Bremerhaven oder Niedersachsen – wem gehört der "Blexer Zipfel"?

Grenzkonflikte sind schlimm – und können Kriege auslösen. So arg ist es zwischen Bremerhaven und Niedersachsen nicht. Doch auch hier gibt es einen Uralt-Streit.

Eine Karte von Bremerhaven und der gegenüberliegenden Weserseite mit Grenzverlauf zu Niedersachsen (Montage)
Luftaufnahme: Links oben sieht man den schraffierten Landzipfel und den Ländergrenzen-Verlauf. Rechts sieht man Bremerhaven mit dem Weserstrandbad und der Einfahrt zur Geeste. Bild: Bing Maps/Radio Bremen

Schon seit 150 Jahren geht es um diese etwa 300 Meter Land: Wer sich in Bremerhaven vor das markante Sail-City-Hotel stellt und vom Deich aus über die Weser blickt, schaut genau auf einen Zipfel Land, auf den ersten Blick zum Nordenhamer Stadtteil Blexen gehörend, damit zum Landkreis Wesermarsch und so eben zu Niedersachsen.

So ist es aber nicht. Denkt jedenfalls Bremerhavens oberster Kartograph, der Leiter des Katasteramtes Marco Kewes. Hier, sagt er, könnte man theoretisch durch die Weser bis auf die andere Uferseite wandern – und hätte das Bremerhavener Stadtgebiet nicht verlassen: "Wir haben hier ein Stückchen Bremerhaven, das auf der anderen Weserseite liegt und scheinbar zu Niedersachsen gehört." Aber eben nur scheinbar.

Uralt-Vertrag legt Wasserlinie als Grenze fest

Das allerdings ist nicht die einzige Meinung. Auf Braker Seite konnte man auf die Frage aktuell keinen Ansprechpartner finden, weder in Nordenham noch in der Braker Kreisverwaltung. Schon öfter aber haben die Niedersachsen früher betont, dass der "Blexer Zipfel" zur Wesermarsch gehört. Beide Seiten berufen sich dabei auf einen Uralt-Vertrag zwischen Bremen und dem damaligen Herzogtum Oldenburg, in dem es unter anderem heißt:

Von der Blexer Hörne ab läuft die Grenze in der Höhe der gewöhnlichen Ebbe am östlichen Ufer des Oldenburgischen Festlandes entlang, bis sie eine vom Blexer Kirchthurm nach dem Bremerhavener Leuchtthurm zu ziehende Linie schneidet.

Staatsvertrag zwischen Bremen und dem Herzogtum Oldenburg, 1867

Eine Grenze also, die sich an einem Wasserstand orientiert – und nicht an festen geografischen Punkten.

Die Grenzlinie sollte die Hafenzufahrt sichern

"Damals, als Oldenburg dem Norddeutschen Bund beigetreten ist, wollte man die Grenze regeln", sagt Bremerhavens Katasteramts-Chef Marco Kewes: "Und dafür hat man die damalige Ebbelinie in der Weser genommen." Dabei ging es durchaus auch um wirtschaftliche Interessen: "Man wollte auf jeden Fall sicherstellen, dass man den Geestemünder Hafen immer noch erreichen kann – und dass das Ufer durch natürliche oder künstliche Veränderungen nicht an den Hafen heranrückt."

Ein Fernrohr und ein Blick über die Weser
Blick von Bremerhaven auf die andere Weserseite. Schaut man nach Nordenham – oder auf eine Bremerhavener Exklave?

1880 wurde die 1867 festgelegte Ebbe-Linie ins Bremerhavener Kataster eingetragen. Auf der oldenburgisch-niedersächsischen Seite geschah das erst 100 Jahre später, allerdings verzeichnete man dort dann die Deich- und nicht die Ebbelinie aus dem Staatsvertrag von 1867, erklärt Marco Kewes. In hundert Jahren hatte sich der Flusslauf verändert – so dass in den Katastern beider Seiten nun unterschiedliche Grenzverläufe stehen.

Konflikt fiel erst mit der Digitalisierung auf

Das kam aber erst in den letzten Jahren ans Licht, weil nach und nach die digitalisierten Bestände zusammengeführt wurden. "Und da fiel das zunehmend immer mehr auf, dass wir da auf der anderen Weserseite noch einen Zipfel haben", sagt Marco Kewes.

Streit gebe es deswegen zwar nicht. Doch ganz wirkungslos ist der ungelöste Konflikt auch nicht. Bei den Verhandlungen über einen Gebietstausch bei der Bremerhavener Luneplate wurde der Blexer Landzipfel ausgeklammert. Man habe wohl die Dinge nicht unnötig verkomplizieren wollen.

Ansonsten spielt der alte Grenzstreit tatsächlich keine große Rolle – es sei denn, es würden jenseits der Weser einmal Bodenschätze gefunden. Wahrscheinlich ist das aber nicht – oder? "Die Hoffnung stirbt zuletzt", lacht Marco Kewes.

  • Boris Hellmers
  • Catharina Spethmann

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Sonntag aus dem Studio Bremerhaven, 4. Oktober 2019, 12.05 Uhr