Interview

Hat Atlas Delmenhorst ein Problem mit Rechtsextremismus?

Rechter Schal, rechte Szene? Ein Fan-Utensil von Atlas Delmenhorst hat vor dem Pokalspiel für Aufregung gesorgt. Wo stehen die Fans des Vereins? Ein Experte klärt auf.

Die Mannschaft des SV Atlas Delmenhorst jubelt vor ihren Fans im Eilenriedestadium in Hannover.
Die Fans von Atlas Delmenhorst bejubeln den Landespokal-Erfolg ihrer Mannschaft. Bild: Imago | Zuma Press

Der Schal des Anstoßes: 1,20 Meter lang, grün und blau geteilt, mit den Vereins-Logos von Werder Bremen und Atlas Delmenhorst bedruckt. So weit so schön. Nur der Aufdruck "Auf gute Freunde" ist das Problem. Werder hat den Vertrieb des Schals eingestellt, weil es möglich sei, den Slogan in einen "politisch rechten Kontext zu setzen".

"Auf gute Freunde" ist der Titel eines Songs der Band "Böhse Onkelz". Diese Band hat in den 80er Jahren ihre Karriere mit teils rechten Liedern gestartet, hat sich aber mittlerweile davon distanziert. Das kann also nicht der einzige Grund gewesen sein, dass sich Werder nach Hinweisen aus der eigenen Fanszene von diesem Schal distanziert hat.

Der Fußball war und ist nach wie vor ein beliebtes Rekrutierungsfeld der rechten Szene.

Rechtsextremismus-Experte Jan Krieger

Der Verdacht liegt nahe, dass Werder auch aufgrund der Fanszene von Atlas Delmenhorst so sensibel reagiert hat. Schon oft sind Atlas-Anhänger in die politisch rechte Ecke gestellt worden. Doch ist das berechtigt?

Beim Verein selbst nimmt man die Präsenz von rechten Gruppen im Stadion laut eigener Aussage nicht wahr. Thomas Luthardt, Abteilungsleiter der Fußballsparte, sagte buten un binnen: "Für uns sind die Fans bei den Spielen eben Fußball-Fans. Wo diese sich politisch sehen, kriegen wir ja gar nicht mit." Er habe zwar von einer Freundschaft zwischen Atlas-Fans und einer Gruppe aus Farge gehört, wisse aber nichts über deren politische Orientierung. Verstärkte Kontrollen auf rechte Symbolik oder Kleidung im Stadion seien zudem nicht geplant. Man achte ohnehin schon darauf, sagte Luthardt.

Wir haben mit Szene-Kenner Jan Krieger gesprochen, der für die in Oldenburg sitzende "Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus für Demokratie" arbeitet. Er kennt die Fanszene in Delmenhorst – und die Vorwürfe gegen einige Atlas-Anhänger.

Jan Krieger, gibt es eine rechte Szene bei den Fans von Atlas Delmenhorst?
Von einer klassisch organisierten rechten Szene kann nicht die Rede sein. Allerdings sind in den letzten Jahren immer mal wieder Fans durch das Tragen rechter Kleidung aufgefallen und es ist auch schon zu rassistischen Beleidigungen gekommen. Hinzu kommt, dass eine Fangruppe freundschaftliche Kontakte zu Fans aus Farge pflegt, die den "Farge Ultras" zuzurechnen sind. Diese – angeblich aufgelöste – Gruppe war früher beim TSV Farge- Reckum aktiv und wurde durch den Verfassungsschutz beobachtet, weil sie durch rassistische Parolen und Gesänge aufgefallen war. Von eben jener Gruppe hing auch schon mal eine Fahne im Stadion des SV Atlas Delmenhorst, und vereinzelt sind auch Personen mit entsprechenden T-Shirts bei Spielen in Erscheinung getreten.

Es findet eine Vernetzung statt, die Verantwortliche eines Vereins keinesfalls unterschätzen sollten.

Rechtsextremismus-Experte Jan Krieger
Der Verein redet von Einzelfällen und von Hooligans, die von außen kommen. Was halten Sie davon?
Ich halte diese Aussagen für höchst problematisch, weil damit abgestritten wird, dass es besagte Kontakte zwischen Atlas-Fans und den Hooligans nun mal gibt und auch keine Abgrenzung von diesen stattfindet – ganz im Gegenteil. Es findet eine Vernetzung statt, die Verantwortliche eines Vereins keinesfalls unterschätzen sollten.
Es gibt das Gerücht, dass Fans, die bei Werder Stadionverbot haben, zu den Spielen von Atlas Delmenhorst gehen. Wie ist ihre Einschätzung?
Als Atlas Delmenhorst 2012 wiederbelebt wurde und ein Freundschaftsspiel zwischen Atlas und dem VfB Oldenburg stattfand, traten Bremer Hooligans in Erscheinung, die versuchten, körperlich gegen Oldenburger Fans und Ultras vorzugehen, die für ihr antirassistisches Engagement bekannt sind. Die Farger Fans, die freundschaftliche Kontakte zu den SVA Fans pflegen, sind in der Vergangenheit ebenfalls mit rechten Hooligangruppen aus dem Umfeld von Werder Bremen in Erscheinung getreten und können diesen zum Teil zugerechnet werden. Inwieweit die Hooligans regelmäßig beim SVA anzutreffen sind oder nur zu besonderen Spielen, entzieht sich leider meiner Kenntnis. Hier sollten sowohl Fans als auch Verein wachsam sein und bei entsprechenden Auffälligkeiten mit Anlaufstellen vor Ort zusammenarbeiten.

Ich kann die Entscheidung der Vereinsverantwortlichen von Werder Bremen sehr gut nachvollziehen.

Rechtsextremismus-Experte Jan Krieger
Werder hat den Vertrieb des Fan-Schals mit der Aufschrift "Auf gute Freunde" eingestellt – ein Songtitel der Band "Böhse Onkelz". Halten sie das für vertretbar?
Ich kann die Entscheidung der Vereinsverantwortlichen von Werder Bremen sehr gut nachvollziehen. Auch wenn sich die Band in der Vergangenheit mehrmals gegen rechts positioniert hat, sind sie bei vielen Rechten nach wie vor beliebt. Auch in der Hooliganszene haben sie viele Fans, die regelmäßig ihre Konzerte besuchen. Nicht ohne Grund gibt es viele Fußballvereine, die bewusst darauf verzichten, Lieder der Band im Stadion zu spielen. Ein Schal mit besagtem Slogan ist gerade in Anbetracht der eben beschriebenen Probleme ein Signal in die falsche Richtung.
Bereits vor zwei Jahren haben Sie gesagt: Atlas Delmenhorst hat ein Problem mit Rechtsextremismus. Hat diese Aussage weiterhin Bestand?
Das rechte Spektrum hat sich in den letzten Jahren extrem professionalisiert. Der Fußball war und ist nach wie vor ein beliebtes Rekrutierungsfeld der rechten Szene, weshalb es wichtig ist, dass Vereine sich klar und deutlich dagegen positionieren. Der Präsident von Atlas Delmenhorst hat sich im Zuge der Schaldiskussion klar gegen Ausgrenzung, Diskriminierung und Gewalt ausgesprochen. Das finde ich schon mal sehr löblich. Weiterführend müssen sich Fans und Verein gemeinsam die Frage stellen, für welche Werte sie gemeinsam einstehen und welche diesen entgegenstehen, um anschließend entsprechende Handlungsmaßnahmen zu entwickeln. Denkbar wäre beispielsweise, den Ordnungsdienst und das Publikum für rechte Kleidung und Symboliken zu sensibilisieren, öffentlichkeitswirksame Aktionen im Stadion durchzuführen oder auch antirassistisches Vereinsmerchandise zu produzieren. Hier kann sich Atlas ruhig ein Beispiel an Werder Bremen nehmen, die seit vielen Jahren gute Arbeit leisten. Bleibt so etwas aus, können Probleme mit rechten oder rechtsorientierten Fans zunehmen.

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  • Claus Wilkens

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 7. August 2019, 23:30 Uhr