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Zahl der toten Schafe nach Wolfsangriff im Landkreis Osterholz steigt

Bild: Imago | ULMER Pressebildagentur

Erneut hat ein Wolf in der Region eine Schafherde angegriffen. Der Wolfsberater wirft den zuständigen Behörden vor, das Problem zu verharmlosen.

Mindestens 30 tote Schafe – das ist die traurige Bilanz, die Deichschäfer René Krüger ziehen muss. Es ist der Höhepunkt einer Reihe von Wolfsrissen in den vergangenen Wochen.

Was ist im aktuellen Fall passiert?
Bei dem Angriff in der Nacht von Freitag auf Samstag auf eine Schafherde bei Rade im Landkreis Osterholz sind mindestens 30 Tiere getötet worden. 25 Tiere sind gerissen worden, mittlerweile sind fünf weitere Tiere, die geflüchtet waren, tot aufgefunden worden. Die Schafe gehören zur Deichschäferei in Wersabe im Landkreis Cuxhaven.

Wir sprechen jetzt aktuell von etwa 30 toten Schafen, Dunkelziffer ist noch unbekannt. Und wenn das jetzt öfter vorkommt, da ständig dieser Wolfsdruck da ist, irgendwann hört man dann wahrscheinlich auf.

René Krüger, betroffener Schäfer des jüngsten Wolfsangriffs bei Rade
Wie viele Wölfe sind in der Region unterwegs?
Rund 25 Wölfe sind aktuell im Landkreis unterwegs – Tendenz steigend, sagt der ehemalige Wolfsberater des Landkreises Cuxhaven, Hermann Kück. Deswegen sei auch klar, dass die Zahl der Wolfsangriffe gegen Tiere, vor allem Schafe, wachse. In der Nähe des aktuellen Angriffs hatte es erst vor Kurzem einen Wolfsriss mit zwei toten und 35 vermissten Schafen gegeben. Und Ende Oktober waren zwei Ponys in Wehdel, ebenfalls Landkreis Cuxhaven, einem Wolfsangriff zum Opfer gefallen. Außerdem berichten immer mehr Menschen im Landkreis Cuxhaven von Wolfssichtungen.
Ist das ein regionales Problem?
Nein, auch das Bundesamt für Naturschutz und die Landesjägerschaft Niedersachsen berichten, dass die Zahl der Wölfe und Territorien in Deutschland zunimmt: Zum Ende des vergangenen Monitoringjahres, also Ende April 2021, gab es bundesweit mindestens 157 Wolfsrudel, 27 Wolfspaare und 19 Einzelwölfe. In Niedersachsen konnten mindestens 35 Rudel, fünf Paare, drei fest ansässige Einzelwölfe und damit insgesamt 43 Wolfsterritorien nachgewiesen werden. Die Anzahl bestätigter Territorien stieg damit weiter an – deutschlandweit war es ein Zuwachs von 17,3 Prozent, in Niedersachsen von 19,4 Prozent gegenüber dem Monitoringjahr 2019/2020. Neben der Zahl der Wolfsterritorien konnte auch eine Mindestanzahl erwachsener Wölfe von 403 Tieren bundesweit ermittelt werden. In Niedersachsen wurden 273 Einzeltiere sicher nachgewiesen.
Gibt es Schutzmaßnahmen?
Das Land Niedersachsen hatte erst im vergangenen Jahr ein Pilotprojekt gestartet und rund 400.000 Euro in Elektrozäune investiert, um die Wölfe von den Schafen fernzuhalten. In den jüngsten beiden Fällen haben diese Zäune die Angriffe nicht verhindern können. Die Zäune alleine würden nicht reichen, um Wölfe abzuhalten, sagt Hermann Kück, der vor wenigen Wochen seinen Job als Wolfsberater des Landkreises Cuxhaven aufgegeben hat. Sein Vorwurf: Im Landkreis Cuxhaven verharmlose man das Problem. Bei den steigenden Wolfszahlen in der Region müsse man auch darüber nachdenken, Wölfe zu entnehmen – also abzuschießen. Allerdings steht der Wolf unter Artenschutz.

Man muss dazu sagen, dass die Naturschutzverbände das Thema sehr stark runterspielen und Entnahmen gar nicht wollen. Selbst in unseren Wolfsberaterkreisen sind wir sehr stark unterwandert von Naturschutzfachleuten aus solchen Gruppen. Und da ist es schwierig, solche Dinge auf breiter Front anzugehen.

Hermann Kück, ehemaliger Wolfsberater des Landkreises Cuxhaven
Ist der Wolf auch gefährlich für den Menschen?
Von einem wildlebenden Wolf geht in der Regel keine Gefahr für Menschen aus, sagt die Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf. Wölfe seien von Natur aus vorsichtige Tiere, die normalerweise Begegnungen mit Menschen meiden. Das bestätigt auch Wolfsberater Kück. Es sei ungewöhnlich, dass die Tiere immer häufiger in den Dörfern gesehen werden. Er könne verstehen, dass die Menschen in der Region deshalb Angst haben.
Wie geht es jetzt weiter?
Der Kreisverband der Wasser- und Bodenverbände im Altkreis Wesermünde nimmt den aktuellen Angriff zum Anlass, über weitere Schutzmaßnahmen zu beraten. Auch Geschäftsführer Thomas Ströer sagt, dass die Zäune den Wolf nicht abhalten. "Mir liegt ein Video vor, wo ein Wolf über einen zwei Meter hohen Bauzaun locker drüberhergesprungen ist." Die Schafe seien wichtig für die Deichsicherheit. Man erwarte nun Hilfe vom Land und den Landkreisen, sagte Ströer zu buten un binnen. Der Landkreis selbst will sich aktuell nicht zu diesen Vorwürfen äußern und verweist an den Landkreis Osterholz. Denn dort habe der aktuelle Fall ja stattgefunden. Von dem gab es bisher keine Stellungnahme.

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Bild: Radio Bremen

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Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 6. Dezember 2021, 19:30 Uhr