Plötzlicher Herztod: Diese Sportler wollen Leben retten

Der Verein "Sportler retten Leben" setzt sich für Aufklärung über den plötzlichen Herztod ein. Zu den Unterstützern gehört auch Ex-Werderspieler Clemens Fritz.

Clemens Fritz wirbt für den Verein "Sportler retten Leben"
Auch Werders Ex-Kapitän Clemens Fritz unterstützt den Verein "Sportler retten Leben". Bild: Sportler retten Leben e.V.

Es war der bislang letzte bewusst erlebte Tag von Abdelhak Nouri: Am 8. Juli 2017 brach der 20-jährige Fußballprofi von Ajax Amsterdam im Testspiel gegen Werder Bremen zusammen. Plötzlicher Herzstillstand, vermutlich ausgelöst durch einen angeborenen Herzfehler. Seidem liegt Abdelhak Nouri im Koma.

"Den Videos auf Youtube nach hätte eine Wiederbelebungsmaßnahme vielleicht schon früher eingeleitet werden können", sagt Andreas Schmitz, Rettungssanitäter und enger Freund von Bundesliga-Profi Nicky Adler. Zusammen haben die beiden den Verein "Sportler retten Leben" gegründet. Es soll "weniger Todesfälle durch plötzlichen Kreislaufstillstand" geben. Auch Clemens Fritz schließt sich dieser Forderung nach der schicksalhaften Begegnung im Sommer 2017 an.

Innerhalb eines Jahres will der Verein 10.000 Sportler live und 100.000 online schulen – ein kostenloser Kurs wird auf der Homepage des Vereins* angeboten. Dort finden sich acht Videos à drei bis fünf Minuten.

"Die Ersthelfer haben Nouri zwar bestmöglich versorgt", so Schmitz, "aber Betreuer sind nicht immer Fachleute für Wiederbelebung. Wirklich gute Chancen hat ein kollabierender Kreislauf nur, wenn die richtigen Maßnahmen zur richtigen Zeit umgesetzt werden."

Schon zehn Sekunden sind entscheidend

Herzdruckmassage und Defibrillator, eingesetzt innerhalb der ersten drei Minuten nach dem Kollaps, könnten 75 Prozent der Leben retten. Schmitz weiß, wovon er spricht, er hat als Rettungsassistent viele Hundert Körper wiederbelebt und nur wenige gesehen, die drei Tage später Zeitung lesend im Bett saßen. "Das waren nur die, die schon vor unserer Ankunft mit einer Druckmassage oder einem Defi versorgt wurden", sagt er. Unterbreche man die Massage für nur zehn Sekunden, komme es bereits zu einer Unterversorgung des Gehirns mit Sauerstoff – das müsse vermieden werden.

Schmitz' Motivation rührt auch vom eigenen Schicksal. Sein Vater starb am plötzlichen Herztod, kippte zu Hause um, bekam zu spät Hilfe. Danach war sein ehemaliger Nachbar aus Duisburg für ihn da – Nicky Adler. "Ich hatte lauter Ärzte um mich herum, aber in der Zeit brauchte ich einfach einen Freund", erklärt Schmitz.

Und Adler schreibt heute auf der Homepage des Vereins: "Durch den Tod von Andreas' Vater wurde ich mit der Thematik des plötzlichen Herztodes konfrontiert, was meine Wahrnehmung dafür sensibilisierte. In der Folge wurde mir erst bewusst, wie häufig Sportler beim Training oder im Wettkampf leblos zusammenbrechen und sterben."

Plötzlicher Herztod – eine der häufigsten Todesursachen

Tatsächlich ist der plötzliche Herztod auch laut einer Studie des Deutschen Zentrums für Herz-Kreislauf-Forschung (DZHK) eine der häufigsten Todesursachen in Deutschland – etwa 65.000 Fälle sind es im Jahr. Natürlich sind nicht nur Sportler betroffen, aber sie sind eine Risikogruppe. "Das Herz ist ein Muskel, der wie jeder andere beim Sport stärker beansprucht wird", erklärt der Bremer Internist Alexander Riedel, der sich seit seiner Doktorarbeit mit Todesfällen im Sport beschäftigt. "Ein zu wenig trainiertes Herz kann einer extremen Belastung mitunter nicht standhalten – vor allem ambitionierte Amateursportler setzen sich so einem höheren Risiko aus." Wobei er hinzufügt, dass 30 Minuten Training vier bis fünf Mal die Woche reichten, um das Herz ausreichend zu trainieren. In erster Linie bliebe Sport schließlich gesundheitsfördernd.

Ursachen für den plötzlichen Herztod:

Herzkrankheiten Koronare Herzkrankheit (akuter oder chronischer Herzinfarkt) Herzklappendefekt durch Verkalkung (Aortenstenose) erweiterter Herzmuskel nach verschleppter Entzündung oder KHK des Herzmuskels (Myokarditis) der Herzklappen oder inneren Haut (Endokarditis) des Herzbeutels (Perikarditis) verdickter Herzmuskel Loch in der Herzscheidewand Herzklappendefekte Gefäßfehler Herzrhythmusstörungen (Brugada-/Long-QT-Syndrom) ERWORBENE HERZFEHLER ANGEBORENE HERZFEHLER ENTZÜNDUNGEN
Quelle: Victoria Lorenzen, Kardiologin am Deutschen Herzzentrum Berlin, Stand: Juni 2018

Das Herz eines Profisportlers sollte trainiert und zudem regelmäßig untersucht worden sein. Wie kommt es also immer wieder zu Todesfällen? "Eine Diagnose ist nicht immer einfach", sagt Ertan Dogu, Facharzt für Kardiologie und Sportmedizin am Herzzentrum Bremen. "Einen verdickten Herzmuskel sehe ich im Ultraschall, angeborene Herzrhythmusstörungen aber oft nicht einmal im EKG, sondern nur durch eine genetische Untersuchung." Die seien natürlich aufwendig, aber durchaus angeraten, wenn es eine Vorgeschichte in der Familie gibt. Dogu plädiert vor allem für die Standarduntersuchungen, die schon vielen seiner Patienten das Leben gerettet haben. "In Italien muss ab einem Alter von zehn Jahren jedes Sportvereinsmitglied eine Untersuchung des Herzens vorlegen, wenn er an einem Wettkampf teilnehmen will – die Italiener konnten ihre Zahl an Todesfällen so drastisch senken", erklärt er.

Viele Fälle bleiben unerkannt

Der Kardiologe empfiehlt: Wer ambitioniert Sport treibt, sollte sein Herz spätestens ab 40 checken lassen – auch wenn nicht jedes Risiko vorhersehbar ist. Eine gute Erstversorgung wird dann umso wichtiger. Der Verein "Sportler retten Leben" will deshalb eine Grundausstattung an Automatischen Externen Defibrillatoren (AED) in Sportvereinen fördern. Die Geräte geben Anweisungen zur Bedienung per Sprache aus, sodass im Notfall jeder ein Leben retten könnte.

*Die Homepage des Vereins "Sportler retten Leben" ist derzeit nicht erreichbar.

  • Alexa von Busse

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 12. Juni 2018, 23:20 Uhr