FAQ: Die wichtigsten Fragen und Antworten zu Corona

Die Forschung zum Coronavirus ist in Bewegung: Was letzte Woche galt, kann heute anders sein. Das beschäftigt viele Bremer und Bremerhavener. Dieses FAQ beantwortet wichtige Fragen.

Der Schriftzug "Covid-19" auf einer Schutzmaske.
Vieles im Zusammenhang mit dem neuartigen Coronavirus ist noch unklar - auch deshalb erreichen täglich viele Fragen. Bild: DPA | Christian Ohde

Ist Corona wirklich so gefährlich? Es gibt doch kaum Tote?
Das hängt mit der Altersstruktur der Infizierten zusammen, erläutert der Sprecher der Bremer Gesundheitsbehörde, Lukas Fuhrmann: "Die aktuellen Fallzahlen spielen sich vor allem im jungen Bereich ab." Das sei einerseits schwierig, einfach weil es viele Fälle sind. Anderseits aber "gut", weil junge Menschen in der Regel viel besser mit dem Virus klarkommen, seltener schwere Verläufe nehmen und noch seltener an Corona sterben. Doch in Sicherheit wiegen sollte sich niemand: Die gleiche Situation hätten etwa Italien und Frankreich Mitte September gehabt – und dort seien die Infektionen inzwischen von den Jungen an die Älteren und Alten weitergegeben worden. Fuhrmann: "Exakt das muss verhindert werden."

Sind die Corona-Schutzmaßnahmen angesichts vergleichsweise niedriger Zahlen übertrieben?
Die Diskussion um die Corona-Schutzmaßnahmen hat in den vergangenen Wochen zugenommen. Ein Kritikpunkt, der immer wieder genannt wird: Angesichts der bislang niedrigen Fallzahlen in Deutschland seien die Maßnahmen übertrieben. Für Martin Eikenberg, Facharzt für Hygiene und Umweltmedizin am Klinikum Bremen-Mitte, geht diese Argumentation in die falsche Richtung: "Die Zahlen sind deshalb nicht so hoch, weil die Hygienemaßnahmen wirken." Nach wie vor gelte es, weitere Infektionen zu verhindern, auch wenn die Zahlen nicht hoch seien, sagt der Mediziner. "Es gibt viele Infizierte, die keine Symptome haben. Das sind häufig junge Menschen und wir müssen verhindern, dass sie dann Personen aus der Risikogruppe anstecken." Gerade dafür seien die Hygienemaßnahmen sinnvoll. Auch für den Bremer Virologen Andreas Dotzauer steht fest: "Die niedrigen Zahlen in Deutschland sind auf die Schutzmaßnahmen zurückzuführen."

Sterben mehr Menschen an der Grippe als an Corona?
Das ist ein inzwischen hinlänglich seriös widerlegter Mythos. Er mag auch mit der breiten Streuung der verfügbaren Daten zusammenhängen. So schreibt auch das Robert Koch Institut (RKI) zur Frage, wie viele Menschen jährlich an einer Grippe erkranken: "Während einer saisonalen Grippewelle erkranken in Deutschland zwischen zwei und 14 Millionen Menschen an Influenza, bisweilen auch mehr." Zur Zahl der Grippe-Toten: "Die Zahl der Todesfälle kann bei den einzelnen Grippewellen stark schwanken, von mehreren Hundert bis über 20.000." In der Grippe-Saison 2019/20 waren es laut RKI 434 Grippe-Tote. An oder mit Corona sind in Deutschland bisher rund 9.700 Menschen gestorben. Der aus dem NDR-Podcast bekannte Virologe Christian Drosten erläuterte kürzlich ausführlich eine Studie aus den USA. Die kommt zu dem Ergebnis, dass Corona eine 16-fach höhere Sterberate aufweist, als die Grippe. Zudem krankt jeder Vergleich zwischen beiden Erkrankungen bereits daran, dass es gegen Grippe eine Impfung gibt, gegen Corona noch nicht.

Darf sich in Bremen jeder gegen Grippe impfen lassen?
Grundsätzlich ja. Was aber nicht heißt, dass es auch jedem gelingt. Lukas Fuhrmann, Sprecher der Bremer Gesundheitsbehörde, erläutert, dass der behandelnde Arzt nicht verpflichtet sei, die Impfung auf Wunsch vorzunehmen, wenn er keinen Grund dafür sieht; der Patient hat keinen Anspruch darauf. Insbesondere, wenn die Impfstoffe knapp werden sollten, kann der Arzt sich auf die Impfempfehlungen der "Ständigen Impf-Kommission" (Stiko) berufen und die Spritze verweigern. Die Stiko benennt besondere Risikogruppen, die sich bevorzugt impfen lassen sollten. Dazu zählen Personen ab 60 Jahre, chronisch Kranke jeden Alters, Schwangere sowie Bewohner von Alten- und Pflegeheimen. Außerdem empfiehlt die Stiko die Impfung dringend all jenen, die aufgrund besonderer Umstände ein erhöhtes Risiko haben, sich anzustecken oder Personen, die mit Angehörigen der Risikogruppen in einem Haushalt leben.


Was sagt der Inzidenz-Wert aus?
Der Inzidenz-Wert ist ein Grenzwert. Dieser Wert ist eine Corona-Obergrenze und soll anzeigen, wie es um das Infektionsgeschehen steht. Ausschlaggebend ist dabei, wie viele Neuinfektionen es mit dem Coronavirus in den vergangenen sieben Tagen pro 100.000 Einwohner gegeben hat. Die Grenzwerte wurden Anfang Mai eingeführt, als die Corona-Beschränkungen langsam wieder zurückgefahren wurden. Jetzt haben sich Bund und Länder in Bezug auf private Feiern auf eine Verschärfung geeinigt: Ab einem Inzidenz-Wert von 35 sollen private Feiern auf maximal 50 Personen begrenzt werden. Außerdem wird empfohlen, dass sich nur 25 Personen zugleich in einer Wohnung aufhalten sollen. Steigt der Inzidenz-Wert auf 50, sollen nur noch 25 Personen zu privaten Feiern kommen dürfen und sich maximal zehn Personen in derselben Wohnung aufhalten. Die Beschlüsse wurden inzwischen vom Bremer Senat in Landesrecht umgesetzt.

Warum steigt die Zahl der Neuinfektionen, obwohl der R-Wert unter 1 liegt?
Die Reproduktionszahl – kurz R-Wert – besagt, wie viele Menschen ein Infizierter im Schnitt ansteckt. Laut Robert-Koch-Institut (RKI) liegt der 7-Tage-R-Wert in Deutschland aktuell (Stand: 4. November 2020) bei 0,92 und hat damit in den vergangenen Tagen abgenommen. Wichtig ist dabei zu wissen, dass der 7-Tage-R-Wert des RKI das Infektionsgeschehen vor etwa einer bis etwas mehr als zwei Wochen abbildet. Auch zu diesem Zeitpunkt war die Zahl der Neuinfektionen in Deutschland allerdings bereits hoch. Ist der niedrige R-Wert daher ein Widerspruch? "Nein", sagt Hermann Pohlabeln, Leiter der Fachgruppe "Statistische Modellierung von Primärdaten" am Leibniz-Institut BIPS (Bremer Institut für Präventionsforschung). Für die Berechnung des R-Werts verwendet das RKI das Erkrankungsdatum, sofern es denn angegeben ist. Fehlende Werte schätzen die Wissenschaftler. "Beim momentanen Infektionsgeschehen ist oft nicht mehr nachzuvollziehen, wann genau sich jemand angesteckt hat und erkrankt ist", sagt Statistiker Pohlabeln. Je unsicherer das Datum sei, desto mehr müsse also geschätzt werden. Seiner Meinung nach dürfe dem R-Wert deshalb aktuell nicht zu viel Bedeutung beigemessen werden. Ähnlich sieht es der Bremer Virologe Andreas Dotzauer: "Der R-Wert ist ein rein statistischer Wert." Die Zahl der täglichen Neuninfektionen hält er daher momentan für aussagekräftiger, was das aktuelle Infektionsgeschehen betrifft. Auch das RKI selbst betrachtet in seinem täglichen Lagebericht nicht nur den R-Wert, sondern unter anderem auch die tägliche Zahl der Neuninfektionen in Deutschland.

Welche Zahlen nutzt Radio Bremen für die Berichterstattung?
Die Angaben auf butenunbinnen.de, in Fernsehen und Hörfunk basieren auf den übermittelten Zahlen der Gesundheitsbehörden der Länder und des Robert-Koch-Instituts (RKI). Die aktuellen Corona-Zahlen werden der Redaktion in aller Regel wochentags von der Gesundheitsbehörde übermittelt, in Zeiten hoher Fallzahlen auch am Wochenende.

Wo besteht das größte Risiko, sich mit Corona anzustecken?
Im September hat das Robert-Koch-Institut (RKI) eine Studie veröffentlicht, die Aufschluss darüber gibt, wo es am häufigsten zu Neuinfektionen mit dem Coronavirus kommt. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben dazu die Daten der Gesundheitsämter in Deutschland zu Covid-19-Fällen und -Ausbrüchen bis zum 11. August analysiert. Laut RKI liegt ein Corona-Ausbruch immer dann vor, wenn eine infizierte Person eine weitere ansteckt. Das Ergebnis: Die meisten Menschen stecken sich im privaten Haushalt an. Laut RKI führen die Übertragungen im familiären und häuslichen Umfeld zwar nicht unbedingt zu vielen Folgefällen und weisen auch nur wenige Fälle pro Ausbruch auf, kommen aber offensichtlich sehr häufig vor. "Desto mehr Zeit und desto näher man mit einem an Corona erkrankten Menschen in geschlossenen Räumen zusammen ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, sich anzustecken", sagt die Bremer Infektiologin Christiane Piepel. Platz zwei belegen laut der Studie Alten- und Pflegeheime, darauf folgt der Arbeitsplatz. Allerdings betonen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, dass Ausbrüche im Umfeld des Arbeitsplatzes häufig mit erschwerten Arbeitsbedingungen und zum Teil auch mit beengten Wohnverhältnissen verbunden gewesen seien. Als Beispiel lassen sich hier die Corona-Ausbrüche in Schlachthöfen nennen.

Bedeutet ein positiver Corona-Test, man ist infiziert?
Immer wieder wird diese Frage heftig diskutiert. Zuletzt zitierte das Haller Kreisblatt einen Mikrobiologen: "Positiv getestet mit der PCR-Methodik heißt nicht zwangsläufig infiziert, nicht zwangsläufig infektiös und schon gar nicht erkrankt." Das bezeichnet der Bremer Virologe Andreas Dotzauer als "hanebüchen". "Infiziert" beschreibe schlicht den Zustand, dass man ein Virus in sich trägt. In dem Moment, in dem der Test Corona-Erbgut nachweist, liege "definitiv" eine Infektion vor. Das bestätigt auch der Sprecher des Bremer Gesundheitsressort, Lukas Fuhrmann: "Ein positiv Getesteter ist auch infiziert." Darüber hinaus ist Virologe Dotzauer überzeugt, dass "fast jeder Infizierte irgendwann infektiös ist", das Virus also an andere übertragen kann. Allenfalls in extrem seltenen, nicht weiter erwähnenswerten Einzelfällen trete dieses Stadium nicht ein. Richtig aber sei, dass nicht jeder Infizierte auch erkrankt. Es sei geradezu anders herum: Die Mehrheit aller Infizierten bleibt laut Dotzauer symptomfrei.

Wie zuverlässig ist der PCR-Test?
Jüngst wird wieder besonders häufig in Internet-Foren die These verbreitet, der PCR-Test funktioniere nicht ordentlich. Christian Drosten, Chef der Virologie der Charité Berlin, tritt dem mit Vehemenz entgegen. Der gebräuchliche PCR-Test – die Abkürzung steht für Polymerasekettenreaktion und beschreibt die Technik des Tests – bietet demnach "eine sehr wasserdichte Diagnostik". Sie reagiere auch ausschließlich auf definierte Erbgut-Sequenzen des Sars-CoV-2-Virus. Auch seitens des RKI und medizinischer Fachgesellschaften wird kein Zweifel an der Aussagekraft des Tests geäußert. Ähnlich positiv bewertet auch Martin Eikenberg, Facharzt für Hygiene und Umweltmedizin am Klinikum Bremen-Mitte, das Testverfahren: "Beim PCR-Test handelt es sich um eine sehr sensible und spezifische Diagnostik, die im Augenblick sehr gut funktioniert und die wir als 'Gold-Standard' der Diagnostik bezeichnen würden."

Liefert der PCR-Test oft "falsch-positive" Ergebnisse?
Das "oft" in der Frage lässt sich nach nahezu einhelliger Auffassung nicht bestätigen. Von führenden Laboren wird eine Quote von 99,99 Prozent korrekter Ergebnisse genannt. Ein Versuch einer Fachgesellschaft hat 0,35 Prozent falsch-positiver Tests zutage gefördert. Kritiker verweisen darauf, dass das zwar ein prozentual geringer Wert ist, der aber bei der inzwischen sehr hohen Testrate von rund einer Million pro Woche eben doch eine Bedeutung erhält. Was mathematisch richtig sein mag, in der Realität aber schon sehr viel weniger Relevanz hat. Denn bei positivem Testergebnis wird die Probe in den meisten Laboren noch auf weitere Genstellen untersucht und so ein Fehlalarm de facto ausgeschlossen.

Unterscheidet der PCR-Test zwischen Corona und Grippe?
Verwechslungen mit anderen Corona- oder noch entfernteren Viren sind nach der festen Auffassung von Experten ausgeschlossen: "Die PCR ist zweifelsfrei", sagte Christian Drosten von der Berliner Charité kürzlich im NDR-Corona-Update. Auf Twitter schrieb er zudem: "Diejenigen, die öffentlich behaupten, unsere Sars-CoV-2 PCR sei nicht gegen menschliche Coronaviren und Erkältungsviren validiert, sollten sich einfach mal die Mühe machen, die Publikation zu lesen." Eine Reaktion auf andere als das gesuchte Virus seien vollkommen ausgeschlossen, weil der Test komplette Erbgutsätze des Virus nachweist. Zu diesem Schluss kommt auch Christiane Piepel, Infektiologin am Klinikum Bremen-Mitte: "Es gibt zwar für Grippe auch PCRs, aber das sind dann ganz andere Erbinformationen, also bildlich gesprochen, völlig andere Fingerabdrücke, die die Grippe hinterlässt." Dass man mit der PCR ein Grippevirus fälschlicherweise als Coronavirus detektiert, halte sie für ziemlich ausgeschlossen, so Piepel.

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Bringen Schnelltests bessere Ergebnisse?
Bessere vermutlich nicht, sondern andere. Denn die Antigen-Schnelltests funktionieren grundsätzlich anders als der aufwendige und vergleichsweise langsame PCR-Test. Sie suchen nach für das Corona-Virus typischen Molekülfolgen in der Testsubstanz und ähneln Schwangerschaftstests. Sie schlagen allerdings nur bei hoher Virenlast zuverlässig an. Das heißt: Sie können vor allem in der Zeit, in der ein Infizierter besonders ansteckend ist, durchaus brauchbare Erkenntnisse liefern. Das Ergebnis liegt nach etwa einer Viertelstunde vor.

Gibt es sinnvolle Einsatzgebiete für Antigentests?
Aus Sicht der Weltgesundheitsorganisation sind sie eine geeignete Ergänzung zum PCR-Test etwa zur Nachverfolgung von Infektionswegen. Auch könnte ihr Einsatz bei ausreichender Zuverlässigkeit da sinnvoll sein, wo es wichtig ist, schnell zu wissen, ob jemand infektiös ist – etwa am Eingang zu Altenpflegeheimen, um erweiterte Besuchsregeln zu ermöglichen. Ein weiterer Vorteil: "Das Testverfahren ist so einfach, dass man es nicht nur durch Fachpersonal durchführen lassen muss", sagt Mediziner Eikenberg vom Klinikum Bremen-Mitte. Vielleicht sei es deshalb bald auch möglich, solche Arten von Tests selbst zuhause durchzuführen, ähnlich wie einen Schwangerschaftstest, so Eikenberg. Einen Ersatz für den PCR-Test zum Nachweis einer Infektion stellen die Antigentests nach Ansicht von Experten hingegen keineswegs dar.

Was taugen Antikörper-Tests und für wen sind sie sinnvoll?

Es gibt zwei Arten von Corona-Antikörpertests: IgM-Antikörpertests, die zeigen, dass eine Infektion gerade stattfindet, und IgG-Antikörpertests, die eine bereits überstandene Infektion anzeigen. IgM-Tests werden allerdings selten benutzt, weil die Antikörper, die sie nachweisen, auch von anderen Krankheiten verursacht werden können. Sprich: Selbst wenn der Test positiv ist, sind weitere Untersuchungen notwendig, um sicherzustellen, dass man tatsächlich Covid-19 hat. IgG-Tests können hingegen erst ein paar Wochen nach der Infektion beweisen, dass man infiziert war. Laut Dotzauer sind sie absolut sinnvoll, um zu verstehen, wie verbreitet das Virus in der Bevölkerung war. Das ist für die Einschätzung der sogenannten Durchseuchung wichtig. Es wird angenommen, dass zwischen 10 und 70 Prozent aller Erkrankten solche Antikörper entwickeln. Ob man dadurch langfristig vor dem Virus geschützt ist, ist noch nicht hinreichend geklärt.

Gibt es nur deshalb mehr Fälle, weil mehr getestet wird?
Der Verdacht liegt irgendwie nahe. Und dass er vor allem von jenen bemüht wird, die große Zweifel an der gesamten Corona-Problematik hegen, macht ihn nicht automatisch schlechter. Harte Hinweise hingegen gibt es kaum. So lässt sich in einer grafischen Aufstellung der Entwicklung der positiven Testergebnisse und der Testanzahl keinerlei Zusammenhang erkennen. Mal nimmt die Zahl der Positiv-Befunde deutlich stärker als die Testaktivität zu – mal ist es genau anders herum. Oder andersrum: Die Quote der positiven Tests relativ zur Zahl der Tests schwankt stark und hat tendenziell seit dem Frühjahr abgenommen. Derzeit liegt sie zumeist zwischen 1,1 und 1,2 Prozent. Da lässt die sich die Zahl der Fälle kaum nennenswert durch eine höhere Testaktivität treiben. "Das Entscheidene ist, dass wir jetzt eine erhebliche Zunahme an Infektionen haben, nicht nur an Tests", sagt Mediziner Eikenberg. Infektiologin Piepel kann das aus ihrem Klinikalltag bestätigen: "Wir testen bei uns im Klinikum Bremen-Mitte momentan nicht mehr als sonst, sondern verwenden weiterhin die gleichen Kriterien – und haben trotzdem mehr Fälle."

Sind Mund-Nasen-Masken sinnvoll?
"Masken helfen doch gar nicht"– diese Sichtweise wird teils hartnäckig in sozialen Netzwerken diskutiert. Am Anfang der Pandemie gab es auch von Fachmedizinern und etwa dem Robert-Koch-Institut tatsächlich vielfach zitierte Zweifel an der Wirksamkeit insbesondere vergleichsweise schlichter, selbst genähter Masken. Allerdings ist diese Einschätzung bereits seit Monaten widerlegt. Beispielsweise durch eine Studie der Uni Mainz von Anfang Juni: Die stützt sich auf die Erfahrungen in Jena, wo die Maske Anfang April etwa drei Wochen früher als im Rest des Landes zur Pflicht wurde. Danach wurde in Jena drei Wochen nach Einführung der Maskenpflicht eine auf rund ein Viertel reduzierte Infektionsentwicklung gegenüber Vergleichsstädten belegt.

Wen schützt die Maske?
Klar erschien lange auch: Die Maske schützt mehr die Umwelt vor meinen eigenen Tröpfchen und Aerolosen als vor dem Einatmen infektiöser Aerosole. Sie sei ein Schutz für andere und nicht für sich selbst. Auch diese Sichtweise ändert sich allmählich. So haben Forscher einer kanadischen Uni durch die Auswertung etlicher Untersuchungen zur Maske mittlerweile "einen überraschend großen Effekt festgestellt. Nach unserer Analyse senken Masken das relative Risiko, sich zu infizieren, um etwa 80 Prozent," sagt Forschungsleiter Holger Schünemann in einem Interview mit der Berliner Zeitung von Anfang August. Laut Mediziner Eikenberg kommt es dabei aber auf die Art der Maske an: Wenn man die mehrlagigen, chirurgischen Gesichtsmasken trägt, schützt man damit nicht nur das Umfeld, sondern auch sich selbst."

Können Masken der Gesundheit schaden?
Laut Expertinnen und Experten stellt der Mund-Nase-Schutz kein Gesundheitsrisiko dar. "Was passieren kann, ist, dass die Atemtätigkeit durch die Maske ein wenig reduziert wird. Man kann dann nicht mehr frei durchatmen", sagt Mediziner Eikenberg. Bei den meisten Menschen sei das aber überhaupt kein Problem. "Die Maske ist zwar eine Einschränkung, aber keine, die so groß ist, dass man sie nicht hinnehmen könnte", sagt der Facharzt für Hygiene. Dass sich unter dem Mund-Nase-Schutz Kohlendioxid anreichere, wie oft behauptet, sei nicht der Fall, so Eikenberg. Auch der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie, also der Fachgesellschaft für Lungenkrankheiten, hält es für unwahrscheinlich, dass ein Mensch lebensbedrohliche Symptome durch das Tragen einer Maske entwickelt. Auch eine mögliche Gefahr durch Keime auf der Maske sehen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nicht. Allerdings ist laut Eikenberg nicht auszuschließen, dass bestimmte Masken allergische Reaktionen auf der Haut verursachen können: "Dann kann der Träger sich aber einfach einen anderen Typ von Maske suchen, bei der diese Gefahr nicht besteht." Der Medizinier empfiehlt sogar Menschen mit Lungen- oder Herzerkrankungen, die sich eigentlich per Attest vom Tragen einer Maske befreien können, den Mund-Nase-Schutz: "Denn das sind genau die Menschen, die am meisten gefährdet sind, schwere Verläufe bei einer Coronainfektion zu bekommen." Gerade sie sollten laut Eikenberg aber keine einfache Stoffmaske, sondern eine mehrlagige, chirugische Gesichtsmaske tragen. Die gewähre nicht nur den besten Schutz, sondern sei auch am angenehmsten zu tragen, so der Mediziner.

Ist man nach einer Infektion immun?
Das gehört zu den großen ungeklärten Fragen rund um Sars-CoV-2. Ja, in der Masse scheint das zuzutreffen. Doch mittlerweile gibt es auch mehr und mehr Berichte über Erkrankte, die nach überstandenen Symptomen nach Monaten erneut welche zeigen. Erforscht ist das noch nicht. Und genau da liegt laut Infektiologin Piepel das Problem: "Um das zu untersuchen, müsste man 5.000 Menschen, die mit dem Coronavirus infiziert waren, gezielt noch einmal mit dem Virus in Kontakt bringen, um zu sehen, ob sie es noch einmal bekommen." Laut Piepel wäre das die sicherste Methode, um zu überprüfen, ob eine Immunität vorliegt. Aber: "Das würde von keiner Ethikkommission genehmigt werden", so die Ärztin. Hinzu kommt: Laut RKI ist derzeit nicht wirklich klar, ob eine erworbene Immunität dauerhaft oder nur vorübergehend – etwa für zwei oder drei Jahre – ist. "Es gibt ja auch noch andere Coronaviren, die beim Menschen vorkommen. Von denen wissen wir, dass die Immunität dort nur für rund eineinhalb Jahre anhält", sagt Martin Eikenberg vom Klinikum Bremen-Mitte.

Ist man nach dem Infekt mit Corona durch?
Nicht unbedingt. Die Spätfolgen bereiten den Forschern noch massives Kopfzerbrechen. In den allermeisten Fällen ist Corona mit den Symptomen rund um die Infektion erledigt. Doch gibt es auch zahlreiche "Genesene", die über Monate mit schwersten Spätfolgen zu kämpfen haben, etwa im zentralen Nervensystem. Das kann Folgen haben wie Störungen des Geruchs- und Geschmackssinns, Schwindelanfälle. Etwa ein Drittel der Patienten, die intensivmedizinische Versorgung brauchten, zeigten in der Folge "diffuse Hirnschäden", heißt es von der Deutschen Gesellschaft für Neurologie. Daneben sind auch Atemnot, Müdigkeit, Brust- und Gelenkschmerzen anhaltende Spätfolgen, die mittlerweile nicht nur vereinzelt bei Corona-Patienten beobachtet wurden.

Wann gibt es einen Impfstoff gegen das Coronavirus?
US-Präsident Donald Trump hat einen Impfstoff bis zum 3. November verkündet. Fachleute fragen sich, woher er dieses Wissen nimmt. Tatsache ist: "Zum jetzigen Zeitpunkt kann man noch nicht sagen, wann es einen sicheren und wirksamen Impfstoff gegen SARS-CoV-2 geben wird, der vor COVID-19 schützt. Weltweit wird an der Entwicklung mehrerer Impfstoff-Typen gearbeitet." So schreibt es das RKI. Einige "Kandidaten" sind weltweit schon in der klinischen Erprobung. Doch das heißt nicht, dass der Durchbruch unmittelbar bevorsteht. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und Forschungsministerin Anja Karliczek (CDU) gehen davon aus, dass es im kommenden Jahr einen Impfstoff für große Teile der Bevölkerung geben wird.

Muss sich jeder impfen lassen, wenn es einen Impfstoff gegen Corona gibt?

Eine Impfpflicht solle es nicht geben, sagt Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU). Um eine sogenannte Herdenimmunität zu erreichen, müssten sich in Deutschland 55 bis 65 Prozent der Bürger impfen lassen, so Spahn weiter. Der Bundesgesundheitsminister ist nach eigenen Angaben "zuversichtlich, dass wir das Ziel einer ausreichend hohen Impfquote freiwillig erreichen." Herdenimmunität bedeutet: Wenn eine Person sich impfen lässt, schützt das nicht nur diese Person selbst, sondern auch alle anderen Menschen. Denn dadurch, dass Geimpfte immun gegen eine Krankheit sind, können sie andere nicht mehr anstecken. "Wenn genügend Menschen geimpft sind, führt der Gemeinschaftsschutz dazu, dass eine Krankheit ausgerottet wird", heißt es beim RKI.

Kann die Herdenimmunität auch ohne Impfung erreicht werden?

Eine Herdenimmunität ohne Impfstoff, also auf natürlichem Wege, kann nur erreicht werden, wenn sich möglichst viele Menschen in der Bevölkerung mit dem Virus infiziert haben und anschließend immun dagegen sind. Wie bereits beschrieben, ist derzeit allerdings noch unklar, ob man nach einer überstandenen Infektion mit Covid-19 überhaupt immun gegen das Virus ist. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) spricht sich noch aus einem anderen Grund gegen die Herdenimmunität ohne Impfung aus: Denn dafür müssten sich sehr viele Menschen infizieren, viele würden schwer krank und müssten in Krankenhäuser. "Herdenimmunität auf natürlichem Wege zu erreichen, ist gefährlich, weil viele Menschen sterben würden", so die COVID-19-Beauftragte der WHO, Maria van Kerkhove. Auch Mediziner Eikenberg hält dieses Vorgehen für ethisch nicht vertretbar. Hinzu kommt: Laut WHO gibt es keine einzige Infektionskrankheit, die unter Kontrolle gebracht wurde, indem man auf natürliche Immunität gesetzt hat. Ein Beispiel dafür sind die Masern: Obwohl sie eine lebenslange Immunität auslösen, konnten sie letztlich nur mithilfe einer Impfung dauerhaft zurückgedrängt werden.

Welche Rolle spielen Schmierinfektionen bei der Übertragung von Corona?

Schmierinfektionen sind laut dem Virologen Andreas Dotzauer nach wie vor möglich. Genaue Daten darüber, wie viele Menschen sich tatsächlich über das Anfassen von kontaminierten Gegenständen infizieren, gibt es leider nicht. Es ist denkbar, dass Schmierinfektionen im Winter eine größere Rolle spielen, da man sich häufiger in geschlossenen Räumen aufhält und dabei Türgriffe oder andere Gegenstände anfasst. Außerdem tragen Erkältungen und andere saisonale Infekte dazu, dass man häufiger niest oder hustet. Neue Studien belegen, dass das Coronavirus bis zu 28 Tagen auf glatten Oberflächen überleben kann. Dotzauer weist jedoch darauf hin, dass die Überlebensdauer auch von klimatischen Bedingungen wie Feuchtigkeit und Temperatur beeinflusst werden kann.

Zu viele Corona-Infektionen: Wie kann Bremen reagieren?

Video vom 1. Oktober 2020
Die Bremer Senatorin Claudia Bernhard im buten un binnen Studio.
Bild: Radio Bremen

Autoren

  • Karl-Henry Lahmann
  • Catherine Wenk

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 13. Oktober 2020, 19:30 Uhr