Fragen & Antworten

Der Transfermarkt in der Corona-Krise: Die Geier kreisen schon

Der Fußball steht still – und die Zukunft des Profi-Zirkus ist ungewiss. Die nächste Transferperiode kommt dennoch. Und stellt auch Werder Bremen vor Probleme.

Milot Rashica ist in einen Dortmunder Spieler gegrätscht und blickt am Boden liegend auf den Ball.
Voller Einsatz: Milot Rashica war auch im Pokalspiel gegen Borussia Dortmund einer der aktivsten Werder-Spieler - und sollte Werder im Sommer eine lukrative Summe einbringen. Bild: Imago | Mis

Nur wenig ist gewiss in Zeiten der Corona-Pandemie, die auch das globale Fußball-Business in Atem hält und bedroht. Wie geht's weiter – in dieser Saison und erst recht danach? Was passiert auf dem Transfermarkt? Kaderplanung wird zur großen Rechenaufgabe der Klubs. Was galt, gilt nicht mehr: Topstars, Leihspieler, ablösefreie Profis – alles ist anders.

Auch Werder Bremen hat eigentlich fest damit gerechnet, Milot Rashica im Sommer für mindestens 30 Millionen Euro zu verkaufen. Und das Geld im Grunde schon fest eingeplant, um den Kauf von den Leihspielern Ömer Toprak und Leonardo Bittencourt finanzieren zu können. Doch der Transfer steht völlig in den Sternen, wie das komplette System. Wir beantworten die wichtigsten Fragen zum Transfergeschäft:

Warum sind die Transfergeschäfte für die Klubs so wichtig?
In der Saison 2018/19 übertrafen die 18 Bundesligisten erstmals die Umsatzmarke von vier Milliarden Euro. Im Wirtschaftsreport der Deutschen Fußball Liga (DFL) wurde ein Gesamterlös von 4,02 Milliarden Euro ausgewiesen. 675,1 Millionen Euro entfielen auf die Transfererträge, ebenfalls Höchstwert. Bei der 2. Liga waren es 96,3 Millionen Euro. Das zeigt, welche Bedeutung Kaufen und Verkaufen für die Klubs hat.
Wären Geisterspiele die Rettung?
Die Corona-Krise trifft alle großen Ligen in Europa. Die Einbußen werden enorm sein. Geisterspiele sollen sie abmildern. Ein wirtschaftlicher Schaden von 750 Millionen steht für die 36 deutschen Erst- und Zweitligisten im Raum. Fast 400 Millionen Euro machen die TV-Einnahmen aus. Denkverbote gibt es darum nicht mehr. Vielleicht wird die Bundesligasaison irgendwann im Mai oder Juni fortgesetzt, vielleicht auch nur in ein paar Stadien – verteilt über Deutschland. Denn Spieltage kann man zerstückeln. Fußball Tag für Tag und zu verschiedenen Anstoßzeiten. Einen echten Heimvorteil gibt es ohne Zuschauer eh nicht. Personal- und Materialaufwand könnte man bei übertragenden TV-Sendern, Ordnungspersonal etc. so begrenzen.

Liga-Chef Christian Seifert hat den Ausnahmezustand drastisch skizziert: Ohne Geisterspiele müsse man sich "keine Gedanken mehr machen, ob wir künftig mit 18 oder 20 Profi-Klubs spielen".
Wie sind die möglichen Szenarien für die Klubs?
Läuft der Fußballbetrieb in dieser Saison tatsächlich nochmal an, wird das Minus bei jedem Klub niedriger ausfallen als bei einem Abbruch. Das hätte Einfluss auf die Zukunftsplanung, also auch auf die nächste Transferperiode. "Die Bundesliga wird nach dem Virus ganz sicher wieder florieren", sagte der frühere Werder-Aufsichtsratschef Willi Lemke im "Bild"-Interview. Planungssicherheit kehrt zurück – und dann auch ein rascher Rückfall in alte Handlungsmuster? "Sicherlich wird es vorübergehend eine Delle geben", glaubt der Sportökonom Christoph Breuer von der Deutschen Sporthochschule Köln.
Werden die Preise für die Topstars einbrechen?
Breuer erwartet, dass für Spieler der zweiten Kategorie wohl erstmal nicht mehr die (überhöhten) Preise gezahlt werden wie zuletzt. Auch nicht aus England, dem reichsten Fußballmarkt. "Die Preise für die Topspieler werden vermutlich nicht so stark einbrechen", sagte der Sportökonom. "Die wenigen Superstars haben weiter einen so großen Wert für die Top-Klubs, dass die Nachfrage bei den finanzkräftigen Vereinen hoch bleiben wird." Im Ausland seien das "häufig Klubs mit Investoren, die womöglich die finanzielle Krise auch ganz gut ausgleichen können", sagte Breuer.
Wie heikel wird die Kaderplanung für die Vereine?
Werders Finanzchef Klaus Filbry prognostizierte in der "Süddeutschen Zeitung", dass es in diesem Sommer "deutlich schwieriger sein wird, Transfererlöse zu erzielen". Kaderplanung wird zur Kniffelübung, und für etliche Klubs zur Überlebensstrategie. Aufgeblähte Kader müssen abgespeckt werden, Spitzenverdiener dürften zur Kostenverringerung auf dem Markt angeboten werden. Geld bringen aber nur die besten Spieler, was wiederum die sportliche Substanz aushöhlt. Über klammen Klubs kreisen schon die Geier, ist in der Branche zu hören. Nach Corona schaut eh wieder jeder Verein auf sich. Wer finanziell gut durch die Krise kommt, bedient sich dann halt beim Ausverkauf der anderen.
Was passiert mit den am 30. Juni auslaufenden Verträgen?
Eine "dreistellige Anzahl von Verträgen" läuft nach Angaben Werders Finanzchef Filbry bei den Erst- und Zweitligaclubs zum 30. Juni aus. Sie sind damit ablösefrei zu haben. Das ist normalerweise ein Vorteil für die Profis. Schalkes Torwart Alexander Nübel hat bei seinem schon im Januar fixierten Wechsel zum FC Bayern finanziell davon noch profitiert. Jetzt verschlechtert sich die Verhandlungsposition vieler Profis. Welcher Verein verpflichtet in der Krisenlage Spieler? Es droht Arbeitslosigkeit. Gerade Klubs aus dem finanziellen Mittelbau – und erst recht Zweitligisten – werden sich erstmal auf das vorhandene Personal fokussieren müssen und auf Transfererlöse hoffen.
Wie geht es mit den Leihspielern weiter?
Leihspieler können Segen und Fluch zugleich sein. Wer einen Spieler nur ausgeliehen hat, kann ihn am 30. Juni einfach zurückgeben an den Stammverein. So wie es Werder mit Hoffenheims Kevin Vogt machen wird. Aber fixe Kaufverpflichtungen sind ein Problem: Steigt Werder Bremen nicht ab, müssen die ausgeliehenen Ömer Toprak (fünf Millionen Euro) und Leonardo Bittencourt (sieben Millionen Euro) von Dortmund beziehungsweise Hoffenheim fest abgenommen werden, was die beiden Klubs freuen dürfte. Manche Vereine haben aus Leihspielern auch ein – oftmals lohnendes – Geschäftsmodell gemacht. Jetzt müssen sie einkalkulieren, viele im Sommer zurücknehmen zu müssen und erhebliche Kosten zu tragen.

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