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Giftliste der "Seute Deern": Diese Stoffe wurden gefunden

Das Abwracken der "Seute Deern" beginnt. Ein Gutachten belegt, dass die 100 Jahre alte Dreimast-Bark eigentlich Sondermüll ist. Wir zeigen, wo welche Gifte lauern.

Video vom 20. Januar 2020
Zu sehen ist eine Schadstoffkataster und im Hintergrund die Seute Deern.
Bild: Radio Bremen

Am Montag haben die Vorarbeiten zur Verlegung der "Seute Deern" an den Ort des Abwrackens begonnen. Dabei gibt es eine besondere Herausforderung: In einem 35-seitigen Schadstoffkataster erklären Gutachter, dass viele Bauteile des Dreimasters voller Gift sind. buten un binnen liegt das Gutachten vor. Wo steckt welches Gift, wie gefährlich ist – und war – das und wie geht es nun weiter?

Der Hafenbetreiber Bremenports ist mit dem Abbruch beauftragt und hatte die Untersuchung durchführen lassen. So soll sichergestellt werden, dass keine Gifte in die Umwelt oder ins Hafenwasser gelangen. Im Oktober gingen die Gutachter an Bord. Sie nahmen an 26 Stellen Proben, die meisten aus Böden und Anstrichen. Bei neun der Proben entdeckten sie auffällige Werte.

PCB, PCP, PAK, Asbest, Lindan gefunden

Die Gutachter stießen auf mehrere giftige Stoffe und Stoffgruppen, darunter krebserregendes Asbest und das Holzschutzmittel Lindan. Besonders häufig fanden sie höhere und teils extrem hohe Konzentrationen der als krebserregend geltenden Stoffe PCB, PCP und PAK.

PAK (Polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe) sind organische Verbindungen, die natürlicher Bestandteil von Erdöl und Kohle sind. Vor allem Teer ist sehr stark mit PAK belastet, er ist für den Straßenbau seit den achtziger Jahren nicht mehr zugelassen. Einige PAK-Verbindungen sind krebserregend, sie können auch Genschädigungen hervorrufen. PAK kann außerdem die Atemwege, die Haut und die Verdauungsorgane reizen.

PCB (Polychlorierte Biphenyle) sind organische Verbindungen auf Chlor-Basis. PCB wurden häufig als Weichmacher in Bau-Chemikalien wie Dichtungsmasse eingesetzt. PCB gilt als krebserregend und kann auch Organ- und Genschäden bis zur Unfruchtbarkeit und hormonelle Schäden auslösen. Die Verwendung als Weichmacher ist in Deutschland schon seit 1978 verboten.

PCP (Pentachlorphenol) ist ein organischer Giftstoff, der lange eingesetzt wurde, um Holz und andere Materialien vor Pilzbefall zu schützen. Seit 2001 ist PCP verboten, weil es unter anderem zu Organschäden oder Haarausfall führen kann. Es steht außerdem im Verdacht, Krebs und Genveränderungen zu verursachen.

Warum Grenzwerte schwierig sind – und was der Experte sagt

verbrannte Deckwand auf der "Seute Deern"
Ein Brand setzte der "Seute Deern" 2019 zu. Im gleichen Jahr sank sie ab und wurde zum Totalschaden. Bild: Radio Bremen | Boris Hellmers

Gesetzliche Grenzwerte gibt es derzeit nur für Asbest. Für alle anderen gemessenen Giftstoffe gibt es nur Richtwerte. "Diese Richtwerte wurden von einer Behörde herausgegeben und werden meist so verwendet, als wären es Grenzwerte", erklärt Michael Köhler, Biologe beim Bremer Umweltinstitut. Allerdings: Grundlage für die Richtwerte ist die Verunreinigung je Kubikmeter Raumluft, auf der "Deern" wurde aber der Schadstoffgehalt in den Baustoffen gemessen. "Um zu wissen, wie kritisch das Ganze ist, müsste man darum eigentlich eine Luftuntersuchung durchführen", sagte Köhler auf Nachfrage von buten un binnen.

Als "schon sehr hoch" bezeichnet er einige der Werte, etwa in der Kapitänskajüte, wo mit 28.135 mg/kg ein extrem hoher PCB-Wert gemessen wurde. Auch die Werte im Restaurantbereich nennt er eine "relativ hohe Belastung." Dass die Werte erst jetzt herauskommen, führt Köhler auf die Rechtslage zurück: Es gebe keine Verpflichtung, diese Messungen durchzuführen – und offenbar habe es vorher keinen Verdacht gegeben. Typische Anlässe für Untersuchungen seien – wie jetzt – bevorstehende Baumaßnahmen oder konkrete Anzeichen für gesundheitliche Beeinträchtigungen.

Die Gift-Bereiche: Klicken Sie auf die Bereiche, um die Belastungen anzuzeigen:

Dargestellt sind die extremsten Messwerte der 26 Proben. Zum Vergleich: Die niedrigsten Werte im Gutachten lagen bei PCP bei 0,51 mg/kg, PCB 0,85, PAK 27,49 und Lindan 38,8. Die gestrichelte Linie zeigt: Der Außenanstrich ist mit Asbest belastet, die Innenwände mit Lindan und PCB.

Infografik die farblich darstellt in welchen Bereichen die Seute Deern besonders vergiftet ist. Nebenraum Restaurant: PCP 144 mg/kg Lindan 38,8 mg/kg PAK 3.629 mg/kg Restaurant, Anstrich Außenwand: PCP 498 mg/kg Lindan 99,6 mg/kg PAK 845 mg/kg Unterdeck, Restaurant und Küche Vorderer Deckaufbau: PAK 2.212 mg/kg Kapitänskajüte: PAK 106 mg/kg PCB bis 28.135 mg/kg Oberdeck
Quelle: Gutachten Bremenports 2019 Bild: Radio Bremen

Gift im Restaurant: Biologe gibt eher Entwarnung

PCB, PCP, Lindan, PAK, Asbest: Wie gefährlich können diese Stoffe für Mitarbeiter oder Restaurant-Gäste auf der "Seute Deern" gewesen sein? Gründsätzlich, sagt Michael Köhler, seien das "alles Schadstoffe, die chronisch toxische Wirkungen haben können. Das heißt: Wenn man sich ihnen längere Zeit immer wieder regelmäßig aussetzt, dann kann man eben gesundheitliche Beschwerden davontragen." Für die Besucher des jahrelang sehr beliebten "Seute Deern"-Restaurants würde Köhler eher Entwarnung geben: "Sie waren ja immer nur sehr kurz in den Räumen. Ich glaube, für sie besteht da kaum Gefahr", so der Biologe. Und was empfiehlt er den Mitarbeitern? "Da kann man ja nichts mehr tun. Das ist passiert. Solange keine langfristigen Beschwerden aufgetreten sind, würde ich da aber auch nichts weiter unternehmen", erklärt Köhler.

Abschleppen, aufsanden, abwracken: So geht es weiter

Baltimore-Pier in Bremerhaven
Hierhin, an die Baltimore-Pier, soll die "Seute Deern" verlegt werden. Bild: Radio Bremen | Boris Hellmers

Dass die "Seute Deern" so schadstoffbelastet ist, bedeutet für das Abwracken kein Hindernis – das Gutachten hilft nur, die belasteten Baustoffe fachgerecht zu entsorgen. In dieser Woche haben die Vorbereitungen für das Versetzen der "Deern" einige Meter weiter an die Baltimore-Pier begonnen. Kommt das Schiff dort an, wird das Becken mit Containern verschlossen und mit Sand aufgefüllt. Wenn das Schiff dann einen stabilen Stand hat, kann mit dem eigentlichen Abwracken begonnen werden. Das Schifffahrtsmuseum, dem die "Seute Deern" gehört, will nach eigener Aussage dann soviele Bauteile wie möglich behalten. Ob sie Teil eines möglicherweise neuen Holzschiffes werden, ist aber noch vollkommen offen. Zwar hat der Bund 47 Millionen Euro an Mitteln für eine neue "Deern", die Museumsflotte und den Alten Hafen zugesagt. Wie dieses Geld verwendet wird, ist aber noch völlig offen.

Autor

  • Boris Hellmers

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 20. Januar 2020, 19:30 Uhr