Die 5 akuten Werder-Baustellen – nach dem verpatzten Saisonstart

Die Zuversicht ist bei Werder Bremen schon nach den ersten 90 Minuten verpufft. Defensivschwäche, fehlende Einstellung – es ist bisher keine Besserung erkennbar.

Florian Kohfeldt, Tim Borowski und Christian Vander sitzen nachdenklich beim Bundesligastart auf der Trainerbank.
Fehlstart in der Bundesliga und ratlose Gesichter bei Werder-Coach Florian Kohfeldt (von links), Co-Trainer Tim Borowski und Torwart-Trainer Christian Vander. Bild: Gumzmedia | Andreas Gumz

Florian Kohfeldt hätte am Samstagnachmittag hinter die fürchterliche, vergangene Saison gerne endgültig einen Haken gemacht. Mit frischem Schwung und echter Siegermentalität wollte man die neue Saison erfolgreich einläuten, alles sollte besser werden. So hoffte der Werder-Coach.

Gerade einmal 75 Tage nach der Dusel-Relegation war das vielleicht ein wenig zu viel erwartet – doch zumindest ein paar Fortschritte hätten bei den Bremern im Spiel gegen Hertha BSC sichtbar sein müssen. Stattdessen offenbarte die 1:4-Schlappe, dass Werder seine akuten Baustellen immer noch nicht schließen konnte.

1 Die fehlende Einstellung

Im Training hätten sie immer die richtige Mentalität an den Tag gelegt, hatte Kohfeldt stets gelobt. Leider zeigte sie seine Mannschaft aber nicht, als es darauf ankam. Im ersten Bundesligaspiel der neuen Saison war die vom Trainer geforderte aggressive Mentalität wohl in der Kabine geblieben. Dass Werder in jeder Phase der Partie bis zum letzten gekämpft hätte, war auch nicht zu sehen. Hinterher musste Kohfeldt konstatieren, dass seine Spieler nicht bissig, "nicht gallig genug" gewesen waren, um ein Bundesligaspiel zu gewinnen. Spielerisch fehlen ihnen die Mittel, um das durchgängig zu schaffen. Daher bräuchten sie die richtige Einstellung dringend – doch sie fehlte.

Das war ernüchternd. Sowohl vom Ergebnis als auch von der Leistung her. Das war ein Warnschuss. Wir müssen schnell wieder zu einem aggressiven Spiel zurückfinden.

Werder-Sportchef Frank Baumann

2 Die schwache Abwehr

Am Samstag schien Murmeltiertag zu sein, denn Werders eklatante Defizite in der Defensive ziehen sich wie ein fortlaufendes Déjà-vu durch die Spiele. Auch der Saisonstart machte dem Spuk kein Ende, im Gegenteil. Beim ersten Gegentor schauten die Werder-Spieler kollektiv zu, das Verhalten beim zweiten nannte selbst Kohfeldt "naiv", beim dritten patzte Torhüter Jiri Pavlenka. Beim vierten war schon alles egal. Zudem hatte Ersatz-Innenverteidiger Marco Friedl Glück, dass sein verschuldeter Elfmeter vom Videoschiedsrichter zum Freitstoß umgewandelt wurde. "Das war dumm", kommentierte Kohfeldt die Leistung zur Halbzeit.

Schlimmer noch, Werder geriet nach den Gegentoren wieder in Panik, verlor die Ordnung und die Übersicht. Chaos pur statt Spielkontrolle. Das neue Werder-Konstrukt ist wacklig und fängt beim geringsten Rückschlag wieder an zu zittern – vor allem bedingt durch die Unsicherheit in der Abwehr.

3 Die Neuzugänge sind noch zu grün

Tahith Chong stützt auf dem Spielfeld konsterniert die Hände in die Hüften.
Stieß bei seinem Bundesliga-Debüt noch an seine Grenzen: Der von Manchester United ausgeliehene Tahith Chong. Bild: Gumzmedia | Andreas Gumz

Von Werders Neuen durfte nur Tahith Chong in Kohfeldts Startelf ran und obwohl der 20 Jahre alte Niederländer ein paar Mal seine Schnelligkeit und Dribbelfertigkeiten aufblitzen ließ, blieben es doch nur Ansätze. Gerade in der Defensive muss Chong noch dazu lernen, nach einer Stunde nahm ihn Kohfeldt raus. Das echte Rüstzeug für die Bundesliga scheint ihm noch zu fehlen und auch die anderen Neuzugänge Felix Agu, Manuel Mbom und Patrick Erras sind noch etwas zu grün für dieses Level. Besonders bei Erras, der von Zweitligist Nürnberg kam, ist das bitter – denn Werder braucht dringend einen starken Sechser. Doch eine echte Feuertaufe war für Erras bei den freundlichen Testspielen nicht dabei und Kohfeldt daher das Risiko wohl doch noch zu groß. Der erhoffte frische Wind mit neuen, jungen Spielern scheint momentan nur ein laues Lüftchen zu sein.

4 Die harmlose Offensive

Mutig hatte Kohfeldt aufgestellt, mit einem drei Mann starken Sturm – doch der entwickelte kaum Durchschlagskraft. Nach einer halben Stunde gelang Joshua Sargent der erste Torschuss für Werder, ansonsten hatte der hochgelobte, junge Amerikaner allerdings einen gebrauchten Tag erwischt. Dass der viel kritisierte Davie Selke zum 1:3 traf, kam wie Kai aus der Kiste. Selke war in diesem Spiel wieder weitgehend abgetaucht. Und sein Tor spielte kaum noch eine Rolle, denn das wirkliche Aufbäumen der Bremer blieb aus. Werder hat in der Offensive reichlich Auswahl, aber derzeit nicht genug Qualität.

5 Der angezählte Trainer

Mit dem Fehlstart hat auch die Debatte um Florian Kohfeldt neues Futter bekommen und mit jedem Misserfolg in den kommenden Spieltagen erhöht sich nun wieder der Druck auf ihn. Dass der Trainer sagte, er habe es nicht geschafft, seiner Mannschaft die Siegermentalität für das Bundesliga-Spiel zu vermitteln, klingt alarmierend. Kohfeldt war es bisher gelungen, manches Problem wegzulächeln und mit Fußballfachkenntnissen und Analysen immer lösungsorientiert zu wirken. Doch in dieser Phase zählen nur noch die Antworten auf dem Platz. Wenn die Mannschaft nicht sehr bald zählbare Erfolge und eine deutliche Leistungssteigerung abliefert, werden selbst Kohfeldt irgendwann die Argumente ausgehen. Und eine Trainerdiskussion direkt zum Saisonstart ist das letzte, was Werder gebrauchen kann.

Werder-Fans zurück im Stadion – aber nicht lange happy

Video vom 19. September 2020
Werder Bremen begeht das erste Heimspiel der Saison mit 8.500 Zuschauern im Weserstadion
Bild: Gumzmedia | Andreas Gumz

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Autorin

  • Petra Philippsen Redakteurin und Moderatorin und Autorin

Dieses Thema im Programm: buten un binnen mit Sportblitz, 20. September 2020, 19:30 Uhr