Kommentar

Macht dem Spuk ein Ende!

Das Video von Hertha-Spieler Salomon Kalou offenbart, wie sehr sich der Fußball von seiner Basis entfernt hat. Zeit für einen Denkzettel, findet Redakteur Helge Hommers.

Geldscheine liegen hinter einem Kicktipptor, in dem aneinandergereihte Buchstabenwürfel das Wort "Corona" ergeben.
Viele Vereine stehen aufgrund der Corona-Krise vor hohen finanziellen Hürden. Bild: DPA | Fotostand / Schmitt

Eigentlich muss man Salomon Kalou dankbar sein. Denn der Hertha-Stürmer stellt mit seinem skandalösen Facebook-Video genau das zur Schau, was der Deutschen Fußball Liga trotz gegenteiliger Bekundungen ein Graus ist: maximale Transparenz. Schonungslos ehrlich führt Kalou vor Augen, woran es in der Branche hapert: an moralischen Maßstäben, Verantwortungsgefühl und Bodenhaftung. Wäre Kalou ein Enthüllungsjournalist, er hätte Applaus und Orden für seinen Scoop verdient. Zu seinem Unglück ist er nur ein Fußballer.

Geld geht vor Gesundheit

Kalous intimer Einblick ins Kabinenleben des Berliner Klubs ist in Zeiten der Corona-Pandemie ein Offenbarungseid. Während weite Teile der Gesellschaft auf Abstand zueinander gehen, grüßen sich bei der Hertha Spieler und Betreuer per Handshake. Während viele Menschen in Kurzarbeit gehen müssen oder gar ihre Jobs verlieren, hält Kalou grinsend seine Gehaltsabrechnung in die Kamera. Derweil echauffieren sich seine Teamkollegen trotz ihres Millionensalärs über den ihnen offenbar aufgezwungen Gehaltsverzicht. Die Krönung des Ganzen: Der Hertha-Physiotherapeut, der in unzureichender Schutzkleidung einen Corona-Test durchführt und Kalou auffordert, das Filmen zu unterlassen. Vermutlich, weil er weiß, was um ihn herum alles verkehrt läuft. Dumm nur, dass Kalou blöd genug war, das Video live in den Orbit zu schicken.

Salomon Kalou reckt den Daumen in die Höhe
Nach seinem Skandal-Video hat ihn sein Verein Hertha BSC inzwischen suspendiert: Salomon Kalou. Bild: Imago | Andreas Gora

Unmittelbar bevor Bund und Länder am Mittwoch über die Austragung von Geisterspielen beraten, hat der inzwischen für seine Aktion suspendierte Kalou der Bundesliga einen Bärendienst erwiesen. Mantraartig haben ihre Macher Demut, Verzicht und soziale Verantwortung gelobt, um die eigene Sonderbehandlung zu rechtfertigen. Doch sämtliche Versprechen erweisen sich immer mehr als Worthülsen. So maßregelte etwa der 1. FC Köln vor kurzem seinen Spieler Birger Verstraete, weil der in seiner belgischen Heimat in einem TV-Interview seine Sorgen kundgetan hatte. Verstraete tat es aus gutem Grund, schließlich hatte es in seinem Team drei Corona-Fälle gegeben. Außerdem gehört seine Freundin wegen eines Herzfehlers zur Risikogruppe. Der Effzeh sah das anders und bat Verstraete zum Rapport. Anschließend relativierte dieser öffentlich seine Aussage, zumal er falsch übersetzt worden sei – wer’s glaubt. Geld geht vor Gesundheit –so sieht's aus.

Werder ist das positive Gegenbeispiel

Eindrucksvoll führt uns der Fußball in der Krisenzeit vor Augen, wie sehr er sich hierzulande von seiner Basis, nämlich seinen Fans, entfernt hat. Sicherlich ticken nicht alle Spieler und Vereine so wie Kalou und Köln. Bei Werder etwa initiierten nach Klubangaben die Spieler den Gehaltsverzicht aus eigenem Antrieb. Zudem lebt der Bundesligist in der Krise vor, was Transparenz und soziales Engagement bedeutet – leider steht er damit eher alleine da. Einige Schwergewichte wie Schalke oder Dortmund besitzen sogar die Frechheit, die eigenen Anhänger um Almosen zu bitten, indem diese auf die Rückerstattung ihrer Tickets verzichten. Merkel und die Länderchefs sollten davon absehen, solch falsches Betteln auch noch in Form von Geisterspielen zu belohnen. Stattdessen sollten sie den Verantwortlichen dieser Misere lieber einen Denkzettel verpassen. Viele Fußball-Fans, die sich ihren Glauben an ihren Lieblingssport und ihre Hoffnung trotz aller Enttäuschungen noch bewahrt haben, werden es ihnen danken.

Lemke über die Werder-Krise: "Müssen uns große Sorgen machen"

Video vom 26. April 2020
Willi Lemke gestikuliert als Studiogast mit einem Mikrofon in der Hand.

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Autor

  • Helge Hommers

Dieses Thema im Programm: Sportblitz, 05. Mai 2020, 18:06 Uhr