Interview

"Polarstern" vor ihrer riskantesten Expedition

Im Herbst 2019 soll das Forschungsschiff Polarstern in der Arktis über mehrere Monate eingefroren werden. Markus Rex vom Alfred-Wegener-Institut erklärt, was das bringen soll.

Foto eines Schmelztümpels auf einer Eisscholle. Im Bildhintergrund erkennt man den deutschen Forschungseisbrecher Polarstern.
Der Forschungseisbrecher Polarstern. Bild: Alfred-Wegener-Institut | Stefanie Arndt
Herr Rex, für die Polarstern stehen im Herbst 2019 spannende Zeiten an. Was ist das Besondere an der bevorstehenden Expedition?
Wir haben mit fünf Eisbrechern, mehreren Forschungsflugzeugen und insgesamt 600 Personen aus 17 Nationen die größte Arktisexpedition vor, die jemals durchgeführt wurde. Wir werden zum ersten Mal einen modernen Forschungseisbrecher im Winter in die Nordpolregion bringen. Und dann werden wir dort in der Lage sein, uns die Klimaprozesse, die ja auch das Klimasystem unseres ganzen Planeten entscheidend beeinflussen, vor Ort im Detail anzugucken.
Das Spannende daran ist ja, dass sich die Polarstern dabei einfrieren lässt. Wie kann man sich das vorstellen?
Die Nordpolregion ist im Winter unzugänglich. Das Eis auf dem arktischen Ozean ist in dieser Jahreszeit so dick, dass auch unsere besten Forschungseisbrecher da nicht durchbrechen können. Wir fahren im September 2019 mit unserem Flaggschiff, der Polarstern, in den sibirischen Sektor der Arktis und stoßen dann tief in das zu dieser Jahreszeit noch dünne Eis vor. Auf etwa 86 Grad Breite versetzen wir die Maschinen dann in Leerlauf und lassen uns in dem immer dicker werdenden Eis fest einfrieren, wenn der Winter langsam einbricht. Wir können uns dann nicht mehr bewegen, aber wir driften mit dem natürlichen Drift des arktischen Eises in Richtung Grönland.
Markus Rex auf dem Forschungsschiff Polarstern.
Markus Rex vom Alfred-Wegener-Institut
Was passiert nach der Expedition? Kann sich die Polarstern selber aus dem Eis befreien oder muss sie möglicherweise gerettet werden?
Wir sind ein Jahr im Eis eingefroren und driften passiv mit. Danach wird das Eis uns auf der atlantischen Seite der Arktis zwischen Grönland und Spitzbergen in der Framstraße wieder ausspucken. Dann fahren wir zurück nach Tromsø (Norwegen) und werden Ende September 2020 hoffentlich jubelnd und mit allen Leuten wohlbehaltend an Bord einlaufen.
Das ist zumindest der Plan. Wenn es nicht so laufen sollte und es sich doch anders entwickelt, wie muss reagiert werden?
Es gibt eine magische unsichtbare Linie im Eis. Alles, was sich östlich dieser Linie befindet, driftet dahin, wo wir hin möchten, in die Framstraße zwischen Spitzbergen und Grönland. Alles, was sich westlich davon befindet, driftet weiter an der Nordküste Grönlands vorbei, dann an der Nordküste des amerikanischen Kontinents in einen großen Eiswirbel. Das darf uns nicht passieren! Aber wir haben natürlich viel Erfahrung. Wir haben etwa anderthalb Jahrzehnte Driftdaten vom Eis, die kann man aus Satellitenmessungen ableiten. So können wir unseren Startpunkt der Drift wählen, damit wir das Risiko sehr klein halten können.
Welche Risiken bestehen konkret?
Es wäre schwer, wieder aus dem Eis herauszukommen. Im Sommer allerdings, mit der Unterstützung von weiteren Eisbrechern, könnten wir uns mit viel Mühe aus dem Eis herausarbeiten. Mit viel Mühe müssten wir dann wieder auf die richtige Seite, nämlich die Ostseite der magischen Linie, kommen. Diesen großen Aufwand möchten wir natürlich vermeiden.
Noch mal zum Betrieb an Bord: Der Motor ist ausgestellt, Sie lassen sich driften, aber an Bord sind die Systeme einsatzbereit.
Sogar die Motoren laufen weiter. Die sind im Leerlauf, aber wir müssen Strom erzeugen, wir müssen Wärme erzeugen. Das werden die Maschinen der Polarstern weiterhin tun. Sie werden während des ganzen Jahres laufen und auch einen erheblichen Treibstoffbedarf haben.
Wie kann man sich das Forschungscamp vorstellen?
Nachdem wir tief ins Eis vorgestoßen sind und die Maschinen abgeschaltet haben, beginnt der Wettlauf mit der hereinbrechenden Polarnacht. Wir möchten nämlich ein ganzes Netzwerk von Forschungscamps auf dem Eis aufbauen. Das können wir mit unseren Helikoptern bis zu ein paar Dutzend Kilometern vom Schiff entfernt machen. Dieses gesamte Netzwerk mit der Polarstern als zentrales Observatorium wird dann über die Polarkalotte driften.
Wird es die letzte Reise der Polarstern sein?
Das ist nicht die letzte Expedition der Polarstern. Sie wird noch weiterhin großartige Expeditionen in Zukunft durchführen.  

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 27. Juni 2018, 19:30 Uhr