Kranke Fische, verseuchte Muscheln: See-Munition bleibt gefährlich

1,6 Millionen Tonnen Munition liegen noch in Nord- und Ostsee – und sind immer noch gefährlich. Das haben Forscher jetzt nachgewiesen. Sie bieten auch Hilfe an.

Ein Fisch, der im labor aufgeschnitten wird.

Bomben, die nahezu unsichtbar im Wasser liegen, sind gefährlich: für Menschen, aber viel mehr noch für die Umwelt. Etwa 1,6 Millionen Tonnen Munition aus dem Zweiten Weltkrieg liegen noch in der Nord- und Ostsee. Welche Auswirkungen ihr bloßes Dasein auf die direkte Umwelt hat, war bisher kaum erforscht. "Decision Aid for Dumped Marine Munition" – kurz Daimon – ist ein Projekt, das genau das jetzt getan hat. Beteiligt waren mit dem Thünen-Institut und dem Alfred-Wegener-Institut (AWI) auch zwei Einrichtungen aus Bremerhaven.

"Neben der chemischen Analytik, die wir sehr intensiv betreiben, haben wir auch biologische Untersuchungen an Fischen vorgenommen. Wir haben uns ihren Gesundheitszustand angeguckt und verschiedene biologische Marker untersucht, die etwas über den Gesundheitszustand aussagen", berichtet Thomas Lang vom Thünen-Institut.

Munitions-Stoffe verflüchtigen sich nicht

Thomas Lang
Thomas Lang vom Bremerhavener Thünen-Institut Bild: Marc-Oliver Aust

Die Wissenschaftler sind fündig geworden: Bei den Plattfischen, die die Forscher in einem typischen Munitions-Versenkungsgebiet in der Kieler Bucht untersucht haben, haben sie eine deutlich erhöhte Rate von Lebertumoren gefunden. Anders als lange Zeit angenommen, verflüchtigen sich die chemischen Stoffe der Munition also nicht einfach im Wasser, sondern beeinflussen das jeweilige Ökosystem.

Das Daimon-Projekt ist international: Wissenschaftsinstitute aus sieben europäischen Ländern und Experten weltweit haben gemeinsam Kriterien zur Risikobewertung von Munition erarbeitet. Diese flossen schließlich in einer Software zusammen. "Das Programm hat etwas mit künstlicher Intelligenz zu tun. Es berechnet, wie hoch das Risiko durch die freigesetzten Stoffe oder durch die Munition ist."

Für den Umgang mit den Bomben und Granaten gibt es laut Forschern mehrere Möglichkeiten: Man kann die Munition einfach liegen lassen, man sprengt sie kontrolliert – oder man birgt sie. Nach den Daimon-Untersuchungen sollte auf die Sprengung verzichtet werden: "Wir haben kein Interesse daran, dass man das alles in die Luft bläst und das großflächig verteilt", sagt Forscher Matthias Brenner. Ansonsten hätten die Meerestiere ernste Schäden zu befürchte, darunter Krebsbildung bei Fischen oder TNT-behaftete Miesmuscheln.

Wir haben kein Interesse daran, dass man das alles in die Luft bläst und das großflächig verteilt

Matthias Brenner, Wissenschaftler

Das Bergen kann hochgefährlich sein

"Unsere Forderung wäre, das emissionsfrei zu bergen", erklärt Matthias Brenner. Doch auch das ist nicht immer einfach. "Uns sind bis heute keine Techniken bekannt, mit denen man effizient Munitionsverklappungsgebiete wie die Kolberger Heide in der Kieler Bucht sanieren könnte – dort liegen immerhin 30 Tonnen Munition." Doch die ist oft schon so verrostet, dass eine gefahrlose Räumung gar nicht mehr möglich ist, weil die Gefahr einer spontanen Explosion besteht.

Ein verrostetes Geschoss
Das Bordgeschütz eines "Mosquito"-Jagdflugzeugs. Es wurde aus der Nordsee vor Bremerhaven geborgen. Bild: DPA

Mit dem neu entwickelten System, so die Forscher, könne nun abgeschätzt werden, ob Munition für eine Bergung schon zu rostig ist, welchen Einfluss das Meerwasser auf den Zustand der Munition hat und ob und wie freigesetzte Stoffe das Ökosystem beeinflussen. So kann das Programm Behörden bei der Entscheidung helfen, ob die Munition geborgen, gesprengt oder unberührt gelassen werden soll.

Am Ende sind diese Erkenntnisse auch wichtig für die Sicherheit auf See, beispielsweise bei der Umsetzung von Offshore-Projekten: Große Stahlträger in einen mit Munition gespickten Boden zu rammen, kann im schlimmsten Fall tödlich enden. Aber auch für Verbraucher sind die Ergebnisse relevant: etwa, wenn es um Muscheln aus der Ostsee geht. Mathias Brenner warnt: "Tatsächlich haben diese Muscheln dort Konzentrationen in ihrem Muschelfleisch aufgewiesen, die die Kollegen aus Kiel für den Menschen als bedenklich beim Verzehr einstufen."

  • Patrick Florenkowsky

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 7. Februar 2019, 19:30 Uhr