Interview

Darum fordert ein Bremer Mediziner die sofortige Kita-Öffnung

Alle gesunden Kinder sollen trotz Corona-Krise wieder in die Kita gehen. Ein Kinderarzt erklärt die Forderung der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendmedizin.

Kinder in einer Kita sitzen an einem Tisch (Symbolbild)
Sozialer Austausch und Kontakte außerhalb der eigenen Familie sind elementar für das soziale Lernen von Kindern. Bild: DPA | Sebastian Kahnert

Der Bremer Mediziner Hans-Iko Huppertz ist Generalsekretär der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendmedizin (DAKJ) und einer der Autoren, die in einem Papier Woche mehr Aufmerksamkeit für die Belange der Kinder fordert. Und: eine schnelle Öffnung der Kindergärten, Kitas und Schulen.

Herr Huppertz, was fordern Sie genau?
Wir sind ja aktuell in einer Zeit der Lockerung der Einschränkungen im Rahmen der Covid-19-Erkrankung, ausgelöst durch die SARS-CoV-2-Pandemie. Diese Lockerungs-Bemühungen gibt es ja überall, die sind auch sehr gut und sinnvoll, sie sollten aber auch vor den Kindern nicht Halt machen. Wenn man sich überlegt, warum Gemeinschaftseinrichtungen, Schulen und Kindertagesstätten geschlossen worden sind, ist die Antwort, man hat eben Angst gehabt, dass die ganz wesentlich zur Ausbreitung der Seuche beitragen.
Neue Erkenntnisse haben jetzt gezeigt, dass die Kinder in der Epidemiologie nicht bedeutsam sind und zwar ganz im Gegensatz zur Influenza, also zur asiatischen Grippe. Die hat Modell gestanden dafür, dass man am Anfang gedacht hat, man sollte diese Einrichtungen auf jeden Fall schließen. Man hat das gemacht anhand von Pandemieplänen, die eigentlich für die Influenza gemacht worden sind und bei der Influenza sind die Kinder eben Schrittmacher der Infektion, sozusagen der Verstärker. Aber inzwischen gibt es Daten, die gezeigt haben, dass das beim Corona-Virus nicht der Fall ist. Die Kinder sind eben nicht der Schrittmacher, ganz im Gegenteil: Die Kinder sind epidemiologisch unbedeutend.
Diese veränderte Situation bringt zweierlei mit sich. Erstens: Alle Maßnahmen sollen jetzt wieder gelockert werden, weil wir das in Deutschland relativ gut hinbekommen habe. Die andere Erkenntnis ist, dass die Kinder keinesfalls so bedeutsam für die Ausbreitung der Pandemie sind, wie man das vorher gedacht hat. Im Gegenteil, sie sind möglicherweise unbedeutend.
Das heißt, Kindergärten sollten so geöffnet werden wie vorher?
Unser ganzes Leben besteht ja jetzt darin, dass wir wissen, dass diese Gefahr umgeht und deswegen können wir nicht einfach so in den Dezember 2019 zurück, sondern wir leben jetzt hier im Mai und müssen damit rechnen, dass es so schnell keine Impfung geben wird. Man muss damit rechnen, dass auch der Rest des Jahres unter dieser Pandemie stehen wird. Und wenn man das bedenkt, können wir natürlich auch die Kindergärten nicht einfach so öffnen, sondern wir haben im dem Papier ja auch deutlich gemacht, dass es bestimmte Bedingungen gibt, an die sich alle halten müssen. Und das Wichtigste ist sicherlich auch, dass die Eltern das wissen.
Was für Bedingungen sind das zum Beispiel?
Kranke Kinder dürfen nicht in die Kita gebracht werden, es muss bestimmte Regelungen geben für das Rein- und Rausgehen. Nicht, dass die Eltern vor der Tür ohne Abstandsgebot miteinander reden und da Austausch betreiben. Es ist wichtig, dass Zugangs- und Ausgangswege getrennt sind, dass Abstandsregeln eingehalten und dass Masken getragen werden. Dann kann man das ganz gut regeln. Es ist wichtig, dass die Öffnung unter all den Bedingungen, die auch sonst im öffentlichen Leben da sind, stattfindet.
Warum ist es so wichtig, dass gerade die Betreuungseinrichtungen für Kinder wieder den kompletten Betrieb aufnehmen?
Ich denke, dass soziales Lernen zum Anrecht der Kinder gehört, das Recht auf Bildung, das Recht auf Teilhabe, für eine Generation, die unter außergewöhnlichen sozialen Bedingungen aufwächst. Das ist umso ausgeprägter auch bei jungen Kindern, dass diese eben zusätzlich zu ihrer Familie noch weiteren Austausch haben. Das ist das soziale Lernen, es geht nicht nur um akademische Inhalte, sondern ganz wesentlich auch um Verhaltensweisen, das miteinander umgehen in Gruppen, wie geht man mit Konflikten um und dergleichen. All diese Dinge sind außerordentlich wichtig und das sollten die Kinder auch lernen.
Die Pandemie und der Lockdown haben gezeigt, dass bessergestellte Familien auch besser damit umgehen können und gerade sozial benachteiligte Familien brauchen Gemeinschaftseinrichtungen viel mehr, sodass es wichtig ist, dass diese nun wieder aufmachen. Wenn zuhause möglicherweise eine andere Sprache gesprochen wird und manche Kinder jetzt monatelang kein Deutsch gesprochen haben, dann ist das für die Integration und die Bildungsmöglichkeit dieser Kinder ganz schlecht. Oder wenn eine Familie mit vier Kindern nur einen Computer zur Verfügung hat, war die Möglichkeit des Fernunterrichts gar nicht für alle gegeben.
Wir haben auch mehrfach darauf hingewiesen, dass wir fürchten, dass der Kinderschutz dabei etwas unter die Räder gekommen ist, weil die Kinder von niemandem gesehen wurden, da die Kontaktmöglichkeiten nicht da waren. Ich bin sicher, dass die Sozialarbeiter vom Jugendamt alles unternommen haben, um Kontakt zu den Familien zu haben, aber das ist eben nicht so gut möglich gewesen.

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Autorin

  • Anna Pajak

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 25. Mai 2020, 19:30 Uhr