Interview

Wie geht es mit Bremens Sportvereinen nach Corona weiter?

Freizeitsportler und die Vereine kämpfen in der Corona-Krise mit Herausforderungen. Der Präsident des Landessportbundes hofft auf Wertschätzung – auch finanziell.

Ein Junge läuft auf einer blauen Tartanbahn über Kisten
Bremens Vereinssportler müssen alternative Bewegungsformen finden. (Symbolbild) Bild: Imago | Ulmer
Herr Vroom, wie erleben Sie die Situation zurzeit, wo der Vereinssport brach liegt?
Wir haben viele Sorgen auf unterschiedlichen Ebenen. Und neben der Bewegung ist es die wesentliche soziale Komponente, die den Sport auszeichnet. Das heißt, dass uns die Freunde und Kontakte fehlen, die wir im Sport haben, neben Familie und Arbeitsplatz ist der Sportverein für viele Vereinsmitglieder wie eine zweite Familie.
Haben Sie Tipps für Sportsfreunde, die jetzt ohne Verein und Training dastehen?
Wir als Landessportbund sind ja der Dachverband. Der Sport selbst geht von den Vereinen aus. Wir haben in Bremen und Bremerhaven 397 Vereine. Und die Vereine sind sehr aktiv. Viele drehen kleine Videos, Sportanleitungen, die sie im Internet hochladen. Das ist eine Möglichkeit, bei der die Vereinsmitglieder wenigstens ihren eigenen Trainer sehen. So können sie zumindest visuell so ein bisschen die Brücke zum Verein halten und der Verein versucht so seine Mitglieder bewegt und bei Laune zu halten. Außerdem kann man sich auch noch anders bewegen: Radfahren, Walken, Joggen. Dann hat der ein oder andere auch ein Rudergerät. Und wir dürfen uns im Freien ja mit der Familie bewegen, das ist jetzt gerade für mich besonders wertvoll. Ich habe auch schon mehrere unserer Handball-Kinder gesehen, die mit ihrem Freund laufen waren, es macht ja deutlich mehr Spaß zu zweit. So kann man auch die Sozialkontakte halten und man kommt auch auf andere Gedanken.
Andreas Vroom am Rednerpult
Andreas Vroom, Präsident des Landessportbundes Bremen. Bild: Andreas Vroom
Aber im Wohnzimmer Sport mit einen Video machen – ist das nicht künstlich?
Erst mal ist Bewegung wichtig. Letztendlich braucht der Körper Bewegung, um sich wohlzufühlen und für die Gesundheit, auch zur Prävention. Das geht von Sehnenverkürzung bis Muskeltraining, Herz-Kreislauf und Stoffwechsel – das ist auch wichtig für die Durchblutung des Gehirns. Wir müssen schwitzen, um Schadstoffe auszustoßen, die Verdauung wird angeregt. Gerade Kinder, aber auch Ältere brauchen Koordinationsübungen. Wenn man jetzt mehrere Wochen gar nichts macht, fehlt dem Körper das. Deshalb ist die Motivation über die Vereinsvideos sicherlich hilfreich. Denn ich habe dann ein Gesicht von einem Trainer, dem ich sonst ja auch in der Gruppe folge. Das enthemmt, sich dann doch im eigenen Wohnzimmer oder Garten zu bewegen. Deshalb begrüße ich die Motivation, die aus dem eigenen Vereinskreis heraus kommt.
Wir müssen auf vieles verzichten und merken, wie wichtig uns das ist. Gilt das auch für den Vereinssport?
Viele haben gar nicht realisiert, wie wertvoll diese Sportgemeinschaft ist. Dieser extreme gesellschaftliche Zusammenhalt, der dadurch erfolgt. Jedes zweite Kind ist noch in einem Sportverein, ich werbe dafür zu erkennen, was das an außerschulischer Bildung für eine Chance ist. Auch von den Älteren ist jeder Vierte im Sportverein. Ich finde diese Sportvereine so extrem wichtig, das können Fitnessstudios nur teilweise kompensierten. Aber für Kinder und Jugendliche eben nicht, da bleibt der Sportverein als einzige gemeinnützige Organisation, die bindet und hält. Ich wünsche mir wirklich, dass die Menschen erkennen – und auch die Politiker – wie wertvoll das ist.
Welche Sorgen werden sonst an Sie herangetragen aktuell?
Wir haben viel telefoniert in der letzten Zeit. Es gibt einen Rettungsschirm für die Vereine. Mein Heimatverein hat die Zusage bekommen, dass das Kurzarbeitergeld für die hauptamtlichen Mitarbeiter übernommen wird. Aber wir kämpfen natürlich um unsere Organisation. Wir sind zuversichtlich, dass es zu keiner Austrittswelle der Mitglieder kommt. Aber es gibt auch andere Herausforderungen: Ein Reitverein braucht die Erträge aus den Reitstunden, um Futter für die Pferde zu bezahlen – das sind Fixkosten. Und so geht es uns mit Tennishallen, Reha-Kursen und mehr. Dafür soll der Rettungsschirm sein. Denn die Vereine dürfen keine großen Rücklagen bilden, die leben auch von der Hand in den Mund. Der Mitgliedsbeitrag soll ja möglichst niedrig gehalten werden. Aber ich freue mich, dass der Senat das auch erkannt hat und den Sport auch schützt, damit die Strukturen in so einer Phase nicht kaputtgehen. Hoffen wir, dass der aktuelle Schirm ausreicht beziehungsweise entsprechend nachgebessert wird.
Hoffen Sie, dass durch die Krise deutlich wird, wie wichtig Sportvereine sind und dass es dafür künftig mehr Geld gibt?
Vor der Corona-Krise waren wir schon in einer ernsten Diskussion. Der Sporthaushalt 2020/2021 ist enttäuschend. Die Debatte führe ich inzwischen seit sechs Jahren politisch. Jeder in den Sport investierte Euro wird der Gesellschaft über ein Vielfaches zurückgegeben über den ehrenamtlichen Hebel, in allen Bereichen vom Sozialen über Gesundheit. Dafür werbe ich. Jeder kann sich jetzt Gedanken machen, Sportler wie Politiker: Was macht das Leben eigentlich lebenswert? Und wo lohnt es sich, Geld für die Gemeinschaft und die Gesellschaft zu investieren? Ich bin fest davon überzeugt, dass der Sport dafür absolut geeignet ist.

Wie Amateursportler und Trainer mit der Corona-Krise umgehen

Video vom 29. März 2020
Mirja Radfelder Henning macht im Garten auf einer Turnmatte einen Handstand.
Bild: Radio Bremen

Autoren

  • Yannick Lowin
  • Birgit Reichardt

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 25. März 2020, 23:30 Uhr