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Bremer Ärzte mahnen: Gehen Sie zur Vorsorge, lassen Sie sich behandeln

Aus Corona-Angst gehen viele trotz Symptomen nicht zum Arzt. Am "Tag gegen den Schlaganfall" klären Ärzte über mögliche Folgen auf, auch bei anderen Krankheitsbildern.

Video vom 10. Mai 2021
Ein Röntgenbild wird untersucht.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Am heutigen "Tag gegen den Schlaganfall" warnen Ärzte und Vereine vor den Gefahren, Arztbesuche aus Angst vor dem Coronavirus zu meiden. "Fakt ist, dass es im ersten Lockdown etwa 11 Prozent weniger Patienten mit Schlaganfall-Symptomen gab", sagt Mario Leisle, Sprecher der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe. "Es liegt auf der Hand, dass das aus Angst [vor einer Ansteckung, Adr.] passiert ist."

Denn nicht alle Schlaganfälle gehen mit einem lebensbedrohlichen Krankheitsbild einher; teilweise zeigen Betroffene nur leichte, vorübergehende Symptome wie Lähmungen, Sprach- oder Sehstörungen, die oft binnen eines Tages von alleine verschwinden. Doch auch diese sogenannten "Mini-Schlaganfälle" können ernste Folgen haben. "Wenn sie unbehandelt bleiben, hat man ein großes Risiko, später einen Schlaganfall zu bekommen", sagt Leisle.

Studien zeigen Rückgang bei den Behandlungen

Laut dem Wissenschaftliche Institut der AOK (Wido) gab es von Mitte März bis Anfang April 2020 einen Rückgang bei der Behandlung von Schlaganfall-Patienten mit Hirninfarkt oder -blutung in deutschen Kliniken von 15 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum; bei den Patienten mit leichten Symptomen waren es sogar 35 Prozent. Gleichzeitig stieg die Zahl der Behandelten, die am Hirninfarkt verstarben.

Doch der Schlaganfall ist nicht die einzige Krankheit, die weniger oft untersucht wurde: Der Minus lag unter Herzinfarktpatienten mit leichten Symptomen bei 29 Prozent. Das Wido kam in seiner Auswertung zur selben Schlussfolgerung wie Leisle, und zwar, dass die Patienten aus Angst vor dem Coronavirus den Gang in die Kliniken gescheut hätten. Einigen hatten ebenfalls die Sorge, die begrenzten Behandlungskapazitäten zusätzlich zu belasten.

AOK: Trend auch im Land Bremen bemerkbar

Der bundesweite Trend macht sich laut der Krankenkasse AOK Bremen-Bremerhaven ebenso im kleinsten Bundesland bemerkbar, allerdings vor allem in der ersten Welle. "Bei Herzinfarkt und Schlaganfall gab es nur in der ersten Welle einen Rückgang der Behandlungen, in der zweiten Welle ist das vermutlich im Bereich normaler Schwankungen", teilte der Sprecher, Jörn Horns, mit.

Unterschied bei der Zahl der Behandlungsfälle in den Notaufnahmen 2020 im Vergleich zu 2019 (Land Bremen)

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Im Krankenhaus St.-Joseph-Stift hält der Trend an, mit wenigen Ausnahmen.

Seit Beginn der Corona-Pandemie in Bremen verzeichnen wir weniger Patienten mit der Hauptdiagnose Herzinfarkt beziehungsweise Schlaganfall in unserer Notaufnahme als im Vorjahr. Dieser Trend setzt sich auch im ersten Quartal 2021 fort.

Maurice Scharmer, Sprecher Krankenhaus St.-Joseph-Stift

Unterschied bei der Zahl der aufgenommenen Patienten 2020/2021 zum Vorjahr (Krankenhaus St. Joseph Stift)

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Ihm pflichtet Karen Matiszick, Sprecherin des Bremer Klinikverbunds Gesundheit Nord (Geno), bei. Es sei wahrnehmbar, dass weniger Patienten kommen. Und nicht nur bei leichten Herzinfarkten oder Mini-Schlaganfällen, sondern auch bei anderen Anzeichen. Dies könne zum Teil zu tragischen Verläufen führen, wenn etwa Symptome, die auf Krebs hindeuten, nicht rechtzeitig untersucht werden. "Wir appellieren: Nehmen Sie das ernst, lassen Sie sich untersuchen. Im Krankenhaus herrschen strenge Hygienevorgaben, dadurch ist die Infektionsgefahr sehr gering."

Im Krankenhaus herrschen strenge Hygienevorgaben, dadurch ist die Infektionsgefahr sehr gering.

Karen Matiszick, Geno-Sprecherin

Bundesweite Vorsorgezahlen im Jahr 2020 rückläufig

Auch Vorsorgeuntersuchungen und hausärztliche Leistungen sahen im Jahr 2020 einen deutlichen Rückgang mit wenigen zeitlichen Ausnahmen, die zum Teil mit der Lockerung der Corona-Maßnahmen übereinstimmten, wie eine Studie der Zentralinstitut für die Kassenärztliche Versorgung in der Bundesrepublik Deutschland (Zi) zeigt.

Auf Grundlage der Frühinformationen aus den Abrechnungsdaten (…) ist über alle Leistungsbereiche hinweg zu erkennen, dass sich die Inanspruchnahme vertragsärztlicher und vertragspsychotherapeutischer Leistungen stark abhängig von den Maßnahmen zur Kontaktbeschränkung entwickelt.

Veränderung der vertragsärztlichen Leistungsinanspruchnahme während der COVID-Krise – Trendreport für das Jahr 2020

Beim Hautkrebsscreening blieben die Zahlen beispielsweise fast durchgehend unter dem Niveau des Vorjahres.

Diese Entwicklung bereitet auch dem Bremerhavener Hausarzt Klaus-Ludwig Jahn Sorgen. Der Allgemeinmediziner hat seit Beginn der Pandemie eine deutliche Abnahme bei den Behandlungsfällen festgestellt. Bis zu 20 Prozent weniger Patienten habe er im Vergleich zum Vorjahr untersucht. "Wir haben uns zum Teil gelangweilt in der Praxis", scherzt er. Am stärksten seien die Zahlen während der Pandemiewellen eingebrochen.

Bremerhavener Arzt: Routine-Kontrollen auch eingebrochen

Auch die Vorsorge-Routinekontrollen bei chronisch Erkrankten hätten stark abgenommen, etwa für Diabetes oder Herzkrankheiten bei älteren Menschen. "Die meisten, die an diesen Programmen teilnehmen, sollten sich viermal im Jahr untersuchen lassen. Im vergangenen Jahr waren es vielleicht höchst zweimal", sagt Jahn. Offenbar hätten sie Angst gehabt, sich zu infizieren, obwohl man stets bemüht gewesen sei, alle Maßnahmen einzuhalten.  

Anzahl der Behandlungen im Land Bremen nach Quartalen (Kinder- und Hausärzte)

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Genaue Zahlen über die Vorsorgebehandlungen für Bremen und Bremerhaven zu finden, ist zum jetzigen Zeitpunkt schwer; sowohl eine Anfrage bei der Kassenärztlichen Vereinigung in Bremen als auch bei der AOK Bremen brach keinen Erfolg. "Es gibt zurzeit aufgrund der Abrechnungsmodalitäten ambulanter Leistungen noch keine vollständigen Daten für 2020", teilte der AOK-Sprecher Jörn Hons mit.

Längeres Warten auch bei Krebs und Herzinfarkt gefährlich

Etwa bei Krebserkrankungen sei längeres Warten gefährlich, weiß Jahn. "Ich hatte eine Dame, die über einen längeren Zeitraum nicht in die Praxis gekommen war. Als man sie untersucht hat, hat man einen Tumor festgestellt, der schon gestreut hatte. Ihr Schicksal ist unsicher. Das ist eine bittere Pille zu schlucken", erzählt Jahn. Und auch bei Herzerkrankungen sei schnelles Handeln gefragt. "Wir versuchen, den Patienten innerhalb einer Stunde ins Krankenhaus zu bekommen. Wenn man Herzschmerzen hat und aus Angst zwei Tage wartet, um den Arzt aufzusuchen, kann der Infarkt so schlimm geworden sein, dass man daran stirbt."

Ich gehe davon aus, wenn sich die Lage ab Sommer etwas verbessert, dass man eine große Zahl an nicht-behandelten, fortgeschrittenen Krankheiten finden wird.

Klaus-Ludwig Jahn, Allgemeinmediziner

Jahn hofft jetzt auf einen Rückgang bei den Corona-Neuinfektionen. "Im zweiten Quartal haben wir wieder mehr Patienten als im ersten. Wenn die Infektionszahlen sinken, werden die Patienten vielleicht mehr."

Rückblick: Wie eine Bremerin gegen die Folgen eines Schlaganfalls kämpft

Video vom 31. Oktober 2020
Eine blonde Frau sitzt auf einem Sofa. Sie trägt einen knallign Lippenstift.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

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Autorin

  • Serena Bilanceri

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 10. Mai 2021, 19:30 Uhr