Werders trotzige Antwort

Trainer Kohfeldt stand unter der Woche besonders unter Beschuss. Doch die Angriffe stachelten ihn und seine Spieler zu einer Trotzreaktion gegen Freiburg an.

Florian Kohfeldt steht mit zwei Meter großem Abstand den TV-Journalisten für das Interview nach dem Spiel gegenüber.
Auf Abstand: Nicht nur aufgrund der Hygienebestimmungen bestand in dieser Woche eine gewisse Kluft zwischen Florian Kohfeldt (links) und den Medien. Bild: Imago | Poolfoto

Jiri Pavlenka ließ sich auf die Ersatzbank fallen, alle Viere von sich gestreckt. Werders Keeper pumpte und pumpte, als hätte er gerade einen Marathon hinter sich. Und irgendwie mussten sich die vergangenen 96 Minuten auf dem Rasen des Freiburger Schwarzwaldstadions auch so angefühlt haben. Mit allen Höhen und Tiefen, mittendrin im Spannungsfeld zwischen Jubel und Leiden, Bangen und Hoffen – aber Werder hatte es überstanden. Ein Sieg, nach 126 Tagen. Ein 1:0-Sieg, den die Bremer als Kollektiv über die Ziellinie gerettet hatten. Dabei hatte man sie schon abgeschrieben.

Auch von Florian Kohfeldt war nach dem Abpfiff eine zentnerschwere Last abgefallen. Der Werder-Coach hatte die ganze Woche unter Beschuss gestanden, nun verschwand Kohfeldt direkt in den Katakomben. "Ich bin auch erst einmal in die Kabine und habe mich hingesetzt", sagte er bei Sky: "Die Erleichterung, wenn der Schiedsrichter abpfeift, ist groß." Die Kritik an seiner Person nach dem schwachen Auftritt seiner Mannschaft gegen Leverkusen am vergangenen Montag hatte Kohfeldt getroffen, verletzt gar. Auch ehemalige Vereinsgrößen hatten sich auf ihn eingeschossen, das wollte Kohfeldt nicht kampflos hinnehmen. "Das fördert bei mir eher eine gewisse Form von Trotz", hatte der Trainer betont und offenbar seine Spieler damit erreichen können.

Werder spielt engagiert, statt kontaktlos

Leonardo Bittencourt im Kopfballduell mit einem Freiburger Spieler.
Voller Einsatz: Gegen Freiburg spielte Werder deutlich engagierter als zuletzt – Leonardo Bittencourt (rechts) gelang das 1:0. Bild: Pool/gumzmedia/nordphoto

Denn so agierten sie auf dem Spielfeld, Werder gab seine trotzige Antwort auf die Abgesänge der vergangenen Tage. Es war kein Hochglanzauftritt, aber den brauchte auch niemand zu erwarten. Es war ein hart erarbeiteter, erkämpfter Sieg. Ein scharfer Kontrast zur Leistung gegen Leverkusen. Da hatten die Bremer kontaktlos gespielt, gegen Freiburg waren sie engagiert, mit der richtigen Körpersprache, mit willigem Einsatz. Der Distanzhammer von Leonardo Bittencourt in der 19. Minute sollte der einzige Treffer bleiben, aber Werder rettete ihn mit letzter Kraft über die Zeit.

Das tut uns gut, das Spiel zu gewinnen. Das gibt den Schwung, dann auch weiterzumachen. Wir haben uns überall reingehauen und sind froh, dass wir die drei Punkte mitnehmen konnten.

Werder-Torschütze Leonardo Bittencourt

Freiburger Dauerfeuer auf Pavlenka

Jiri Pavlenka holt aus, um den Ball zurück ins Spiel zu werfen.
Starker Rückhalt gegen Freiburg: Werder-Keeper Jiri Pavlenka. Bild: Pool/gumzmedia/nordphoto

Auch Pavlenka war am Samstagnachmittag endlich wieder jener Rückhalt, den die Bremer so lange vermisst hatte. Nicolas Höfler und Chang-hun Kwon scheiterten mit ihren Krachern aus der zweiten Reihe, Nils Petersens Schuss knallte erst an den Pfosten, dann vereitelte Pavlenka mit dem Abpfiff den Ausgleich durch Petersen – der Tscheche stand unter Freiburger Dauerfeuer und hielt stand.

Kohfeldt hatte sein verbales Dauerfeuer erst einmal weggesteckt, aber es hat wohl Spuren hinterlassen. Der so eloquente und zugewandte Trainer wirkte beim Interview nach dem Spiel nicht nur aufgrund der Hygienevorschriften etwas distanzierter als gewöhnlich. Und euphorisch wollte er mit nun 21 Punkten bei acht verbleibenden Spielen schon gar nicht rüberkommen.

Das war maximal ein erster Schritt, da müssen wir weitergehen, mit dieser Energie. Wir müssen den Fokus jetzt in den nächsten fünf Wochen aufrechterhalten, in diesem Modus bleiben, denn es ist noch nichts passiert. Wir haben gewonnen, das war sehr wichtig, es aber es war eines von neun Finals.

Werder-Trainer Florian Kohfeldt bei Sky

"Das war ein erster Schritt"

Der Trotz hatte wohl endlich die Lebensgeister der mutlosen Werder-Profis geweckt. Und Kohfeldt konnte seinen Kritikern beweisen, dass er seine Spieler immer noch erreicht. "Das war ein erster Schritt, nicht mehr, aber es war ein erster Schritt", mahnte er.

Bisher konnte seine Mannschaft den Schwung nach besseren Leistungen nie ins nächste Spiel mitnehmen. Doch jetzt muss Kohfeldt hoffen, dass er etwas entfacht hat. Denn die Zeit arbeitet weiter gegen sie. "Die Basis von allem bleibt dieser Kampf, diese Leidenschaft. Das ist das, was uns stark machen muss – das haben wir heute gezeigt." Aller Kritik zum Trotz.

Florian Kohfeldt kämpft: "Ich bin der Beste auf der Position"

Video vom 22. Mai 2020
Werder Bremens Trainer Florian Kohfeldt im Interview.

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Autorin

  • Petra Philippsen

Dieses Thema im Programm: ARD, Sportschau, 23. Mai 2020, 19 Uhr