Ruhezone "Leberwurst": Rätsel um Ostfrieslands kuriose Flurnamen

Mehr als 73.800 Flurnamen gibt es in Ostfriesland. Mal sind sie lustig, mal erzählen sie tragische Geschichten. Jetzt wird die Bedeutung der Ortsmarken erforscht.

Audio vom 7. Dezember 2020
Langer schmaler Entwässerungsgraben in grünen Salzwiesen in Ostfriesland, darüber Beispiele für Flurnamen in Ostfriesland..
Bild: DPA / Michael Narten | Montage Radio Bremen

Ein Feld, eine Senke, eine Anhöhe: Viele Flurstücke in Ostfriesland haben Namen, die Jahrhunderte alt sind und bis heute in den Karten der Vermessungsbehörden stehen. Die Ostfriesische Landschaft, ein Kommunalverband mit Sitz in Aurich, hat eine Sammlung der ostfriesischen Flurnamen angelegt. Ihre Herkunft und Bedeutung zu erforschen wird jetzt als großes Gemeinschaftsprojekt aus Wissenschaft und Bevölkerung aufgesetzt.

Warum das Frauenmeer Frauenmeer heißt

Wer Plattdeutsch kann, ist oftmals klar im Vorteil, zumindest einige der Namen grob deuten zu können wie bei "Fünf Matt am Wege", "Achter de Peekfenne" oder "De beschlöteten Elf Dimt". Es gibt unhandliche Namen wie "De hogen langen Murkeln in der Hintermeede". Oder auch kurze, knappe wie "Rosenhof" oder "Dreckstück".

Der Name "Zuckerpolder" südlich von Norden geht beispielsweise auf eine Zuckerraffinerie zurück. Wohingegen das bei Westermarsch gelegene "Lecker Land" schlicht auf fruchtbaren Ackerboden hinweist. Wie auch "Fettpott" in der Lintelermarsch.

Viele Äcker, Wiesen und Weiden, Anhöhen und und Täler, Waldstücke, Gewässer, Trampelpfade und Brücken wurden nach ihrer Lage oder Form benannt. Andere nach ihrer Nutzung oder nach ihren Besitzern. Manche Namen verweisen auf die Vegetation, die dort einst lebenden Tiere und oder auf Ereignisse oder Sagen.

Alte Namen, neue Erkenntnisse

Navina Delor ist der wissenschaftliche Kopf dieser beeindruckenden Flurnamen-Sammlung. Und sie zieht aus den Daten wertvolle Informationen für eine ganze Reihe von Forschungs-Disziplinen.

Man kann sehr viel daraus lesen. Wie der Ort früher aufgestellt war oder wer da gewohnt hat.

Navina Delor, Projektleiterin

Das kann als Quelle für die Regionalforschung zweckmäßig sein, aber auch für übergeordnete Bereiche: Die Informationen sind genauso für Biologen, Geografen, Historiker und Archäologen spannend. Welche Tiere lebten hier einst? Welches Klima herrschte hier?

Ein Acker namens "Leberwurst"

Die Sammlung steht im Internet, jeder Laie kann dort interaktiv Heimatforschung betreiben. Manch ein Eintrag wirft Fragen auf. Zum Beispiel: Warum heißen ein rechteckiges Stück Acker bei Middels-Westerloog und ein Stück Grünland bei Sandhorst ausgerechnet jeweils "Leberwurst"? Darauf gibt es bisher keine Antwort, sagt die Wissenschaftlerin. Denn nur ein Fünftel der über 73.800 Namen sind bis jetzt verlässlich gedeutet. "Leberwurst" war noch nicht dabei.

Den Ursprung der Namen zu finden, ist in manchen Fällen recht verzwickt, sagt Navina Delor. Denn nach Jahrhunderten mündlicher oder mundartlicher Überlieferung wurden viele Namen vor knapp 200 Jahren erstmals in ein amtliches Kataster übernommen.

Viele wurden dabei ins Hochdeutsche verändert, manchmal bis zur Unkenntlichkeit. Die rund zwei Dutzend ehrenamtlichen Namensdeuter, die ihre Erkenntnisse nach und nach in die Sammlung einpflegen, müssen deshalb sehr viel über den Ort, seine Geschichte, die Landwirtschaft, die Familien und die lokale Mundart wissen.

Die Geschichten hinter den Namen

Menschen bei Ebbe am Strand auf Borkum.
Auch Flurstücke auf den Nordseeinseln wie auf Borkum sind erfasst und werden nach und nach recherchiert. Bild: DPA | Jochen Tack

Manchmal offenbart sich dabei eine Geschichte, wie bei dem Flurnamen "Aaltje Kolk" auf der Insel Borkum. Ein Kolk ist ein kleines Gewässer, das bei einem Deichbruch entstanden und dann erhalten geblieben ist. Und wer war Aaltje? Die Datei gibt Auskunft darüber, was um 1840 passiert ist.

Das Recherche-Ergebnis liest sich so: "Aaltje Oltmanns Bott diente einem allein stehenden Pastor 18 Jahre lang als Haushälterin. Dann heiratete er mit 48 Jahren – aber nicht Aaltje, sondern eine 20-jährige Frau aus seinem Heimatdorf. Und die Haushälterin? Im Kirchenbuch steht: Aaltje Oltmanns Bott ertränkte sich selbst in dem nördlichsten Kolke, im Alter von 51 Jahren."

Oft scheint auch die Herkunft eines Flurnamens ganz simpel, entpuppt sich durch Nachforschung aber als falsch. Das Flurstück "Schietfreter" bei Dornum klingt verdächtig nach einem Schimpfwort für die dortigen Bewohner. Gemeint sind mit dem alten ostfriesischen Wort aber Fische einer Karpfen-Art. Denn früher war hier eine Wasserfläche.

Immer mehr Details der Regionalgeschichte kommen derzeit zum Vorschein. Und irgendwann wird hoffentlich auch die Bezeichnung des kleinen Fleckchens Erde geklärt, das bei Sandhorst liegt, unweit der Flurstücke "Süd-Tjüchkamp", "Große Schlinge", "Hoppackersstück" und "Alschloot", und das im Kataster den rätselhaften Flurnamen "Leberwurst" trägt.

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Morgen, 7. Dezember 2020, 10:40 Uhr