Interview

Undenkbar: Ein Sommer ohne Schmetterlinge?

Falter sind – wie viele Insekten – bedroht. Ein Experte verrät, wo man sie noch in Bremen findet und was jeder von uns für ihren Erhalt tun kann.

Heimischer Schmetterling: Aurora Falter
Aurorafalter lieben – wie die viele Schmetterlinge – Löwenzahn. Bild: Imago

Sie sind schön, sie sind bunt, doch sie werden immer weniger: Tag- und Nachtfalter sind auf dem Rückzug. Laut der Deutschen Wildtierstiftung sind 50 Prozent der in Deutschland lebenden Arten gefährdet und zwei Prozent bereits ausgestorben oder verschwunden. Von weltweit rund 150.000 Schmetterlingsarten leben 30 bis 40 im Land Bremen. Schmetterlingsexperte Michael Abendroth vom Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND) erzählt von verschollene Arten, überraschende Gäste aus dem Süden und Orte in der Region, an denen sich Schmetterlinge besonders wohlfühlen.

Welche Schmetterlinge kann man in Bremen und Umgebung sehen?
Das Tagpfauenauge und der Zitronenfalter sieht man am häufigsten. Sie überwintern als Falter, hängen sich im Winter irgendwo hin und kommen dann im Frühjahr wieder raus. Im April kommt dann der Aurorafalter. Der war dieses Jahr häufig zu sehen. Regelmäßig taucht in den Gärten der C-Falter auf. Der Faulbaum-Bläuling ist extrem wanderlustig: Den kann man fast überall finden, ob auf dem Marktplatz oder in irgendeiner Heide. Und nicht zu vergessen: der Kohlweißling.
Gibt es Schmetterlinge, die selten geworden sind?
Eine Art sah man früher ganz oft: den kleinen Fuchs. Der ist total selten geworden. Ich habe dieses Jahr keinen einzigen gesehen. Der ist weg. Wir wissen noch nicht, woran es liegt.
Distelfalter: Nordafrikanischer Falter in Deutschland
Besuch aus Nordafrika: der Distelfalter. Bild: Imago
Konnten Sie dieses Jahr etwas Besonderes beobachten?
Um Pfingsten herum konnten wir dieses Jahr den Distelfalter beobachten. Das ist wirklich etwas Besonderes. Der Distelfalter ist ein reiner Nordafrikaner. Er kommt jedes Jahr aus dem Saharagebiet und wandert bis nach Skandinavien und dann wieder zurück. Der kann super gut fliegen, ist extrem schnell und wendig – das muss er auch sein für die langen Strecken, die er zurücklegt. Es gibt noch einen Wanderfalter, das ist der Admiral. Auch der Schwalbenschwanz und der Trauermantel werden hin und wieder gesichtet.
Wie alt werden Schmetterlinge eigentlich?
Ganz unterschiedlich, zwischen zwei Wochen und knapp einem Jahr. Am längsten lebt der Zitronenfalter mit fast einem Jahr.
Grüne Schmetterlingseier kleben an Brennnesselblatt
Das Tagpfauenauge legt seine Eier an Brennnesselblättern ab. Bild: Imago | Blickwinkel
Wo legen Schmetterlinge eigentlich ihre Eier ab?
Das ist sehr unterschiedlich. Der Distelfalter legt seine Eier gern auf Disteln ab, aber auch auf anderen Pflanzen. Es gibt Arten, die sind auf eine einzige Pflanze programmiert. Wenn es die nicht gibt, ist es vorbei. So wie der Lungenenzianbläuling. Den gibt es so gut wie nicht mehr. Je breiter das Spektrum der Pflanzen für die Raupe ist, desto größer sind die Überlebenschancen der Falter.
Kann man im Garten mit bestimmten Pflanzen dafür sorgen, dass Schmetterlinge sich vermehren?
Meistens legen Schmetterlinge ihre Eier auf Wiesen oder an Waldrändern ab, nur selten im Garten. Nur der Aurorafalter legt seine Eier gern an Pfennigkraut oder auf Wiesenschaumkraut ab. Dann schlüpfen die Raupen und fressen sich an der Pflanze satt. Das tun sie aber vor allem nachts, deshalb bekommt man sie meist nicht zu Gesicht.
Findet man denn irgendwo die Puppen der Schmetterlinge?
Das ist ganz selten. Die Raupe muss sich meistens an einem aufrechten Platz verpuppen: einem Stengel, einem Ast oder an der Hauswand. Die Arten, die sich senkrecht verpuppen, haben es besonders schwer. Sie müssen da ja ein halbes oder ein dreiviertel Jahr so rumhängen, da darf nichts passieren. Alle Falter, die früher ihre Eier an Feldrändern abgelegt haben, haben heute ganz schlechte Karten wegen der Pestizide.
Heimischer Schmetterling: Der C-Falter
C-Falter können laut BUND recht zutraulich werden und saugen gerne bei Menschen Schweiß von der Haut. Bild: Imago
Was kann man im Garten für die Falter sonst irgendetwas tun?
Man kann Tankstellen einrichten, indem man einheimische Pflanzen pflanzt. So finden die Schmetterlinge Nahrung. Die Arterhaltung findet aber eher nicht im Garten statt, dafür bevorzugen die Schmetterlinge Wiesen oder Blühstreifen in der Stadt oder an Feldern. Der BUND ist da in Kooperation mit dem Umweltbetrieb und auch der GEWOBA sehr aktiv, in der Stadt oder auch im Stadtwald solche Flächen anzulegen. Man kann auf dem eigenen Grundstück beispielsweise eine wilde Ecke einrichten mit hohem Gras, denn manche Falter schmeißen ihre Eier einfach in die Wiese. Von so einem verwilderten Stück Land profitieren übrigens alle Insekten: die Heuschrecken, die Wildbienen, die Hummeln – einfach alle.
Gibt es in Bremen oder Umgebung ein bestimmtes Gebiet, wo man auch seltene, ganz besondere Schmetterlinge zu Gesicht bekommt?
Man könnte jetzt einen Ausflug nach Hasbruch machen. Dort kann man am Waldrand mit etwas Glück Schillerfalter oder Eisvögel sehen. Eisvogel heißt nicht nur der Vogel, sondern auch ein Schmetterling. Auf feuchten Waldwegen sitzen sie da und nuckeln an den Wassertropfen.

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  • Mirjam Steger

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Mittag, 28. Juni 2019, 15:25 Uhr