Proteste im Iran: Das sagen Iraner in Bremen

Seit Tagen gehen im Iran Menschen auf die Straße. Worum geht es dabei? Wir haben Iraner und einen Politikwissenschaftler aus Bremen um eine Einschätzung gebeten.

Teheran, 30. Dezember 2017: Menschen protestieren wegen gestiegener Lebenshaltungskosten in Teheran.
Proteste in Teheran am 30. Dezember 2017. Bild: DPA | AA/ABACA

Im Iran gehen derzeit viele, überwiegend junge Menschen auf die Straßen. Sie kritisieren die stark gestiegenen Lebenshaltungskosten und die anhaltende Arbeitslosigkeit – sowie die hohen Summen, die statt in Bildung oder Infrastrukur im Land in die außenpolitische Sicherheitsstrategie des Irans fließen. Nach offiziellen Angaben sind bereits 20 Menschen getötet worden, mehrere Hundert wurden verhaftet. Und die Proteste halten an. Auch Iraner in Bremen blicken in diesen Tagen in ihre alte Heimat.

Wenn eine Gesellschaft so weit ist, dass sie sich selber Freiheit wünscht, dann muss sie auf die Straße gehen und protestieren. Sonst wird nichts passieren.

Tam Jooschani, Cafébetreiber im Steintorviertel

Ein Grund für die Proteste ist die schlechte wirtschaftliche Lage im Land. Viele Menschen hatten gehofft, dass der Atomdeal im Jahr 2015, der die lange währenden Sanktionen gegen den Iran beendete, ihr Leben verbessern würde. Doch die Arbeitslosigkeit im Land ist nach wie vor hoch.

Hohe Arbeitslosigkeit, besonders bei der Jugend

"Es ist seit der Revolution 1979 nicht gelungen, die Armut zu beheben", sagt Klaus Schlichte, Professor für Internationale Beziehungen an der Universität Bremen. "Viele junge Menschen sehen sich in ihren Lebenswegen blockiert, sind prekär oder gar nicht beschäftigt." Die Jugendarbeitslosigkeit lag zuletzt bei 28,8 Prozent. Dieser Unmut bricht sich nun Bahn. Die Proteste sind anscheinend nicht organisiert, viel läuft über Soziale Medien.

Einerseits finde ich das positiv, weil die Menschen, die wirklich unzufrieden sind in diesem Lande, seit Jahren, die Gelegenheit gefunden haben, sich zu äußern. Aber im Prinzip wird die Unorganisiertheit der Demonstranten vielleicht dazu führen, dass die Proteste nicht der Bevölkerung, sondern den Machthabern zugute kommen.

Madjid Mohit, Buchverleger

Generationenkonflikt bricht sich Bahn

"Im Grunde zeigt sich hier ein Generationenkonflikt, der in vielen postrevolutionären Regimen irgendwann Thema wird", sagt Klaus Schlichte. "Die Generation, die damals, auch durch persönliche Opfer, die Revolution gewonnen hat und die Oligarchen vertrieb, ist nun die neue Oligarchie geworden." Für die Jungen seien sie Symbole einer blockierten, verknöcherten Struktur. Sie selbst sähen sich jedoch weiterhin als Befreier, als historisch im Recht.

Der Politikwissenschaftler Klaus Schlichte lehrt an der Universität Bremen
Der Politikwissenschaftler Klaus Schlichte lehrt am Institut für Interkulturelle und Internationale Studien der Universität Bremen. Bild: privat

Gleichzeitig sei der Iran durch seine Konkurrenz zu Saudi-Arabien und seine antiwestliche Haltung international stark im Fokus, so Schlichte. Insbesondere die USA und Israel gelten dem Regime als Feinde des Landes. Und so führen Äußerungen etwa von Präsident Trump zu weiteren Spannungen.

Ich würde diese Ratschläge lieber von der Europäischen Gemeinschaft hören. Das wäre positiv, zumal Deutschland nach wie vor ein sehr guter, zuverlässiger Partner für den Iran ist. Aber nicht unbedingt aus Israel oder den USA. Denn das ist genau das, was das Regime möchte. Es kann damit argumentieren: Da ausgerechnet Israel und die USA hinter euch stehen, kann euer Weg nicht richtig sein.

Hassan Safari

Wohin die Proteste führen werden, sei derzeit kaum abzusehen, sagt Politikwissenschaftler Klaus Schlichte. "Für viele Betrachter stellt sich nun natürlich die Frage: Ist das das Ende des Regimes im Iran? Danach sieht es derzeit aber nicht aus."

Dieses Thema im Programm: Bremen Vier, 3. Januar 2018, 6:50 Uhr