Weihnachtsflut 1717: Als Heiligabend zur Katastrophe wurde

An diesem 24. Dezember jährt sich eine der größten Küstenkatastrophen zum 300. Mal. Die Weihnachtsflut von 1717 forderte Zehntausende Tote. Noch Jahre später gab es Folgeschäden.

Stahlschnitt der Weihnachtsflut 1717
Ein historischer Kupferstich zeigt die Folgen der Flutkatastrophe 1717. Bild: gemeinfrei

1717, der 24. Dezember: Endlich Weihnachten! Seit Jahren haben die Friesen und die Menschen zwischen Elbe und Weser gelitten. 1710 hatte ein bitterkalter Winter das komplette Korn vernichtet. Zwei Jahre später kamen Pest und Viehseuchen ins Land. Und dann fielen Mäuse in Scharen über erntereife Felder her.

Aber nun sollte es Weihnachten sein, der Heilige Abend. Seit Tagen hatte ein Orkan aus Südwesten getobt, ablandig, ungefährlich, und pünktlich zum Fest beruhigte er sich. Die Menschen gingen in die Kirchen, feierten in ihren warmen Stuben und gingen schließlich zu Bett. Doch dann zog unbemerkt eine Kaltfront über die Deutsche Bucht – mit Blitz und Donner.

Um zwei Uhr nachts brach die eiskalte Flut die Deiche

Diesmal bläst der Orkan aus Nordwest und drückt die Wellen der Nordsee mit unbändiger Wucht an die Deiche. Die Ebbe bleibt aus, die Flut kommt unerbittlich. Ab zwei Uhr nachts bricht das eiskalte Wasser die Dämme und flutet das Land – von Groningen über Ostfriesland bis nach Oldenburg und Nordfriesland.

Da lag nun alles Feld mit Wellen überzogen, worauf ein ganzes Heer erblasster Körper schwamm. Dort trieb ein Mann, ein Weib samt Kindern auf den Wogen. Und wer nicht unters Dach errettete sein Leben, der musste solches bald in dieser Flut aufgeben.

(aus einem historischen Bericht)
Hans-Walter Keweloh
Der Bremerhavener Historiker Hans-Walter Keweloh hat die Weihnachtsflut 1717 untersucht.

"Wenn man sich die Stiche von damals ansieht, wird sofort klar: Da ist alles verschwunden", sagt der Bremerhavener Historiker Hans-Walter Keweloh: "Die Leute waten durchs Wasser, da sitzt jemand auf herausgerissenen Türen, der sich schwimmend zu retten versucht, die Leute klettern auf die Dächer – und das ganze Land ist weit und breit vollständig überflutet.

11.000 Menschen und 95.000 Nutztiere sterben

Das Weihnachtsfest 1717 markiert eine der größten Naturkatastrophen an der südlichen Nordsee. Über 11.000 Menschen sterben. 10.000 Pferde, ebenso viele Schweine, 40.000 Rinder und 35.000 Schafe. In einer Nacht reißt der Blanke Hans über 8.000 Häuser ein. Die Insel Langeoog bricht in vier Teile auseinander. Und es wird noch schlimmer, denn nach der Flut und mit abfließendem Wasser kommt auch noch die Kaltfront.

Fast überall fand man auf den Feldern Leichen. Hier sah man Mütter, welche noch im Tode das Kind umklammert hielten, dort vor Kälte erstarrte Menschen in den Bäumen hängen, andere in verschlammten Gräben stecken.

(aus einem historischen Bericht)

Wohl Zehntausende Menschen starben in den Folgewochen an Lungenentzündungen und Entkräftung. Und weil die Deiche jetzt dem flachen Erdboden gleich waren, floss mit jeder normalen Flut neues salziges Wasser ins Land – jahrelang. Der Heilige Abend vor 300 Jahren, am 24. Dezember 1717, er wurde mit der Weihnachtsflut zur fürchterlichen Katastrophe.

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, 24. Dezember 2017, 9:50 Uhr