Infografik

Zwillingsforscher: Kleine Zufälle können langfristige Effekte haben

Bremer Forscher untersuchen gerade, welche Faktoren die Entwicklung unserer Persönlichkeit beeinflussen. Dabei spielen Zwillinge eine zentrale Rolle.

Zwillinge liegen nebeneinander und schauen in die Kamera (Symbolbild)
Zwillingspaare können aufgrund ihres Erbgutes bei der Verhalten- und Persönlichkeitsforschung eine wichtige Rolle spielen. (Symbolbild) Bild: DPA | Frank May

Wie viel vom persönlichen Erfolg und der Persönlichkeit eines Menschen wird von Lebensereignissen beeinflusst? Und wie viel davon liegt an der Biologie und den Genen? Diese Fragen haben sich ebenfalls Wissenschaftler der Universität Bremen gestellt. Unter Leitung von Christian Kandler suchen sie jetzt mit einem langfristigen Projekt nach Antworten.

Herr Kandler, worum geht es in Ihrem Forschungsprojekt?
Wir führen gerade zwei Studien durch: eine Altersgruppen-Studie mit Menschen ab 14 Jahren in jeder Altersgruppe und eine Zwillingsfamilien-Studie mit Zwillingspaaren und deren Angehörigen – wenn möglich über drei Generationen. Bisher haben wir etwa 570 Familien mit Zwillingspaaren befragt, teils eineiig, teils zweieiig. Das Ziel ist, die Faktoren zu untersuchen, die die Persönlichkeitsentwicklung beeinflussen. Zum Beispiel das genetische Erbgut, die Lebensereignisse und das Umfeld.
Wieso sind Zwillingspaare für die Persönlichkeitsforschung wichtig?
Eineiige Zwillinge sind genetisch identisch, zweieiige Zwillinge sind nicht genetisch ähnlicher als gewöhnliche Geschwister. Mit dem Unterschied, dass sie gleich alt sind. Dadurch kann man altersbedingte Effekte kontrollieren. Wenn die Gene eine Rolle bei gewissen Merkmalen spielen, dann müssen eineiige Zwillinge in diesen Merkmalen ähnlicher sein als zweieiige Zwillinge. Dass dies bei der äußeren Erscheinung eine Rolle spielt, ist offenkundig. Wir untersuchen nun die verborgenen, psychologisch relevanten Merkmale. 
Wie untersuchen Sie das genau?
Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer werden gebeten, alle zwei Jahre einen Fragebogen auszufüllen mit Angaben zu Lebensereignissen, ihren Einstellungen, Wertvorstellungen und ihrem typischen Verhalten und Erleben im Alltag, um nur einiges zu nennen. Dadurch bekommen wir Informationen darüber, inwieweit die Entwicklung der typischen Denk-, Erlebens- und Verhaltensmuster – dies nennen wir Persönlichkeit – im Laufe des Lebens auf Erfahrung zurückzuführen ist und auf welche Weise unser genetisches Potenzial sich entfaltet. Uns interessiert auch, welche demografischen Variablen eine Rolle spielen: der Berufsweg, die Familiensituation und so weiter.

Anzahl der Zwillingsgeburten in Bremen

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Die Corona-Pandemie muss sich dann auch in ihrem Projekt widerspiegeln, oder? Das war sicherlich für viele Menschen ein einschneidendes Erlebnis.
Nur peripher. Da die Pandemie noch nicht zu Ende ist, ist es noch nicht möglich, die Effekte zu analysieren. Wir können Daten über Lebensereignisse erheben, wie bestimmte Auswirkungen der Pandemie auf berufliche, familiäre und finanzielle Veränderungen, aber viele langfristige Auswirkungen sind noch nicht absehbar.
Wann ist das Projekt gestartet und ab wann kann man erste Ergebnisse erwarten?
Wir sind 2015 an der Universität Bielefeld gestartet. Das Projekt wird mittlerweile durch meinen Dienstantritt an der Universität Bremen hier weitergeführt. Die Datenerhebung wird Anfang 2022 beendet sein und die Datenauswertung wird noch bis Mitte 2022 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert. Wer sich für die Studie interessiert, darf gern noch daran teilnehmen.
Haben Sie schon erste, vorläufige Ergebnisse?
Wir haben erste Daten über den Einfluss der Gene auf die Partnerwahl. Wenn die Gene eine Rolle spielen, dann müssen die Partner der eineiigen Zwillinge in ihrer Persönlichkeit ähnlicher sein als die Partner der zweieiigen Zwillinge. Und das hat man tatsächlich festgestellt bei einigen Merkmalen wie Toleranz und Offenheit. Und bei der Religiosität – das heißt, das Ausmaß, in dem Religion im Denken und im Alltag eines Menschen eine Rolle spielt – spielen auch Gene stärker eine Rolle.
Zusammen mit Experten aus unterschiedlichen Ländern sind Sie kürzlich der Frage nachgegangen, ob Zwillingsgeschwister in ihrer Persönlichkeit im Laufe ihres Lebens unterschiedlicher werden. Was haben Sie entdeckt?
Es ist tatsächlich so, dass wir bei den meisten Merkmalen einen Trend erkennen können: Die Rolle des genetischen Anteils sinkt mit der Zeit. Das bedeutet, dass genetisch identische Zwillinge im Laufe des Lebens unterschiedlicher werden, was ihre Persönlichkeit angeht. Am Anfang leben diese Geschwister im selben Haushalt, haben vielleicht denselben Freundeskreis. Aber je älter sie werden, desto eher gehen sie ihre eigenen Wege.
Dann werden sie immer mehr von diesen individuellen Erfahrungen geprägt – und das hat zur Folge, dass sie sich mehr und mehr voneinander unterscheiden. Dann kann der Zufall eine größere Rolle spielen. Wo der eine und der andere einen Studienplatz bekommen, zum Beispiel. Selbst, wenn beide Zwillingsgeschwister die gleichen Berufsinteressen haben. So kann es sein, dass der eine in Greifswald und der andere in München einen Studienplatz erhält. Dieser kleine Zufall kann schließlich beeinflussen, welche Menschen ich kennenlerne oder wie viel Geld ich spare. Ein kleiner Zufall mit einem kleinen Unterschied kann langfristige große Auswirkungen haben.

TV-Bericht vor 20 Jahren: Und wie leben die Frühchen-Zwillinge heute?

Video vom 27. Juli 2020
Die Zwillinge Jona und Sharline sitzen im Garten.
Bild: Radio Bremen

Autorin

  • Serena Bilanceri

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 27. Juli 2020, 19:30 Uhr