Pro & Contra

Bundesliga-Neustart: Was dafür und was dagegen spricht

Werder und der Rest der Liga hoffen auf weitere Lockerungen in der Corona-Krise. Kritiker mahnen, dass es für eine Fortsetzung der Saison noch zu früh sei. Beide Seiten haben ihre Argumente.

Über einem eingedellten Ball, auf dem das DFL-Logo zu sehen ist, hängt ein Mundschutz
Seit Mitte März ruht in der Bundesliga der Ball. Womöglich herrscht am Mittwoch Klarheit, ob und wenn ja, wann die Saison fortgesetzt wird. Bild: Imago | Sven Simon

Werders Verantwortliche blicken gespannt auf diesen Mittwoch. Denn dann beraten Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und die 16 Ministerpräsidenten erneut über mögliche Lockerungen in der Corona- Krise. Trotz der am Montag bekanntgewordenen zehn Corona-Fälle in der 1. und 2. Bundesliga hofft Fußball-Deutschland auf ein positives Signal für die Wiederaufnahme des Spielbetriebs ohne Zuschauer. Allerdings gibt es weiterhin Gegner des Geisterspiel-Szenarios, die der Meinung sind, ein Neustart der Liga wäre in der aktuellen Situation die falsche Entscheidung.


PRO

1 Existenzsicherung:

Für die Vereine geht es um viel Geld. Wird die Saison abgebrochen, würden dem Vernehmen nach bis zu 750 Millionen Euro fehlen. Mehrere Clubs wären akut von der Insolvenz bedroht. Allein Werder drohen im allerschlimmsten Fall bis zu 45 Millionen Euro Verlust. Betroffen wären im Worst-Case-Szenario aber nicht nur die 25 bis 30 Profis pro Verein, sondern etliche weitere Mitarbeiter. Die DFL rechnete vor, dass durch den Fußball gut 56.000 Menschen beschäftigt sind. "Wir wollen keine Extrawurst, das ziemt sich auch nicht in diesen Zeiten. Aber wir sind ein Wirtschaftsunternehmen wie viele andere", sagte DFL-Chef Christian Seifert.

2 Versuchskaninchen

Leonardo Bittencourt springt jubelnd Torschütze Davy Klaassen in die Arme.
Bei Werders letzter Bundesliga-Partie reichte es in Berlin gegen die Hertha trotz 2:0-Führung nur zu einem 2:2-Unentschieden. Bild: Gumzmedia | Andreas Gumz

Der Sportmediziner Fritz Sörgel sieht im Spielbetrieb die Chance, eine bislang so nicht mögliche Studie über das Coronavirus anfertigen zu können. "Macht man sich frei davon, dass da ein sportlicher Wettkampf stattfindet, erfüllen diese Geisterspiele im Ansatz die Kriterien für eine wissenschaftliche Studie", schrieb Sörgel im "Tagesspiegel". Nach dem Plan der DFL würden etwa 1.500 relativ junge Menschen in einem räumlich festgelegten Umfeld regelmäßig aufeinandertreffen. "Wo gibt es eine Studie, die an 18 Spielplätzen über das Land verstreut je 300 Beteiligte und ihr direktes Umfeld so genau untersucht?"

3 Krisenmanagement

Zwar sind auch hierzulande mehr als 160.000 Infektionen registriert worden. Es mangelt aber nicht an der medizinischen Versorgung, die Kapazität der Tests wird immer weiter erhöht. Deshalb könnte es sich der Staat einigen Experten zufolge leisten, die Fußball-Profis engmaschig zu kontrollieren. Die DFL betonte zudem: "Sollte es durch künftige Entwicklungen – zum Beispiel eine zweite Corona-Infektionswelle – tatsächlich Engpässe geben, wird die DFL die Versorgung der Bevölkerung selbstverständlich nicht beeinträchtigen."

4 Normalität

Die Zugkraft des Fußballs ist nicht zu unterschätzen. In Zeiten weltweit bedrohlicher Nachrichten könnte der Sport beruhigend wirken und ein Stück des Alltags wiederbringen – auch wenn die Bilder der Geisterspiele vielleicht skurril anmuten würden. Der Fußball, meinte der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU), könne "viel dazu beitragen, durch diese schwierige Zeit zu kommen".


CONTRA

1 Infektionsgefahr

Der Fußball bleibt ein Vollkontaktsport. Trotz aller Vorbereitung und Hygiene-Vorgaben reicht ein Spieler oder ein Betreuer, der sich mit dem Virus infiziert, um den Spielbetrieb wieder zum Erliegen zu bringen. Am Montag meldete die DFL, dass in den 36 Clubs der 1. und 2. Liga im Rahmen der ersten Testreihe zehn Personen positiv auf das Virus getestet worden sind. Neben Spielern wurden auch der Trainerstab und Physiotherapeuten der Clubs untersucht. Für Aufregung sorgte am Montagabend zudem Hertha-Spieler Salomon Kalou. In einem Handy-Video des inzwischen vom Verein suspendierten Stürmers ist unter anderem zu sehen, wie er Mitspieler und Klubmitarbeiter per Handschlag begrüßt und Abstandsregeln missachtet werden. 

2 Spielersorgen

Köln-Verteidiger Birger Verstraete geht zum Training
Köln-Profi Birger Verstrate sprach in einem Interview in seiner belgischen Heimat von seinen Bedenken gegenüber eines Neustarts der Bundesliga. Bild: Imago | Eduard Bopp

Nach den Infektionsfällen beim 1. FC Köln sprach Mittelfeldspieler Birger Verstraete offen über seine Sorgen. Die Gesundheit seiner Familie und seiner Freundin, die als Herzpatientin zur Risikogruppe gehört, seien für ihn "von größter Bedeutung". Dies würden auch viele andere Profis so sehen. Kurz darauf rief der FC ihn zur Ordnung und relativierte seine Aussagen. Der Belgier ist aber nicht der einzige Profi sein, der sich Gedankenin diese Richtung macht. Auch der Argentinier Sergio Agüero von Manchester City hatte sich skeptisch geäußert, was eine mögliche Fortsetzung der Saison in England angeht.

3 Krisensituation

Millionen Menschen in Deutschland leiden unter der Krise, entweder als direkt Betroffene, wirtschaftlich oder wegen des stark eingeschränkten Alltags. Zahlreiche Betriebe haben Kurzarbeit angemeldet. Dementsprechend dürfte es schwer zu vermitteln sein, warum für die Fortsetzung der Bundesliga auch öffentlich derart gekämpft wird.

4 Fans

Für wen wird denn gespielt? Aus den Reihen der Fans vermehren sich Stimmen, laut derer die unbedingte Fortsetzung des Spielbetriebs überhaupt nicht im Vordergrund stehe. "Wir möchten nicht mehr über Symptome diskutieren, sondern endlich über die Krankheit und die Wege zur Gesundung des Fußballs sprechen", fordert die Organisation "Unsere Kurve". Es scheint nicht so, als würden Millionen Menschen auf den Neustart hin fiebern.

Werder-Chef Bode: "Werden keinen Spieler zu Geisterspielen zwingen"

Video vom 3. Mai 2020
Der Vorsitzende des Werder Bremen Aufsichtsrates Marco Bode im Sportblitz-Studio.
Falls sich ein Bremer Spieler Sorgen um die Gesundheit machen sollte und deshalb nicht spielen möchte, würde der Klub ihn nicht zwingen. Das verriet Aufsichtsratsboss Marco Bode.

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Dieses Thema im Programm: Sportblitz, 03. Mai 2020, 18:06 Uhr