Interview

So warnen Fahrräder mit Oldenburger Technik vor Gefahren im Verkehr

Schon bald könnten Fahrradhelme auf herannahende Autos hinweisen. Selbst ums Eck funktioniert die Technologie. Ziel ist es, Radunfälle mit Kindern zu vermeiden.

Video vom 28. April 2021
Ein Junge sitzt mit Helm auf ein Fahrrad-Simulator, neben ihm ein Forscher mit Tablet.
Bild: Radio Bremen

Gut ein Drittel aller Verkehrsunfälle mit Kindern passieren laut Statistischem Bundesamt mit dem Fahrrad. Genau 34,4 Prozent sind es nach einer jüngsten Erhebung, die im vergangenen Jahr veröffentlicht wurde. Mehr als 9.600 Kinder unter 15 Jahren wurden 2019 auf dem Rad verletzt, sieben davon tödlich.

Verunglückte Kinder bei Verkehrsunfällen nach Verkehrsmittel (2019)

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Um die Sicherheit beim Fahrradfahren zu erhöhen, wollen Forscher der Universität Carl von Ossietzky in Oldenburg Assistenzsysteme entwickeln, die man auf dem Rad und im Helm installieren kann. Daran haben sie im Rahmen des Projekts "Safety4bikes" gearbeitet, das vom Bundesbildungsministerium gefördert wurde. Susanne Boll, Professorin am Institut für Informationstechnik in Oldenburg, hat mit buten un binnen über die Ergebnisse gesprochen.

Prof. Boll, Ihre Universität hat am Projekt "Safety4bikes" teilgenommen. Woran haben Sie genau geforscht?
Wir arbeiten an der Frage, ob das Fahrradfahren – insbesondere bei Kindern – durch die Nutzung von Assistenzsystemen sicherer werden kann. Bisher kennt man solche Systeme eher von den Autos. Wir haben aber über mehrere Jahre mit unseren Partnern zusammen daran gearbeitet, Assistenzsysteme sowohl im Helm als auch direkt am Fahrrad einzubauen. Damit sollen Kinder Warnsignale erhalten. Und durch sprachliche Hinweise kann auch ein Beitrag zur Verkehrserziehung geleistet werden.
Wie soll man sich solche Systeme konkret vorstellen?
Der Helm sitzt direkt am Kopf. Man hat also die Möglichkeit, dem Fahrradfahrer oder der Fahrradfahrerin etwas zu übertragen. Am oberen Helmrand haben wir mit Lichtsignalen gearbeitet; zum Beispiel mit einem roten Warnlicht, das als Warnsignal dient. Oder mit Vibrationen: Im Helm ist dann ein kleiner Vibrationsmotor verbaut, der im Prinzip hinter dem Ohr sitzt und bei Bedarf vibriert. Wir haben auch an akustischen Warnsignalen geforscht. Und mit der Sprache gearbeitet, zum Beispiel durch Hinweise wie "Beim Abbiegen Handzeichen nicht vergessen".

Am Fahrrad haben wir LED-Leuchtstreifen eingebaut, aber bei Kindern war der Ablenkungseffekt relativ groß, dann haben wir das nicht mehr verfolgt. Wir haben auch Vibrationsmotoren am Sitz und Lenker untersucht. Eine Vibration ist ein Signal, auf das man sehr schnell reagieren kann, ohne hingucken zu müssen. Und dann haben wir akustische Signale erforscht.
Das heißt, dass das System erkennen soll, dass ein Objekt dem Fahrrad irgendwie zu schnell zu nah kommt und den Fahrer oder die Fahrerin davor warnt?
Wir haben daran gearbeitet, mit welcher Technologie man diese Informationen anzeigen kann. In dem Forschungsprojekt ist jedoch auch eine Forschungsarbeit zum Thema "Vernetzung" eingebettet. Man geht davon aus, dass in fünf bis zehn Jahren Autos Signale aussenden und empfangen werden – wo das Auto ist, wie es sich gerade bewegt. Und das wird auch für Fahrradfahrer möglich sein. Das heißt, dass die Verkehrsteilnehmer Funksignale aussenden. Damit haben Fahrradfahrer die Möglichkeit zu erkennen, dass etwas um die Ecke kommt, was man zum Beispiel wegen der Geschwindigkeit potenziell übersehen könnte. Die Elemente im Helm oder am Fahrrad werden jedoch nur funktionieren, wenn wir diese Infrastruktur bekommen. Aber wir sehen ganz klar, dass die Technologie in diese Richtung geht.
Aber wie realistisch ist es dann, dass solche Systeme in naher Zukunft tatsächlich im Alltag auf den Straßen benutzt werden?
Ich würde sagen sehr, sehr realistisch – und zwar schrittweise. Elemente am Fahrrad zum Eigenschutz sind heute teilweise schon zu sehen: Helme, die leuchten, zum Beispiel. Das hätte man sich früher nicht vorstellen können. Die Vernetzung mit Umgebungssensoren wird auch in ein paar Jahren, ich schätze spätestens fünf Jahren, möglich sein. Damit könnte man beispielsweise in der Dunkelheit Objekte erkennen und den Fahrer davor warnen. Die Technologie wird günstiger. Ich gehe davon aus, dass wir in spätestens zehn Jahren die ersten Fahrräder haben werden, die sich wirklich mit ihrer Umgebung vernetzen und zum Beispiel dynamisch erkennen, dass sich ein Auto nähert. Dass es flächendeckend sein wird, das natürlich nicht.
Sie haben sich auf Kinder fokussiert. Ist diese Technologie aber auch für Erwachsene geeignet?
Das Forschungsprojekt war auf die Zielgruppe der 12- bis 16-Jährigen ausgerichtet – also junge Leute, die mobiler werden, aber vielleicht noch nicht die Sicherheit haben. Wir haben darüber diskutiert, ob sie vielleicht auch für ältere Menschen geeignet sein könnten. Dann müsste man aber auf jeden Fall die einzelnen Konzepte genau überprüfen. Ältere Menschen haben häufig eine sensorische Einschränkung, das heißt, sie hören oder sehen altersbedingt etwas anders. Und sie haben eine höhere Kompetenz: Sie sind erfahren und haben schon lange gelernt, mit den Risiken im Verkehr umzugehen. Man müsste also überprüfen, wie man die verschiedenen Funktionen und Signale anpassen kann.
Das Projekt ist bereits abgeschlossen. Werden Sie in Zukunft weiter am Thema forschen?
Ja, unbedingt. Wir haben aktuell kein laufendes Projekt, aber wir organisieren im Sommer einen internationalen, virtuellen Workshop für Doktoranden und Doktorandinnen, eine sogenannte Summer School, über acht Wochen. Dabei sollen neue Ideen für Assistenzsysteme entstehen.

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Autorin

  • Serena Bilanceri

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 27. April 2021, 19:30 Uhr