschenkt – dann wäre Werder jetzt in der 2. Liga aufgewacht und hätte sich gewundert, wie das denn passieren konnte.

2 Zu viel gewollt in der Sommerpause

Das Unheil nahm im Grunde bereits nach der vergangenen Saison seinen Lauf. Werder hatte es auf Rang acht geschafft und war knapp an Europa vorbei geschrammt. Das weckte Hoffnungen auf mehr - besonders in den eigenen Reihen. Als sich schließlich gleich zu Beginn der neuen Saison die Zahl der verletzten Spieler häufte, zeitweise sogar irrwitzige Ausmaße einer kompletten Mannschaft annahm, musste Sportchef Frank Baumann im Winter doch konstatieren: "Wir haben in der Sommervorbereitung wohl zu viel gewollt."

Aus der so wichtigen Belastungssteuerung war eine Überlastung geworden. Da Werder etliche Spieler im fortgeschrittenen Sportleralter im Kader hat, ebenso einige ohnehin verletzungsanfällige Profis, entwickelte sich eine Spirale, die sich nicht mehr zurückdrehen ließ. Werder kann heilfroh sein, dass die Corona-Zwangspause den Verletzten Zeit verschaffte, sich zu regenerieren. Doch auch wenn sich Kohfeldt vehement dagegen verwahrt, dass die Verletzungsmisere mit den überambitionierten Ansprüchen zu tun hatte, so muss sich der Trainer doch fragen, wieso seine Spieler nur in den ersten Partien nach dem Liga-Neustart wirklich körperlich fit wirkten. Besonders im Relegationsduell mit Heidenheim schienen die Werder-Profis platt zu sein. Komplett austariert scheint das Fitness- und Regenerationsprogramm also nicht gewesen zu sein.

3 Zu Hause einfach zu schlecht

Niklas Moisander, Marco Friedl, Davy Klaassen und Milot Rashica stehen enttäuscht auf dem Rasen nach der Niederlage.
Immer das gleiche Bild: Hänge Köpfe und ratlose Gesichter. Werder hatte viel zu lange die bedrohliche Lage nicht erkannt. Bild: Gumzmedia | Andreas Gumz

Es hilft nicht, es zu beschönigen: Werders Heimbilanz in dieser Saison war ein völliges Desaster. Ob mit oder ohne Fans – die Auftritte hätten über kurz oder lang die Kundschaft aus dem Weser-Stadion getrieben. Zwei Siege, drei Remis, zwölf Niederlagen und Platz 17 der Heimtabelle: Werders Heimspiele glichen einem sportlichen Offenbarungseid. Ausgerechnet jene Mannschaft, die stets eine Macht in den eigenen Mauern war und die so viel Kraft aus der Rückendeckung von den eigenen Tribünen bezog, die wusste sich im eigenen Stadion auf einmal nicht mehr zu wehren. Dass es beim Saisonfinale gegen Köln doch noch zu einem 6:1-Sieg reichte, reichte bei der katastrophalen Bilanz nicht mal mehr zur Ergebniskosmetik. Dass Werder in der Auswärtstabelle den achten Platz belegt muss die Bremer umso mehr ärgern. Doch wer es in einer Saison nur auf zwei Heimsiege bringt, der konnte mit einem Klassenerhalt eigentlich nicht mehr rechnen.

4 Zu schlecht ausgesehen bei Standards

Die nächste Statistik war ähnlich verheerend wie die der Heimbilanz und hätte Werder am Ende fast das Genick gebrochen: die Gegentore (69 Stück). Und der genauere Blick macht die Sache für die Bremer nur noch schlimmer. Werder kassierte insgesamt 18 Kopfballgegentore – das sind sechs Mal so viele wie in der Saison zuvor. Zudem setzte es 13 Gegentreffer nach Eckbällen – hier vervierfachte Werder den Wert der Vorsaison. Insgesamt litten die Grün-Weißen unter akuter Standardschwäche: 22 Gegentore fingen sie sich, das war Ligatiefstwert. Dass die meisten Treffer über die linke Abwehrseite fielen, dürfte der langen Ausfallzeit von Ludwig Augustinsson geschuldet sein. Marco Friedl war besonders im Spiel nach vorne kein adäquater Ersatz für den schwedischen Nationalspieler. Besonders bitter: Werder hat mit Co-Trainer Ilja Gruew extra einen Standard-Coach beschäftigt. Große Empfehlungen verdiente sich dieser jedoch nicht – zumindest muss er sich mit ankreiden lassen, dass er Werders Schlafmützigkeit bei Standards nicht aus den Spielerköpfen schütteln konnte.

5 Zu sehr den Abgang von Max Kruse unterschätzt

Es war wohl der fatalste Irrtum, den Baumann und Kohfeldt gemeinsam begingen: Zu glauben, dass sie Max Kruse mit eigenen Bordmitteln ersetzen könnten. Kapitän Kruse war in der Vorsaison das "Herz und Hirn" der Bremer Mannschaft, ein Goalgetter, Spielgestalter und vor allem Anführer. Kruse sagte, wo es langging. Und dann ging er voran. Ohne Kruse wurde das Bremer Spiel ausrechenbarer, eindimensionaler. Es fehlte der Unterschiedsspieler. Dass sich Niclas Füllkrug schwer verletzte (Kreuzbandriss) kam erschwerend hinzu.

Doch das besondere Element, das Querkopf Kruse auch mit Anfang 30 noch mitbrachte, konnte Werder in dieser Saison nicht ersetzen. Zudem ließ sich Kohfeldt nach seiner berauschenden ersten Spielzeit als Cheftrainer, der ihn und Werder auf Rang acht gebracht hatte, wohl einfach mitreißen vom Glauben an die eigenen Möglichkeiten und hat seine Mannschaft dabei ein Stück weit überschätzt. Dass er mit diesem Kader überhaupt in Abstiegsnot geriet, konnte Kohfeldt auch am Montagabend in Heidenheim noch nicht verstehen. Und darin besteht vielleicht das größte Dilemma für Werder: Denn man könnte bald wieder im gleichen Albtraum erwachen.

Zwischen Jubel und Randale: So bewegt Werders Klassenerhalt Bremen

Video vom 7. Juli 2020
Ein Mann steht in einer Menschenmenge und hebt jubelnd die Arme
Bild: Radio Bremen

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Autorin

  • Petra Philippsen

Dieses Thema im Programm: Sportblitz, 7. Juli 2020, 18:06 Uhr