Interview

Bremer Arbeitswissenschaftler: Klassenzimmer öfter lüften überfällig

Das Lüften der Schulräume ist durch die Pandemie zum großen Thema geworden. Ein Bremer Arbeitswissenschaftler hält die Diskussion um die Raumluft für längst überfällig.

Schüler sitzen in einem Klassenraum. (Symbolbild)
Frischluft alle 20 Minuten muss nicht dazu führen, dass die Klassenzimmer auskühlen, sagt der Experte. Bild: DPA | Christoph Schmidt
Herr Tiesler, welche Bedeutung kommt dem Lüften der Klassenräume allgemein zu?
Ganz allgemein muss man davon ausgehen, dass die Luft in Klassenräumen viel zu schnell durch Kohlendioxid (CO2) übersättigt ist und CO2 ist ein Gas, was Ermüdungsprozesse auslöst. Das heißt also, die Aufmerksamkeitsleistung lässt deutlich nach. Der CO2-Anteil an der Außenluft ist ungefähr 300 bis 400 ppm (parts per million) und Ende des 19. Jahrhunderts schon hat der Chemiker Max von Pettenkofer festgestellt, das ab einer Konzentration von 1.000 ppm die Aufmerksamkeit deutlich nachlässt. Er hat daher einen Grenzwert definiert: 1.500 ppm für Innenräume wie für schulische Zwecke. Wir haben in Klassenzimmern Konzentrationen 2.500 ppm gemessen, es gibt aber auch andere Untersuchungen, dass der Wert 3.000 ppm durchaus erreicht wird.

Das sind Werte, da würde man normalerweise einschlafen.

Grauhaariger Mann mit Bart mit Brille.
Gerhart Tiesler, Arbeitswissenschaftler an der Universität Bremen
Das heißt also: Alles, was unter solchen Bedingungen an Kopfarbeit gemacht wird, können Sie eigentlich vernachlässigen. Lehrer scheuen sich davor, das Fenster aufzumachen, weil sie glauben, sie dürften das nicht. Das ist ein Trugschluss. Wir haben lange mit der Unfallkasse darüber diskutiert und es geht einfach darum, zu verhindern, dass Schüler aus dem Fenster fallen. Das kann natürlich nicht passieren wenn die Lehrkraft im Raum ist. Das ist letztlich Aufsichts-Sache.
Ich lerne daraus: Schon unter normalen Bedingungen gibt es mehr als einen guten Grund, ganz regelmäßig zu lüften – einfach, um gute Schule und guten Unterricht betreiben zu können?
Ja. Wir haben das sogar kontrolliert über Aufmerksamkeits-Messungen, die wir am Beginn und am Ende des Unterrichtstages gemacht haben. Über einen Unterrichtvormittag haben wir deutliche Leistungsverbesserungen durch regelmäßiges Lüften festgestellt. Wir haben eine ganz einfache Regel genannt: Nach der Hälfte der Unterrichtsstunde zwei Minuten quer lüften und richtig durchlüften. Da haben die Lehrer gesagt: "Ich kann mir zwei Minuten Unterrichtszeit nicht leisten, die für Lüftungspausen zur Verfügung gestellt werden. Ich brauche die Zeit für Unterricht."
Wir haben aber festgestellt, dass wir durch diese Belüftungsaktion rund 15 Minuten bessere Arbeitsbedingungen bekommen. Das heißt: Sie gewinnen an guter Unterrichtszeit, an mehr Aufmerksamkeit.
Nun haben wir mit der Corona-Situation noch eine besondere Konstellation. Können Sie dazu auch etwas sagen? Ist der Rückschluss zulässig: Was für die CO2-Konzentration gilt, gilt zwangsläufig auch für Corona-Aerosole. Kann man das so eins zu eins übertragen?
Eindeutig ja. Es gibt eine ganz allgemeine Regel: Der Anteil an Schadstoffen in der Luft ist im Grunde genommen proportional zu dem CO2-Anteil. Das heißt: Je weniger CO2-Anteil, umso weniger Schadstoffe haben sie in der Luft. Das gilt für alle Aerosole, egal was Sie da nehmen.
Damit sagen Sie: Da braucht man gar keine Studie, sondern das ist hinreichend belegt für alles Mögliche, was in der Luft rumschwebt und das Corona-Aerosol ist letztlich auch nur ein Schwebstoff.
Ja, genau.
Es gibt nun in diesem Zusammenhang die Diskussion um den flächendeckenden Einsatz von CO2-Ampeln, die nichts anderes machen, als per Signalfarbe anzuzeigen, wie der Wert ist. Wie stehen Sie dazu?
Wenn die richtig eingestellt sind, dann halte ich das für sinnvoll. Besser ist es aber, einfach generell zur Hälfte der Unterrichtsstunde wieder "Fenster auf". Zwei Minuten reichen völlig aus, um da eine vernünftige Lüftung des Klassenraums zu erzielen. Diese Ampeln sind sicherlich Hilfsmittel, aber sie führen dazu, dass die Aufmerksamkeit der Schüler auf die Ampeln gelenkt wird.
Das Lüften ist ein Ritual, was man sich einprägen kann. Das ist etwas, was im Grunde genommen jeder Lehrer von sich aus machen kann.
Heißt das: Statt jetzt viel Geld dafür auszugeben, alle Klassenräume mit solchen Ampeln auszustatten, könnte auch konsequent alle 20 Minuten gründlich gelüftet und das gesparte Geld andernorts im Bildungsbereich besser ausgegeben werden?
Sicher, das wäre wesentlich einfacher und meines Erachtens auch effektiver, weil die Lüftungs-Pausen auch im Unterrichtsprozess noch mal eine kleine Unterbrechung einbauen. Das ist eine Verschnaufpause für alle Beteiligten.
Eine Unterbrechung, die auch einen pädagogischen Effekt hat, die den Unterricht gliedert und allen ermöglicht, die Dinge einmal sacken zu lassen?
Ja. Man muss sich überlegen, wie lange eine Konzentrationsdauer auch unter guten Bedingungen ist. Wir glauben immer, dass wir uns anderthalb bis zwei Stunden lang auf irgendein Thema konzentrieren können. Das ist ein Trugschluss. Die maximale Konzentrationsdauer für einen Erwachsenen liegt ungefähr bei 45 Minuten. Das ist der Grund, weshalb man Anfang des 20. Jahrhundert die Unterrichtsstunde von 60 auf 45 Minuten verkürzt hat.
Grundschüler haben eine maximale Konzentrationsdauer, die bei ungefähr zehn bis 15 Minuten liegt. Das wird nachher mehr, aber ein Erwachsener kann sich nicht mehr als 45 Minuten mit einem Thema befassen. Das geht nicht. Alles was danach ist, ist für die Katz. Insofern haben solche Unterbrechungen noch eine zusätzliche Funktion.
Titel des Handbuchs der Schulhygiene
Die erste Auflage des "Handbuch der Schulhygiene" von Leo Burgerstein stammt von 1898. Es sieht bereits eine nicht verschließbare Dauerbelüftung von Klassenräumen vor. Bild: Gerhart Tiesler | Gerhart Tiesler
Das ist eine Lebenserfahrung, die jeder von uns hat: Frische Luft macht den Kopf frei. Warum macht man dann nicht einfach das Fenster auf?
Die Leute haben Angst, dass es zu kalt wird. Es gibt Untersuchungen dazu, dass die Masse eines Gebäudes genügend Wärme speichert, dass Sie auch bei minus 15 Grad mal ruhig zwei Minuten das Fenster aufmachen können. Die Luft wird kalt, das ist richtig. Aber alles andere bleibt warm, speichert die Wärme weiter. Das kühlt innerhalb von zwei Minuten nicht aus. Keine Wand, kein Schrank, kein Tisch, kein Stuhl.
Wir haben heute das Problem, dass die Fenster alle 100 Prozent luftdicht sind. Es gibt ein Handbuch der Schulhygiene von 1898. Da gibt es detaillierte Anweisungen, wie ein Klassenraum aufgebaut sein soll. In jedem Klassenraum ist eine Zwangsentlüftung vorgesehen. Also ein Lüftungsschacht, der einfach nicht verschlossen werden kann, um diese Lüftung zu gewährleisten. Das hat man alles vergessen.

Autor

  • Karl-Henry Lahmann

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 2. Oktober 2020, 23:30 Uhr