Wie realistisch sind die Weltraumbahnhof-Pläne für die Nordsee?

Video vom 29. Juni 2021
Eine Modell-Grafik wie der deutsche Weltraumbahnhof für Raketen auf einem Schiff auf der Nordsee aussehen könnte.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Schon ab 2023 könnten kleinere Raketen von Schiffen starten, sagt das Bremer Raumfahrt-Unternehmen OHB. Auch Bremerhaven setzt große Hoffnungen in das Projekt.

Die Idee gibt’s schon länger: Deutschland soll einen Weltraumbahnhof bekommen. Allerdings nicht einen Startplatz für Mega-Raketen wie die Ariane oder die Sojus, sondern für kleinere Modelle, für die sogenannten Micro-Launcher. Der jüngste Vorschlag: Der Standort für die Startrampe könnte die Nordsee sein. Die Hoffnung, die damit verbunden ist: Bremen und Bremerhaven könnten davon profitieren.

Das Bremer Raumfahrtunternehmen OHB plant zusammen mit Logistik und Offshore-Unternehmen einen solchen Weltraumbahnhof in der Nordsee. Und so soll es funktionieren: Von Bremerhaven aus könnte ein Schiff mit einer kleinen Trägerrakete auf die offene See fahren, rund 450 Kilometer von der Küste entfernt. Dort würde die Rakete dann starten. An Bord: Kleine Satelliten. Private Unternehmen oder staatliche Institutionen könnten so Satelliten zur Erdbeobachtung, Internet oder für militärische Missionen ins All schießen. Und das schon ab 2023. Doch ist das Projekt wirklich sinnvoll und realistisch?

Ein Mini-Cape-Canaveral auf der Nordsee

Die Suche nach einem Startplatz für Klein-Raketen in Deutschland läuft schon länger: Erst waren Rostock und dann Nordholz im Landkreis Cuxhaven im Gespräch. Und nun soll es ein Mini-Cape-Canaveral auf der Nordsee geben? Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) ist schon länger in dieser Mission unterwegs. BDI-Präsident Dieter Kempf wittert gute Geschäfte für "New Space"-Firmen, die mit Raumfahrt Geld verdienen wollen.

Klar ist, dass wir viel mehr Kleinsatelliten und damit viel mehr Kleinraketen brauchen in erdnäheren Umlaufbahnen. Da wird der Boom erst kommen.

Dieter Kempf, Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie

Klar ist auch, dass die deutsche Raumfahrt-Industrie dabei nicht leer ausgehen will. Praktisch wäre es, Satelliten direkt von hier ins All schießen zu können. Doch einen Raketen-Startplatz kann man nicht einfach ins dichtbesiedelte Deutschland bauen.

Wenn man sich die Startplätze rund um den Globus anschaut, dann sind die meistens in Regionen, die in der Richtung, in der die Raketen starten, entweder Wüsten sind oder Ozeane. Und damit keine Gefährdung von irgendwelchen Ansiedlungen unten besteht.

Thomas Reiter Sixdays
Thomas Reiter, Ex-Astronaut und Manager der Europäischen Raumfahrtagentur ESA.

Nein, bewohnt ist die jetzt ausgeguckte Wasserfläche auf der Nordsee – etwa 460 Kilometer westlich vor der deutschen Küste – nicht. Richtung Norden würden Raketen an Dänemark und Norwegen vorbeischrammen, ohne unter sich nochmal über Land zu fliegen. Allerdings müsste an den Tagen geplanter Starts der Schiffs- und Flugverkehr über dem Areal umgeleitet werden. Ob und wie das funktionieren könnte, prüft gerade das Bundeswirtschaftsministerium.

Bremerhaven zentraler Hafen des Weltraumbahnhofs?

Das Land Bremen und noch mehr die Stadt Bremerhaven haben fundamentales Interesse daran, dass eine Micro-Launcher-Plattform gerade dort entsteht, erklärte Häfensenatorin Claudia Schilling (SPD). Der Bund solle die 30 Millionen Euro Anschubfinanzierung leisten.

Unsere Seestadt Bremerhaven bietet sich aus verschiedenen Gründen als zentraler Hafen und Logistikstandort für den Weltraumbahnhof an. Die Bremerhavener Infrastruktur verfügt über große tideunabhängige Hafenareale. An Land existieren genügend Flächen zur Vorbereitung der Raketenmissionen in Hallen und unter freiem Himmel.

Senatorin Claudia Schilling
Claudia Schilling, SPD, Senatorin für Wissenschaft und Häfen

Denn mehrere Bremerhavener Firmen, die im Hafen früher Offshore-Windkraftanlagen gebaut haben, sind mittlerweile pleite. Das Know-How, um technische Anlagen auf dem Meer zu bauen, ist dadurch aber in der Stadt noch vorhanden, beschwören Wirtschaftspolitiker.

Sie nennen das als Standortvorteil, sollten die Raketenrampen-Träume Wirklichkeit werden. Denn gerne sähen es die Bremerhavener Stadtoberen, wenn Raumfahrtunternehmen in den Hafen zögen, um ihre Satelliten dort zusammenzubauen. Diese könnten dann samt Rakete hinaus auf die Nordsee schippern und würden dort von einem Schiff oder einer Plattform aus ins den Orbit gefeuert.

So könnte es gehen, besagt auch eine Studie, die der BDI und die Stadt Bremerhaven in Auftrag gegeben hatten. Laut Studie sollen fast 10.000 Klein- und Kleinstsatelliten bis 2028 ins All gebracht werden. Warum nicht auch via Nordsee? 25 Mal pro Jahr könne dort eine Rakete abheben. Doch nicht alle Politiker in Bremen und Bremerhaven wittern Goldgräber-Luft.

Niemand will einen Weltraumbahnhof auf der Nordsee bauen. Die Erwartung, dass von einer solchen Abschussvorrichtung große Impulse für die Hafenentwicklung ausgehen, ich glaube, da sind wir sehr, sehr weit von entfernt.

Ingo Tebje, Mitglied der Linken-Bürgerschaftsfraktion


Die Rocket Factory Augsburg, eine Tochtergesellschaft des Bremer Raumfahrtkonzerns OHB, geht jedenfalls auf Nummer Sicher. Sie will ihre neue Mikro-Rakete RFA One nicht aus der Nordsee abfeuern und hat sich gerade bei einem Abschussplatz auf der nordnorwegischen Insel Andöya eingekauft. Das teilte OHB Anfang der Woche mit. Die RFA One soll 2022 das erste Mal fliegen. Spätestens dann muss es ja auch eine Startrampe für sie geben.

Ex-Astronaut zu Weltraumbahnhof: "Bremerhaven ist ein guter Standort"

Video vom 29. Juni 2021
Prof. Dr. Ulrich Walter  vom Lehrstuhl für Raumfahrttechnik der Technischen Universität München um Skype-Interview.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Autorinnen und Autoren

  • Maren Schubart
  • Folkert Lenz

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 29. Juni 2021, 19:30 Uhr