AWI goes Youtube: Wie Forscher Wissenschaft ins Wohnzimmer bringen

Junge Wissenschaftler vom Bremerhavener Alfred-Wegener-Institut streamen hobbymäßig Live-Vorträge und chatten mit den Usern darüber. Science to go im Wochentakt.

Frau schaut auf  Bildschirm, auf dem vier junge Menschen über Zoom chatten
Wissensvermittlung als Hobby: AWI-Forscher haben ein eigenes Youtube-Format erfunden. Bild: Radio Bremen

Meeresbiologin Melissa Käß sitzt in ihrem kleinen Arbeitszimmer vor zwei Bildschirmen. Auf einem sieht man ihre Kollegen im Videochat. In Zeiten von Corona nichts Ungewöhnliches. Auf dem anderen Bildschirm zeigt sie ihren jüngsten Youtube-Vortrag über Lebewesen auf dem arktischen Tiefseeboden. Beides in Kombination ergibt "Wissenschaft fürs Wohnzimmer", die Youtube-Idee, der die 29-Jährige mit neun Mitstreitern im Frühjahr Leben eingehaucht hat.

AWI-Forscherin sitzt vor einem PC-Bildschirm.
Aus Bremerhaven in die Welt: Jede Woche liefern die AWI-Forscher Wissen rund um den Klimawandel. Bild: Radio Bremen | Carolin Helm

Schon vor Corona haben Käß, die gerade ihren Doktor in Tiefseeforschung macht, und ihre Kollegen Vorträge gehalten – an Schulen, vor Verbänden, bei den Teilnehmern von Fridays for Future, bei Science Slams. Das tun sie jetzt – wegen der Corona-Pandemie – regelmäßig virtuell. Stets zu vielfältigen Themen rund um den Klimawandel und nie ganz bierernst.

Da wird erklärt, wie groß beziehungsweise klein "nano" eigentlich ist und wie Seegurken schmecken*), wie auf den Weltmeeren Plastikmüll-Teppiche entstehen, warum Eiskerne wahre Fundgruben sind oder aber, welcher innere Schweinehund uns immer wieder davon abhält, umweltbewusster zu leben.

Livestream mit Fragen von den Usern

Jede Woche hält ein anderer Akademiker einen Vortrag. Via Chat können die Zuschauer direkt Fragen an die Macher stellen.

Es gibt so ein Format noch nicht. Wenn andere es nicht machen, dann müssen wir es eben machen.

Porträt von AWI-Wissenschaftlerin Melissa Käß
Melissa Käß, Meeresbiologin am AWI

"Wir" – das sind Forscherinnen und Forscher verschiedener Fachbereiche: Biologen, Geologen, Physiker oder auch Psychologen. Sie alle gehen das Thema Klimawandel von einer anderen Warte aus an. "Wir finden, es wird zu wenig über den Klimawandel und die Klimakrise informiert. Das sind Dinge, die uns alle betreffen", so Käß. Denn die Auswirkungen des Klimawandels seien vielfältig: Umweltverschmutzung, Verlust von Biodiversität, soziale Ungerechtigkeit oder Fluchtbewegungen.

Auch Gastredner hat sich das Team schon an die Seite geholt. Wie Moritz Wandres von der "Pacific Community", der sich einer Episode von der Republik Fidschi zugeschaltet hat. Darin erzählt er über den Anstieg des Meeresspiegels, den er auf dem Inselstaat im Südpazifik praktisch live miterleben kann.

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Die Forscher bemühen sich bei den etwa 20- bis 30-minütigen Präsentationen, ihr Thema möglichst anschaulich und verständlich zu vermitteln. Mit Powerpoint-Präsentationen, mit Fotos und Videos etwa von Expeditionen oder auch mit Animationen, zum Beispiel von der NASA. Denn der Kanal soll nicht nur Wissenschaftler ansprechen, sondern jeden. Da kommt auch schon mal ein Bollerwagen oder ein Hütchenspiel zum Einsatz, um Wissenschaft anschaulich zu machen.

Was hat ein Eisberg mit einer Currywurstbude gemein? 

Porträt von AWI-Wissenschaftler Stephan Juricke
Will Fakten aus erster Hand liefern: Klimamodellierer Stephan Juricke. Bild: Radio Bremen | Carolin Helm

Stephan Juricke ist Klimamodellierer am Alfred Wegener Institut und hat bisher zwei Vorträge auf dem Kanal gehalten. Er findet, Wissenschaft sollte für jeden zugänglich sein: "Wir informieren, damit die Leute ihre eigenen Entscheidungen treffen können und sich politisch engagieren können.  Über keine Ecken, wie Politiker oder Medien, sondern ohne Umweg, ungefiltert."

Dabei ist die Informationsvermittlung der jungen Wissenschaftler durchaus unterhaltsam. In der Folge "Flug in den Todesstern - oder wie ich mal mit einem Helikopter in einen Gletscher geflogen bin", erzählt Meeresgeologe Thomas Ronge, was ein Eisberg mit einer Berliner Currywurstbude gemein hat. Und zeigt beeindruckende Bilder aus der Antarktis.

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Raus aus dem Elfenbeinturm

Bei den Vorträgen bemühen sich die Wissenschaftler außerdem, immer wieder auch auf aktuelle Ereignisse einzugehen, wie beispielsweise die Waldbrände in Sibirien oder die noch laufende „Mosaic-Expedition“, die größte Arktis-Expedition aller Zeiten auf dem AWI-Forschungseisbrecher "Polarstern".

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Technisch ist noch Luft nach oben

Mal hängt die Powerpoint-Präsentation, mal streikt die Internetverbindung. Aber dadurch lassen sich die Macher nicht beirren: Schließlich ist das Projekt ein Hobby. Die Wissenschaftler bereiten die Vorträge in ihrer Freizeit vor und sie haben nicht den Anspruch, technisch perfekte Videos zu produzieren, sagt Juricke: "Das Rustikale ist der gewisse Charme bei uns. Uns geht es darum, einen Einblick in das Wohnzimmer zu liefern: Keine Greenscreens, Special Effects oder hochauflösende Kameras."

Man soll sehen: Wir sind Wissenschaftler, aber auch ganz normale Menschen.

Stephan Juricke, Klimamodellierer vom AWI

Erfolgreiche Vorbilder machen Mut

Sendungslogo zu maiLab mit Moderatorin Mai Thi Nguyen-Kim
Chemikerin mit Sendungsbewusstsein: Youtuberin und Quarks-Moderatorin Mai Thi Nguyen-Kim. Bild: funk

Vorbilder gibt es wie etwa die Chemikerin Mai Thi Nguyen-Kim. Mit über einer Million Abonnenten ist sie eine der erfolgreichsten Youtuberinnen Deutschlands. Auf ihrem Youtube-Kanal "maiLab", einem Angebot von funk, hat sie mit ihren Erklär-Videos besonders in der Corona-Krise viele Menschen im Netz erreicht. Dafür wird ihr am 1. Oktober sogar der Bundesverdienstorden verliehen.

Und auch Eckart von Hirschhausen, Maja Göpel und Volker Quaschning haben laut Juricke eine Debatte losgetreten, wie Wissenschaftler mit ihren Informationen an die Öffentlichkeit treten sollen. Nämlich "raus aus dem Elfenbeinturm".

Wer ist besser, Fakten zu vermitteln, als die Leute, die diese Fakten erforschen?

Porträt von AWI-Wissenschaftlerin Melissa Käß
Melissa Käß, Meeresbiologin am Alfred Wegener Institut

Für die Zukunft will das Team von "Wissenschaft fürs Wohnzimmer" auch vergleichsweise kurze, 5-minütige Youtube-Videos produzieren, in denen sie etwa Experimente machen. Aber jetzt geht es erst einmal weiter mit den Vorträgen: immer donnerstags, live um 20:30 Uhr, auf dem Youtube Kanal "Wissenschaft fürs Wohnzimmer".

*) Seegurken schmecken laut der dritten Ausgabe "unglaublich gut".

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Autorin

  • Carolin Helm

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, 23. September 2020, Der Tag, 23:30 Uhr