Fragen & Antworten

Gefahr durch Wassermassen: Wann, wo und wie Starkregen Bremen bedroht

Audio vom 19. Juli 2021
Schlagartig wurde es dunkel und der Starkregen wütete.
Starkregen-Ereignisse betreffen auch immer wieder Bremen (Archivbild). Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Die letzte Woche hat gezeigt, welch dramatische Folgen Stark- und Dauerregen haben können. Was Bremen drohen könnte und welche vorbeugende Maßnahmen Sie treffen können.

Zerstörte Häuser, Autos und Straßen durch Überschwemmungen und Erdrutsche: Tief „Bernd“ hat durch sintflutartigen Dauerregen landauf, landab eine Katastrophe angerichtet. Mehr als 150 Menschen sind ums Leben gekommen.

Dauerhafter Starkregen ist auch in Bremen und umzu ein wachsendes Problem. Uns kommt die flache Topografie zugute: Erdrutsche und Sturzbäche entwickeln keine vergleichbare Dynamik im Flachland. Und die Weser? Die würde sich vom Starkregen zwar nicht beeindruckt zeigen, sagt Jens Tittman von der Umweltbehörde. Aber andere kleinere Gewässer schon, wie zum Beispiel der Lesum-Nebenfluss Ihle und die Blumenthaler Aue in Bremen Nord. Wobei Sturzfluten laut Tittmann hier im Norden bei weitem nicht das Ausmaß annehmen würden wie in Süd- oder Westdeutschland.

Wie genau ist Starkregen überhaupt definiert und vorhersagbar?
Das Phänomen ist nicht neu, sagt Monika Rauthe vom Deutschen Wetterdienst (DWD). Insbesondere in den Monaten Juli und August. Beim DWD gibt es verschiedene Warnstufen: So wird vor extremen Starkregen bei einem Niederschlag ab einer Menge von 40 Litern pro Quadratmetern pro Stunde gewarnt. Wie gefährlich diese Wassermassen tatsächlich werden, hängt jedoch von vielen weiteren Faktoren ab wie der Trockenhet des Bodens oder der geografischen Lage. Punktgenaue Vorhersagen, wo Starkregen niedergeht, sind laut Rauthe nicht möglich.
Vielfach wird davon ausgegangen, das Extremwetterlagen künftig eher zunehmen. Ein Forschungsprojekt vom Hamburger Klima-Institut "Gerics" des Helmholtz-Zentrums Hereon befasst sich mit konkreten Szenarien des Klimawandels und berechnet für kreisfreie Städte und Landkreise detaillierte Szenarien. Für Bremen sagt dieser Ausblick auf die nächsten 50 Jahre fünf Prozent mehr Niederschlag voraus.
Woher weiß ich, ob ich in einem Gebiet wohne, das besonders von Starkregen gefährdet ist?
Die Umweltbehörde hat vor über zwei Jahren eine Starkregenkarte erstellt. Diese zeigt in drei Kategorien an, wie stark die Gegend, in der man wohnt und damit das eigene Haus, das Grundstück oder die eigene Wohnung vom Starkregen gefährdet sind.
"Wir schauen mit einem beruhigenden Gefühl auf die Starkregenkarte", so Tittmann. Seit zwei Jahren besteht dieses Angebot, sich so informieren und entsprechend "vor Extremwetterlagen wie Starkregen schützen und Vorsorge betreiben zu können."
Laut Statistik sind im Land Bremen insbesondere der Süden Bremerhavens und Bremen-Nord häufig von starken Regengüssen betroffen.
Wie sieht denn das Angebot der Umweltbehörde aus, um das Hab und Gut von Bremerinnen und Bremer vor Starkregen zu schützen?
Die Senatorin für Umwelt bietet allen Bremerinnen und Bremern an, sich gemeinsam mit Expertinnen und Experten der hanseWasser Bremen die eigene Wohnsituation vor Ort anzuschauen, um Maßnahmen zu ergreifen, zum Beispiel das Haus oder den Keller nachzurüsten. Und wer erst ein Haus bauen will, kann bauliche Vorsorgemaßnahmen treffen. Die Stadt Bremen nutzt die Vorsorge-Karte bei neuen Planungen im öffentlichen Bereich als Grundlage für klimaangepasstes Bauen. Das Angebot ist kostenlos.
Versiegelung ist unter anderen ein Riesenproblem, das bei Starkregen dazu führt, dass das Wasser nicht abfließen kann und sich staut. Was hat sich da getan in Bremen?
Im Land Bremen gibt es seit 2019 ein Gesetz, um die Versickerung von Wasser zu fördern. Demnach werden neue Gebäude ab 100 Quadratmetern zur Begrünung verpflichtet. Vor allem müssen flache Dächer, Tiefgaragen und Zufahrten "grün" bestückt werden. Wer sich für eine Dachbegrünung oder Entsieglung entscheidet, wird von der Senatorin für Klimaschutz, Umwelt, Stadtentwicklung und Wohnungsbau finanziell unterstützt.

Gründächer und begrünte Freiflächen sind eine wirksame Antwort auf Extremwetter. Gründächer halten Niederschläge zurück und entlasten so die Kanalisation.

Maike Schaefer im Interview
Maike Schaefer (Grüne), 2019 zur Gesetzgebung für mehr Begrünung
Auto steckt im Wasser fest.
Überschwemmte Unterführungen wie hier in der Kirchbachstraße kommen in Bremen durchaus öfter vor. Bild: Radio Bremen | Lea Reinhard
Was droht Bremen im Falle eines Stark- und Dauerregens?
"Wir können in unserem Kanalnetz und Regenrückhaltebecken 270 Millionen Liter Wasser zwischenspeichern", so Oliver Ladeur, Pressesprecher von Hansewasser. Bei Extremregen – wenn also mehr als 24 Liter Wasser pro Quadratmeter in der Stunde runterkommen – sei aber auch das Bremer Kanalsystem irgendwann überfordert. Dann könne Wasser aus der Kanalisation austreten. Nur wer ein Rückstauschutz an seinem Haus habe, müsse auch dann keinen nassen Keller fürchten. Der Gesetzgeber verlange von Hauseigentümern inzwischen einen solchen Schutz, der verhindere, dass Rückstauwasser ins Haus eindringen kann.
Auch kritische Infrastrukturen wie Unterführungen und öffentliche Versorgungsanlagen könnten betroffen sein und laut Ressortsprecher Tittmann schlimmstenfalls ausfallen – wie Stromversorgung oder auch Telekommunikation.
Nun können starke Regenschauer hier im Norden keine Sturzfluten wie in Nordrhein-Westfalen oder Rheinland-Pfalz auslösen. Welche schlimmeren Phänomene könnten uns hier treffen?
Laut der Umweltbehörde sind rund 86 Prozent der Landesfläche in Bremen von Hochwasser bedroht. Zum Beispiel, wenn schwere Sturmfluten von der Nordsee mit einem langanhaltenden Hochwasser der Mittelweser zusammentreffen. Langanhaltendes Hochwasser in der Mittelweser könnten durch Schneeschmelze oder Dauerregen im Einzugsgebiet der Mittelweser entstehen. Vor dem Hintergrund des Klimawandels und dem daraus resultierenden Anstieg des Meeresspiegels werden hier schon Deichbau- und Deicherhöhungsmaßnahmen getroffen. Zum Beispiel sollen Küstenschutzanlagen um einen Meter über Vorsorgemaß hinaus erhöht werden.

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Audio vom 16. Juli 2021
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Bild: Radio Bremen
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Autorin

  • Necla Süre Volontärin

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Morgen, 19. Juli 2021, 7:10 Uhr