Interview

OHB-Sprecher: "Man hätte Elon Musks Idee damals ernst nehmen müssen"

Der Milliardär Elon Musk hat mit seiner Firma "SpaceX" Astronauten ins All geschickt. OHB-Sprecher Hörbst erzählt, welchen Einfluss das auf Europas Raumfahrt hat – und den Standort Bremen.

Eine Rakete von SpaceX beim Start
Das Unternehmen SpaceX vom US-Milliardär Elon Musk schickt nicht nur Trägerraketen ins All, sondern jetzt auch bemannte Raumkapseln. Bild: DPA | Chris O'meara

Urlaub im All – statt auf der Alm: So könnte vielleicht ein Werbeslogan in ferner Zukunft klingen. Denn das private Raumfahrtunternehmen SpaceX von Milliardär Elon Musk hat sich vorgenommen, irgendwann nicht nur Astronauten, sondern auch Privatpersonen ins All zu befördern. Ob das der US-amerikanischen Firma tatsächlich gelingen wird, ist noch offen. Aber Ende Mai hat Musk einen wichtigen Schritt genommen: SpaceX konnte seine erste bemannte Raumkapsel ins All schießen.

Damit hat zum ersten Mal ein privates Unternehmen US-Astronauten zur Internationalen Raumstation ISS gebracht. Das bedeutet zum einen das Ende eines russischen Monopols, das seit dem Ende des Space-Shuttle-Programms 2011 andauerte, zum anderen eventuell den Beginn einer kommerziellen Ära in der Raumfahrt. Welche Auswirkungen wird es dann auf Europa haben? Der Sprecher der Bremer Raumfahrtfirma OHB, Günther Hörbst, äußert sich dazu im Interview mit buten un binnen.

Herr Hörbst, Ihre Firma erhält regelmäßig Aufträge von der Europäischen Weltraumorganisation. Welche Auswirkungen wird der Start der bemannten Raumkapsel des US-amerikanischen Unternehmens SpaceX auf die europäische Raumfahrt haben?
Der Start hat sicherlich gezeigt, dass Privatunternehmen in der Branche zu erstaunlichen Dingen fähig sind. Die direkten Auswirkungen auf die europäische Raumfahrt kann man aber momentan schwer einschätzen. Man kann allerdings grundsätzlich sagen, dass die Wettbewerbssituation der eigenen europäischen Rakete, der Ariane, durch die Fortschritte von SpaceX noch stärker unter Druck geraten ist. Denn der Start der SpaceX-Raketen ist deutlich günstiger.
Das Unternehmen von Elon Musk arbeitet mit wiederverwendbaren Raketen und versucht damit, die Kosten niedrig zu halten. Werden die EU-Firmen ebenfalls ihre Kosten senken müssen, um wettbewerbsfähig zu bleiben?
Das wird so einfach nicht möglich sein. Das Geschäftsmodell von SpaceX und der amerikanischen Raumfahrt funktioniert anders als das der europäischen Raumfahrt. Die Rakete von SpaceX ist im Moment das beste Produkt auf dem Markt. Doch Europa erneuert gerade sein Ariane-Programm. Es ist die Hoffnung damit verbunden, dass dadurch die Wettbewerbsfähigkeit steigt und Elon Musk eines Tages eingeholt werden kann.
Riskiert man dann aber langfristig eine Preisschlacht wie in anderen Branchen? Werden die Unternehmen oder die Produktion in Länder mit billigeren Lohntarifen verlegt?
Nein, mit Sicherheit nicht. Eine Rakete ist nicht vergleichbar mit anderen Produkten, die industriell in Serie gefertigt werden. Raketen zu entwickeln und zu bauen ist ein sehr komplexes Vorhaben, das man nur mit hochqualifizierten Menschen realisieren kann.
Sie sagten, dass der Start gezeigt habe, dass Privatunternehmen in der Branche Erstaunliches leisten können. Wäre ein europäisches SpaceX denkbar?
Sie meinen ein europäischer Elon Musk? Wenn es so jemanden gäbe, wäre das denkbar. Im Moment ist aber keiner in Sicht. Menschen mit so viel Geld und der Ambition, es in die Raumfahrt zu investieren, gibt es in Europa momentan nicht. Aber auch in Europa bildet sich gerade ein kommerzielles Geschäft, zum Beispiel im Bereich der Micro-Launcher. Dabei handelt es sich um kleinere Trägerraketen. Sie befördern kleine Satelliten in einen niedrigeren Orbit. Und daran beteiligt sich auch OHB mit dem Start-Up Rocket Factory. Wir wollen eine kleine, günstige Rakete bauen.
SpaceX hat dem europäischen Raketenbauer Arianespace die Marktführerschaft entrissen. In Bremen wird ebenfalls an der Produktion der neuen Ariane-Rakete gearbeitet. Wird das auch Auswirkungen für die Hansestadt haben?
Das ist schwer zu sagen. Alle Beteiligten strengen sich jedoch sehr an, das Ariane-Programm stetig weiterzuentwickeln. Die Geschichte von SpaceX ist aber jedenfalls mit Bremen verbunden. Auf der internationalen Konferenz IAC in Bremen, im Jahr 2003, hat Elon Musk seine Rakete vorgestellt. Damals hatte er gerade das Unternehmen gegründet und einen ehemaligen Wissenschaftler der Universität Bremen mit an Bord geholt – den heutigen Vizepräsidenten von SpaceX, Hans Königsmann. Damals wurde Musk belächelt. Aus heutiger Sicht weiß man: Man hätte ihn besser ernst nehmen müssen.
Elon Musk will mit seinem Unternehmen auch Privatpersonen die Fahrt ins All ermöglichen. Werden wir in 20 Jahren Urlaub im All machen?
Das wäre natürlich eine wunderbare Vorstellung. Denn alle Astronauten erzählen das Gleiche: Dass sie von oben auf die Erde geschaut haben und sie plötzlich aus einer ganz anderen Perspektive gesehen haben. Wenn man den blauen Planeten in der Dunkelheit sieht, bekommt man einen Eindruck davon, wie besonders er ist. Man versteht, dass die Probleme der Erde nur von der gesamten Menschheit in den Griff bekommen werden können. Leider können sich momentan sehr wenige Menschen eine Reise ins All leisten. Ich habe gehört, ein Ticket kostet derzeit 55 Millionen Dollar.
Und was ist mit den gesundheitlichen Folgen für die Menschen: Kann jeder zum Mond fliegen?
Nein, natürlich kann man nicht so einfach ins All fliegen. Man muss Tests bestehen, man muss gesund sein und vor allem viel dafür trainieren. Man muss beweisen, dass man diese Belastung physisch bestehen kann.

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Autorin

  • Serena Bilanceri

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 8. Juni 2020, 23:30 Uhr