Worauf Bremer Gastronomen hoffen – und was sie fürchten

Julia Urbanik, Inhaberin der Glücksküche
Julia Urbanik, Inhaberin der Glücksküche, kam bislang ohne Coronahilfen aus. Bild: Radio Bremen | Kristian Klooß

2G-Regel, drohende Testpflicht und ein möglicher Lockdown beunruhigen Gastronominnen und Wirte in Bremen. Drei von ihnen erzählen, wie sie die Pandemie trifft.

Die 7-Tage-Inzidenz in Bremen ist schon jetzt höher als im vergangenen Herbst. Die Warnstufe steht auf 2, das heißt nur noch Genesene und Geimpfte dürfen Cafés, Restaurants und Kneipen betreten. Doch die Hospitalisierungsrate steigt weiter. Darüber hinaus sind Gastronominnen und Wirte besorgt wegen einer neuen Virusvariante und einem drohenden Lockdown im Dezember.

Was das mit ihnen, ihrem Personal und ihren Gästen macht, haben drei von ihnen uns erzählt.

1 Glücksküche: Stolz auf ein Jahr ohne Coronahilfen

"Könnt ihr mir nochmal euren Impfnachweis zeigen?", fragt Julia Urbanik zwei Kundinnen mit FFP2-Masken, die vor ihr an der mit Kuchen und Keksgläsern vollgestellten Verkaufstheke stehen. Beide zeigen ihre Smartphones. Und die Inhaberin der "Glücksküche" nickt hinter einer Glasscheibe.

Letztere hat sie selbst montiert. "Das war meine erste Amtshandlung", sagt die 34-Jähige lächelnd. Gut ein Jahr ist das nun her. "Am 3. November 2020 habe ich aufgemacht – das war ein Dienstag. Ein Tag vorher war der Lockdown ausgerufen worden", sagt Urbanik. Über die Runden kam sie dennoch. Auch Coronahilfen hat sie bislang nicht beantragt. "Es war ja alles dicht. Die Leute sind dann spazieren gegangen und haben sich bei uns ein Süppchen oder einen Kaffee rausgeholt." Auch an diesem Nachmittag sind die wenigen Stühle und Tische des kleinen Lädchens im Viertel besetzt. In einer Nische spielen zwei Gäste Schach, in einer anderen unterhalten sich zwei junge Frauen über die neue Virusvariante aus dem südlichen Afrika.

"Anfangs hatte ich ein mulmiges Gefühl, weil ich nur wenig über das Virus wusste", sagt Urbanik. Inzwischen sei sie etwas beruhigter. Zumal sie ihren eigenen Umgang mit der Pandemie gefunden habe. So hat sie, schon als noch Warnstufe 0 galt, konsequent die 3G-Regel umgesetzt. "Ich finde es komisch, die Regeln zu lockern, solange das Virus noch umgeht", sagt sie. Auch die Gäste hätten das akzeptiert. Das gelte auch für die inzwischen gültigen 2G-Regeln. Nur einmal hätte sich ein Mann darüber aufgeregt – ein ziemlicher Selbstdarsteller, sagt sie.

Ich möchte hier lieber nur Leute reinlassen, die aufeinander aufpassen.

Julia Urbanik, Inhaberin der Glücksküche

Dass Sie schon mehr als ein Jahr durchgehalten hat, mache sie stolz, sagt Urbanik. "Auch, dass wir nach einem Jahr ein kleines Team sind." Eine Hand voll Aushilfen hat sie eingestellt – vor allem Studentinnen, die nebenbei jobben. Auch die will sie mit den strengen Maßnahmen schützen. "Aus Corona-Gründen würde ich derzeit aber niemanden fest einstellen", sagt sie.

Auch vor einem erneuten Lockdown habe sie Angst, obwohl sie einiges Geld gespart habe. "Ich habe mir aber noch nicht ausgerechnet, wie lange ich damit auskomme – so pessimistisch bin ich dann doch nicht."

2 Bellini: Mit halber Kraft durch die Krise

Die besten Zeiten des Bellini, eines italienischen Restaurants im Viertel, liegen genau eine Woche zurück. Das zumindest sagt Geschäftsführer Merlin Selimaj. "Es war Werder-Heimspiel und die Leute saßen bis drei Uhr morgens hier – die Stimmung war toll!", sagt er. Nach dem Spiel sei sogar noch eine Großbestellung reingekommen: 40 Gerichte für den Mannschaftsbus von Schalke 04. Für Selimaj und sein Team kein Problem. Pizza und Pasta lieferte er persönlich am Weser-Stadion ab.

Merlin Selimaj ist Inhaber des italienischen Restaurants Bellini im Bremer Viertel.
Merlin Selimaj, Geschäftsführer des italienischen Restaurants Bellini, hofft noch auf das Weihnachtsgeschäft. Bild: Radio Bremen | Kristian Klooß

An diesem Samstag, eine Woche später, sieht es anders aus. Die Hocker an der langen weißen Theke im Eingangsbereich des Restaurants sind leer, die dunklen Tische nur zur Hälfte besetzt. Italienischer Kuschelrock erfüllt den Raum und niemand interessiert sich für das Spiel Bayern gegen Bielefeld, das lautlos auf einem Fernseher in der Restaurantecke gezeigt wird. "Normalerweise wäre es voll gewesen", sagt Selimaj. Wegen der 2G-Regel würden kurzfristig aber viele Reservierungen abgesagt. "Heute hatten wir 50 Prozent Absagen", sagt der Bellini-Geschäftsführer. Bei seinem Bruder, der das Bellini an der Schlachte betreibt, seien es sogar 80 Prozent gewesen.

Rund zehn Kellner, Küchenhilfen und Köche beschäftigt der 39-jährige Gastronom. Ohne Corona hätte das Bellini knapp 200 Plätze – mit Corona die Hälfte. Und selbst die könnte Selimaj wohl nur noch schwer füllen, sollte sich die Pandemie so weiterentwickeln wie in den vergangenen Wochen.

Ich schaue mir jeden Tag die Zahlen an.

Merlin Selimaj, Geschäftsführer des Bellini

Sollte tatsächlich 2G-plus kommen, werde es kaum möglich sein, den Betrieb aufrecht zu erhalten. "Wir werden es dann ein, zwei Tage probieren", sagt er. Danach müsste er wohl auf Außer-Haus-Betrieb umstellen. So war es im letzten Lockdown. "Dann wären wir hier noch zu zweit", sagt Selimaj.

Und dann würde er wohl auch wieder auf Überbrückungshilfen angewiesen sein, also Fixkostenzuschüsse, die sich nach den durch die Pandemie verursachten Umsatzausfällen im Vergleich zum Jahr 2019 richten. "Wir hoffen zwar, dass wir zumindest noch das Dezembergeschäft hinbekommen", sagt Selimaj. "Wir fürchten aber, dass es uns früher treffen könnte."

3 Maerz: Testpflicht käme einem Lockdown gleich

Im "Maerz" ist es heute ruhiger als sonst. Die Sofas in der Sitzecke der Bar am Sielwall sind leer. "Der Grund ist das Werder-Spiel heute", sagt Mitinhaberin Ulrike Schulz. Die 2G-Regel hingegen fühle sich aus ihrer Sicht sogar ganz gut an, sagt die 40-Jährige. "Die Gäste zeigen uns die Impfnachweise gerne – sie wollen das ja nicht umsonst gemacht haben", sagt sie lächelnd. In Warnstufe 0 habe sie es mal anderthalb Wochen ohne Nachweis versucht. "Dann war uns klar, dass das keine gute Idee ist." Denn auch viele Gäste hätten sich damit unwohl gefühlt. "Also haben wir wieder das 3G-Schild an die Eingangstür gehängt", sagt Schulz.

Fast zwei Jahre ist es her, dass sie erstmals vom Coronavirus hörte. An den ersten Lockdown Mitte März 2020 erinnert sie sich genau.

Das ging zack zack. Öffnen durften wir erst wieder im Mai.

Ulrike Schulz, Mitinhaberin des Maerz

Damals seien noch alle davon ausgegangen, es ist vorbei. "Das habe ich auch meinen Gästen so gesagt, da hätte ich meinen Arsch drauf verwettet", sagt die Gastronomin.

Ulrike Schulz und ihr Partner André betreiben gemeinsam die Traditionskneipe Maerz.
Ulrike Schulz und ihr Partner André betreiben gemeinsam die Traditionskneipe Maerz. Bild: Radio Bremen | Kristian Klooß

Doch es kam anders. Im Herbst 2020 stiegen die Inzidenzen erneut. Und der zweite Lockdown folgte – ebenso wie erneute Coronahilfen und Kurzarbeit für die Mitarbeiter. Sieben Menschen sind zwar inzwischen wieder im "Maerz" beschäftigt – Schulz und ihr Lebensgefährte arbeiten Vollzeit, dazu fünf studentische Aushilfen. Was mit ihnen wird, wenn Bremen die Warnstufe von 2 auf 3 erhöht, ist aber ungewiss. Denn dann würde für Bars wie das "Maerz" die 2G-plus-Regel greifen.

Doch dass sich Gäste vor jedem Kneipenbesuch testen lassen, glauben weder Schulz noch der zweite Mitinhaber der Kneipe, Ulf Sommerfeld.

Das wäre für uns wohl der wirtschaftliche Lockdown.

Ulf Sommerfeld, Mitinhaber des Maerz

Dies bedrohe dann auch die Existenz. "Da geht es ja auch um die Altersvorsorge, die aufgebraucht wird", sagt der 51-Jährige. "Und auch um die Situation der studentischen Aushilfen mache ich mir schon jetzt sorgen", sagt er. Denn schon beim letzten Mal seien sie komplett aus dem System gefallen.

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Bild: Radio Bremen

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  • Kristian Klooß Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 27. November 2021, 19:30 Uhr