"Seute Deern": Lieblings-Schiff und ewiges Sorgenkind

Der Brand auf der "Seute Deern" war für viele Bremerhavener ein Schock. Das Schiff wird geliebt. Doch es war seit seinem Bau 1919 ein Sorgenkind.

Das Bug der Seute Deern

Als die "Seute Deern" am Freitag in Brand geriet, war Bremerhaven virtuell völlig aus dem Häuschen: Die Meldungen darüber verbreiteten sich rasant und wurden voller Sorge kommentiert. Auch ganz real wandten sich viele Stadtbewohner dem Schiff zu und nahmen als Augenzeugen im Alten Hafen Anteil.

Die kritischen Stimmen waren in dieser Nacht in der Minderheit. Doch es gibt sie nach wie vor: Wie viel ist die "Seute Deern" uns wert? Kann sich Bremerhaven ein Schiff leisten, dessen Zustand immer schlechter wird und für dessen Restaurierung 34 Millionen Euro veranschlagt sind?

Der Brand: Der traurige Höhepunkt eines 100-jährigen hölzernen Großseglers mit einer wechselhaften Geschichte.

1919: Stapellauf in Mississippi

Das Segelschiff Seute Deern

Das Geburtsjahr der "Seute Deern": Sie läuft im US-Bundesstaat Mississippi vom Stapel. Damals heißt sie noch "Elisabeth Bandi". Doch sie ist von Anfang an ein kolossaler Anachronismus: Hölzerne Großsegler wurden damals schon lange nicht mehr gebaut. Dass sie aus frischem Holz bestand und keinen Wurmschutz hatte, machte die Sache nicht besser. Die "Elisabeth Bandi" wurde als Gaffelschoner zum Transport von Holz eingesetzt und machte von Anfang an Ärger. Reparaturen wurden fast nach jeder Fahrt fällig, schon damals musste ständig Wasser aus dem Rumpf gepumpt werden.

1931: Überführung nach Europa

Eine Gallionsfigur
In den dreißiger Jahren bekam das Schiff seine markante Gallionsfigur. Bild: DPA | Ulrich Baumgarten

1931 kommt das Schiff nach Europa. Auch hier wird sie als Holz-Transportschiff eingesetzt, zunächst in Finnland, dann 1938 in Hamburg. Bei Blohm und Voss wurde das Schiff, das die Finnen in "Bandi" umgetauft hatten, runderneuert und zur Bark gemacht. Hier bekommt sie schließlich auch ihre bekannte Gallionsfigur – und mit ihr den neuen Namen "Seute Deern", plattdeutsch für "Süßes Mädchen". Die "Deern" fährt als Frachter und Ausbildungsschiff.

1945: Eine Odyssee beginnt

Ein Schiff im Hafen (historisches Bild)
Die "Seute Deern" Mitte der dreißiger Jahre in Hamburg. Bild: Imago | Arkivi

Zu Kriegsende liegt der Großsegler in Lübeck. Ein Jahr später wird die "Seute Deern" zu einem Hotelschiff umgebaut, das in Hamburg aber nur mäßigen Erfolg hat. 1954 beginnt eine Odyssee durch verschiedene Länder und mit verschiedenen Nutzungen: Die "Seute Deern" wird schwimmende Jugendherberge in den Niederlanden, Restaurantschiff in Emden, wo sie allerdings kurz vor der Eröffnung sinkt. Schließlich gelangt sie mit Hilfe eines Helgoländer Geschäftsmannes nach Bremerhaven.

1966: Die "Deern" kommt nach Bremerhaven

Das Segelschiff "Seute Deern" in Bremerhaven
Hier, im Alten Hafen, liegt die Bark seit 1966. Bild: DPA | Bernd J.Fiedler

1966 kommt das Schiff an der Wesermündung. Seitdem liegt es als Schiffs-Restaurant an seinem Liegeplatz im Alten Hafen. 1972, kurz nach der Gründung des Deutschen Schifffahrtsmuseums, schenkt die Stadt die "Seute Deern" der neuen Institution. Nun ist die "Deern" zwar immer noch Restaurantschiff, zugleich aber ein Schiff der historischen Museumsflotte. Bremen und Bremerhaven finanzieren eine Grundsanierung der Bark.

2005: Denkmalschutz für die Bark

Die "Seute Deern" wird, zusammen mit anderen Schiffen und den Gebäuden des Schifffahrtsmuseums, unter Denkmalschutz gestellt. Der Zustand der Bark ist weiterhin schlecht. Das salzhaltige Wasser in Bremerhaven hat die Schäden im Rumpf verstärkt: Auch hier muss dauerhaft Wasser aus dem Rumpf gepumpt werden. Dieses "Lenzen" können Zehntausende jährliche Touristen live beobachten.

2018: Anstrengungen für eine teure Zukunft

Überdachtes Dock für die "Seute Deern"
So könnte das Sanierungs-Dock der "Seute Deern" nach ersten Ideen aussehen. Bild: Judel/Vrojlik & Co.

Wie steht es um die Zukunft der "Seute Deern"? Die teure, aber unbedingt nötige Sanierung wird zu einem Problem. Das Schifffahrtsmuseum kann sie aus eigener Kraft nicht bewältigen – es kann laut Chefin Sunhild Kleingärtner nur für den laufenden Betrieb seiner Museumsschiffe aufkommen. Es wird ein "Initiativkreis zur Rettung der Seute Deern" gegründet, auch viele Politiker setzen sich für den Erhalt des Schiffes ein. Und haben Erfolg: Der Bund sagt zu, die Hälfte der Sanierungskosten in Höhe von 34 Millionen Euro zu übernehmen. Es gibt schon erste Konzepte über ein touristisch interessantes gläsernes Dock. Wie die Stadt Bremerhaven und das Land Bremen die Hälfte der Finanzierung aufbringen, ist noch unklar.

2019: Der Brand

Die "Seute Deern" wird 100 Jahre alt. Und sie fängt Feuer. Viele Bürger der Stadt versammeln sich hinter ihrem rotten und doch immer noch stolzen Segler. Auch die Politik fordert, den Sanierungskurs beizubehalten. Wie substantiell die Schäden auf dem Schiff tatsächlich sind, ist aber auch Tage nach dem Unglück noch nicht bekannt. Wie die Zukunft der "Seute Deern" aussieht, ist an ihrem hohen Geburtstag unklar.

Brand auf der "Seute Deern" in Bremerhaven

Das Schiff Seute Deern im Dunkeln, es steigen Rauchwolken auf.

Autor

  • Boris Hellmers

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 18. Februar 2019, 19:30 Uhr