Infografik

Darum kann man die Übersterblichkeit für Bremen nur schwer berechnen

Ein Corona-Patient wird auf einer Intensivstation in einem Krankenhaus versorgt.
Über 480 Menschen sind im Land Bremen bislang an oder mit Corona gestorben. (Symbolbild) Bild: DPA | HELMUT FOHRINGER

Seit Beginn der Pandemie beobachten Experten, wie viele Menschen mehr wann gestorben sind. So ordnen sie die Gefährlichkeit des Coronavirus ein. Ein Erklärungsversuch.

Die Übersterblichkeit gilt seit Beginn der Pandemie oft als ein Maßstab, um die Gefahren und die Folgen des Coronavirus zu bewerten und einzuordnen. Der Begriff an sich bedeutet nichts anderes als eine überhöhte Anzahl von Sterbefällen im Vergleich zu denen in den Vorjahren. Zumindest höher, als sie zu erwarten wäre. Dabei werden beispielsweise die Todesfälle der jeweiligen Kalenderwoche mit dem Durchschnitt der Todesfälle in derselben Kalenderwoche der vorherigen vier Jahre verglichen. In der Pandemiezeit, so könnte man annehmen, sollten die Todesfälle insgesamt höher sein als zuvor.

Doch so einfach ist es nicht. Vor allem im kleinsten Bundesland Bremen. Während sich im vergangenen Jahr, vor allem im April und während der Coronawelle Ende 2020 Anfang 2021, auf Bundesebene ein Trend in Richtung Übersterblichkeit abzeichnet, ist die Lage in Bremen deutlich unübersichtlicher. Das zeigen die Daten des Statistischen Bundesamtes.

Durchschnittliche Sterbefälle nach Kalenderwoche in Bremen

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*Ab KW14 sind die Daten für das Jahr 2021 noch vorläufig.

Teilweise liegt die Sterblichkeit über der der Vorjahre, teilweise darunter. Die Todesfälle schwanken von Woche zu Woche stark. Auch ein Vergleich mit der Anzahl der Corona-Toten pro Kalenderwoche bringt wenig Klarheit. Einerseits liegen solche Daten noch nicht vollständig vor; wie das Statistische Landesamt mitteilte, wird eine Statistik zu den Todesursache nach Monaten aufgeschlüsselt gerade vorbereitet. Andererseits zeigen die verfügbaren Daten nicht immer eine Übereinstimmung mit dem Sterblichkeitsverlauf. Anders ausgedrückt: Teilweise gibt es an einigen Wochen höhere Zahlen an Coronatoten, insgesamt bleibt die Sterblichkeit etwa gleich oder gar unter dem Niveau der Vorjahre.

Demografin: Fallzahlen in Bremen sind sehr niedrig

Dass die Schwankungen so groß sind, liegt daran, dass die Fallzahlen in Bremen relativ klein sind, wie die Demografin Eva Kibele erläutert.

Gerade für Bremen ist es sehr schwierig. Das hat auch mit den kleinen Fallzahlen zu tun, dass die Schwankungen so groß sind. Für Bremen sieht es erst mal nicht so aus, als ob es eine große Übersterblichkeit geben würde.

Eva Kibele, Demografin

Deswegen benutzt das Statistische Landesamt für den Vergleich lieber die vergangenen zehn Jahre statt vier, und dabei den Mittelwert. "Es gibt keine feste Größe, an der man sich orientieren kann. Wir haben jetzt zehn Jahre genommen, weil in Bremen die Fallzahlen so klein sind", so Kibele.

Das zeigt dann schon eher eine Tendenz zur Übersterblichkeit für das Jahr 2020, vor allem im April. Auch die Gesamtzahl der Toten ist im Jahr 2020 leicht erhöht gegenüber der der Vorjahre. Doch die Frage sei trotzdem nicht leicht zu beantworten, sagt die Demografin.

Durchschnittliche Sterbefälle nach Kalenderwoche in Bremen (10-Jahre-Vergleich)

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Denn bei der Sterblichkeit spielen verschiedene Faktoren eine Rolle, die sich von Jahr zu Jahr unterscheiden. Eine Hitzewelle im Sommer kann beispielsweise eine erhöhte Sterblichkeit in der älteren Bevölkerung verursachen, wie es im August 2020 der Fall war – oder eine besonders starke Grippewelle. Auch die Alterszusammensetzung ändert sich, fügt Kibele hinzu.

Corona-Maßnahmen könnten einen Einfluss gehabt haben

Die Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus haben womöglich ebenfalls eine Rolle gespielt. Dass die Todesfälle am Anfang des Jahres 2021 niedriger waren als in den Vorjahren, könnte zum Beispiel mit der ausgebliebenen Grippewelle zusammenhängen. Mundnasenschutz, Abstand und Kontaktbeschränkungen dürften dazu beigetragen haben, wie Mediziner vermuten.

Daten des Robert-Koch-Instituts (RKI) zeigen, dass die Anzahl der durch Tests bestätigten Influenza-Fälle in Bremen und Niedersachsen diesen Winter im einstelligen Bereich blieb, und auch akute respiratorische Erkrankungen waren viel seltener als in den vergangenen Jahren.

Dabei muss man berücksichtigen, wie Kibele anmerkt, dass Grippe-Todesfälle nicht immer leicht identifizierbar sind, da es sich oft um ältere, vorerkrankte oder geschwächte Patienten handelt. Auch bei Corona-Verstorbenen flammt immer wieder die Debatte auf, ob sie an oder mit Corona gestorben seien. Die Statistiken des Statistische Landesamtes beruhen auf den Meldungen der Standesämter und der jeweiligen Todesbescheinigung.

Bei der Frage, ob jemand an oder mit Corona verstorben ist, führen die Kolleginnen und Kollegen im Gesundheitsamt immer ausführliche Recherchen zur Todesursache durch. Dazu werden zum Beispiel Arztbriefe und Diagnosen gesichtet, um genau zu ermitteln, was die Todesursache war.

Lukas Fuhrmann äußert sich im Interview zu den Rechten von vollständig geimpften Bremern
Lukas Fuhrmann, Sprecher der Bremer Gesundheitssenatorin

An oder mit Corona sind dem Gesundheitsressort zu folge bislang im Land Bremen etwa 480 Menschen gestorben.

Virologe: Corona höhere Sterblichkeit als Grippe

Dass die Übersterblichkeit in Bremen nicht so deutlich ist, bedeutet jedoch nicht, dass die Risiken hierzulande niedriger sind. Auch ein Vergleich mit der saisonalen Grippe, die vor allem anfangs immer wieder geführt wurde, hält laut Experten nicht stand. So sagt der Virologe Andreas Dotzauer, die Krankheiten verliefen unterschiedlich. Die Schäden bei SARS-Cov-2 könnten größer ausfallen, Langzeitfolgen eintreten. Auch die Ansteckungsfähigkeit sei beträchtlich höher als bei Influenzaviren. Die Letalität, also der Anteil der Patienten, die an der Krankheit stirbt, sei mit etwa drei Prozent ebenfalls beachtlich höher als die der Influenza, so Dotzauer.

Wie Daten aus verschiedenen Einrichtungen zeigen, kann sie jedoch von Land zu Land und je nach Altersgruppen stark variieren. Ebenso entwickelt sie sich im Laufe der Zeit: In der ersten Coronawelle errechnete das RKI eine Letalität von etwa sechs Prozent. Zu beachten ist jedoch, dass viele asymptomatische Coronafälle möglicherweise unentdeckt geblieben sind, was die Letalität nach unten drücken könnte.

Rückblick: Sind wir durchs Maskentragen seltener erkältet?

Video vom 9. Dezember 2020
Eine Frau putzt sich die Nase
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Autorin

  • Serena Bilanceri

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 18. Juni 2021, 23:30 Uhr