Darum ist das Zuckerfest für Yousuf aus Bremen "die schönste Zeit"

Viele süße Speisen. Dahinter Menschen mit Kopfbedeckung.
Bild: DPA | Robin Utrecht

Jeder habe verdammt gute Laune, sagt Yousuf Mirzad. Der muslimische Fastenmonat Ramadan geht mit dem Zuckerfest zu Ende. Für ihn heißt das Gemeinschaft, Familie, Stärke.

Bei mir beginnt die Euphorie des Zuckerfests erst nach dem letzten Fastenbrechen. Also am Abend davor. Vorher habe ich gar nicht die Kraft zu realisieren, dass der Fastenmonat vorbei ist. Irgendwann ist es aber soweit: Ein letztes Mal Iftar, das Fastenbrechen nach Sonnenuntergang.

Wir als sechsköpfige Familie sitzen zusammen am Esstisch und jeder hat irgendwie einfach verdammt gute Laune. Die Freude wächst zunehmend.

Yousuf Mirzad

Nach dem Essen wird erstmal abgecheckt, ob das Zuckerfest am nächsten Tag überhaupt stattfindet. Dies machen wir an der Sichtbarkeit des Mondes fest, weshalb der Ramadan-Monat erst dann endet, wenn eine neue Mondphase beginnt.

Mein Vater ruft dann am Abend noch meinen Opa an, der irgendwie immer die Connections hat und uns genau sagt, ob der Mond gesichtet wurde oder nicht. Der Mond wurde gesichtet, jetzt weiß ich: "Morgen ist es soweit, morgen ist Eid, also Zuckerfest."

Was an der Moschee so cool ist

Mehrere Männer beten kniend auf Teppichen in einer Moschee.
Auch das Beten, wie hier in einer Moschee in Niedersachsen (Archivbild), gehört für Yousuf zum Zuckerfest dazu. Bild: DPA | Eman Helal

Es ist 5 Uhr am Morgen. Endlich aufstehen, duschen und die traditionellen afghanischen Klamotten anziehen. Mein Schlafrhythmus hat leider etwas gelitten, weil ich die Tage vorher immer bis etwa 3 Uhr wach war, um noch vor Sonnenaufgang zu essen. Viel Zeit für Schlaf blieb mir leider nicht. Zusammen mit meinen zwei kleinen Brüdern und meinem Vater gehen wir dann los in die Moschee nach Huckelriede. Meine Mutter und meine Schwester bleiben zu Hause und schmücken alles festlich.

Kurz bevor wir losgehen trinke ich noch einen Schluck Wasser und es fühlt sich so komisch an, ich meine, es ist hell draußen und ich trinke Wasser?!

Yousuf Mirzad

In der Moschee angekommen beten wir alle ungefähr eine Stunde lang. Nach dem Gebet ist offiziell "Eid al Fitr", was übersetzt so viel heißt wie: "Fest des Fastenbrechens". Man gratuliert gefühlt jedem, der einen anlächelt, mit dem Satz: "Eid/Bayram Mubarak". Vor der Moschee sieht man Stände mit Süßigkeiten und Bonschen, alle umsonst.

Das Coole an der Moschee ist, dass man dort auch seine ganzen Verwandten sieht: Onkel, Cousins, selbst meinen Opa. Da ich die alle seit Coronabeginn kaum gesehen habe, freut es mich um so mehr, sie wieder umarmen und mit ihnen zelebrieren zu können. Auch Freunde trifft man hier zahlreich an. Vor der Moschee verabschieden wir uns, indem wir "bis später" sagen. Denn wir werden uns heute wiedersehen.

Ab geht’s zur Familie

Yousuf
Yousuf Mirzad von Bremen Next mag die Gemeinsamkeit beim Fasten und dem Zuckerfest. Bild: Radio Bremen | Christian Wasenmüller

Nach der Moschee gehen wir in die Bäckerei, nehmen ein paar Brötchen und Berliner mit nach Hause, wo mir auch schon direkt beim Öffnen der Tür meine Mutter gratuliert. Wir begrüßen uns mit einer glücklichen Umarmung. Ich muss auf jeden Fall einen Boxenstopp einlegen, weil ich nach der Moschee immer viel zu müde bin.

Nach 'nem Powernap, packe ich meine Familie, Brötchen und Berliner ein und fahre meine Großeltern in Kattenturm besuchen. Beim Familientreffen sind alle vertreten, sowohl diejenigen, die ich in der Moschee schon begrüßt habe als auch die, die zu Hause waren. Selbst meine Verwandten aus Hamburg sind gekommen. Die Euphorie erreicht einen Peak, wenn alle gemeinsam brunchen.

Nicht allein sein beim Fasten

Eine Frau schenkt Tee ein, ein Junge holt sich eine Stück kuchen
Oft kommt die ganze Familie zusammen. Meist bereiten Frauen das Essen zu und schmücken die Wohnung. Bild: DPA | Robin Utrecht

Was mich so glücklich macht: Fast alle an diesem Tisch haben, so wie ich, seit einem Monat nicht mehr bei Tageslicht gegessen und jetzt essen wir alle gemeinsam. Es ist herzerwärmend für mich zu wissen, dass ich nicht alleine war mit dem Fasten und ich diesen Weg nicht alleine gegangen bin. Es steht quasi jedem am Tisch auf der Stirn geschrieben, wie sehr sie das Essen in diesem Moment wertschätzen und quasi genießen.

Es fühlt sich zunächst falsch an zu essen, man hat es sich abgewöhnt, aber umso schöner ist das Gefühl, einfach essen zu können – vor allem bei Tageslicht.

Auch ist dieses Familienessen für mich irgendwo ein Pendant zum Weihnachtsessen. So habe ich es mir zumindest immer vorgestellt. 

Yousuf Mirzad

Worauf sich die Jüngeren beim Zuckerfest freuen, sind Geschenke und vor allem Geld. Die Älteren geben den Jüngeren Geld, quasi als kleine Belohnung und Wertschätzung, dass sie gefastet haben. Ich komme mit meinen 24 Jahren langsam in einem Alter an, wo ich kein Geld mehr annehmen kann und ich eher meinen kleinen Cousins und Cousinen jeweils nen Fünfer als nette Geste in die Taschen drücke.

Manchmal fühlt es sich an wie Arbeit

Wenn wir bei meinen Großeltern fertig sind, fahren wir relativ routiniert direkt im Anschluss zu meiner Uroma. Sie lebt in Kattenesch und ist mittlerweile um die 100 Jahre alt. Dort finden sich nochmal meine Onkel und Tanten zweiten Grades zusammen und da sitzen wir nochmal auf ne Runde Chai mit Kuchen – der Klassiker.

Ich will nicht lügen: Manchmal bin ich da schon eingenickt, einfach weil ich zu müde war vom Ablauf. Es fühlt sich manchmal an wie Arbeit, die ganze Familie mit Besuchen abzuklappern. Aber auch nur manchmal.

Weiter geht’s zu meiner anderen Oma nach Brinkum, die gefühlt für 50 Leute gekocht hat obwohl wir nur zehn Leute sind. Man kennt`s. 

Yousuf Mirzad

Nach dem Essen geht jeder seinen Weg, bis am Abend die große Family-Party ist: Irgendjemand lädt normalerweise immer alle zu sich nach Hause ein und dort gibt es Essen, traditionelle Musik, Gesang und sehr viel Süßes. Somit endet der Tag auch.

Der Tag vergeht schneller als man blinzeln kann, aber man schätzt jede Sekunde wert.

Darum ist mir das Zuckerfest wichtig

Das Zuckerfest ist für mich die schönste Zeit des Jahres. Es kann ein Anlass sein, sein Durchhaltevermögen während des Fastens zu feiern und es kann auch ein Anlass sein, sich bei seinen Freunden und Familien zu melden um zu gratulieren, ganz gleich wie lange man sich nicht mehr gesehen hat. Alle haben eine gute Stimmung, jeder ist glücklich und das gilt wirklich für jeden.

Das schönste an allem ist, man verlässt den Ramadan mit ganz viel Kraft, Zuversicht und vielen Vorsätzen für die kommenden Monate bis hin zum nächsten Ramadan – und man ist nun die beste Version von sich selbst.

Autor

  • Yousuf Mirzad

Dieses Thema im Programm: Bremen Next, 2. Mai 2022, 08:20 Uhr