Infografik

Corona-Impfung für Kinder? Das sagen Bremer Wissenschaftler

Der Bundesgesundheitsminister will Impfungen für Jüngere schnell auf den Weg bringen. Biontech/Pfizer hat die Zulassung für einen Impfstoff beantragt. Wie sinnvoll ist das?

Ein kleines Mädchen mit rosa Mund-Nasen-Bedeckung bekommt eine Impfung in den Oberarm.
Momentan ist eine Corona-Impfung erst für Jugendliche ab 16 Jahren in Deutschland zugelassen – doch das könnte sich in Zukunft ändern. (Symbolbild) Bild: DPA | Laci Perenyi

Das deutsche Biotechnologie-Unternehmen Biontech und sein Partner Pfizer haben kürzlich die Zulassung ihres Impfstoffes Comirnaty für Jugendliche zwischen zwölf und 15 Jahren bei der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) beantragt. Bislang ist das Vakzin für Menschen ab 16 Jahren zugelassen. Eventuell könnten also Kinder ab zwölf bereits in den Sommerferien geimpft werden. Das wirft nun Fragen auf: Sollten Kinder und Jugendliche insgesamt priorisiert werden, sobald ein Impfstoff für sie verfügbar ist? Was gilt es dabei zu beachten?

Ob gesunde Kinder vorgezogen werden sollten – momentan gehören sie noch zur vierten und letzten Impfgruppe – sei keine leichte Frage, sagt der Vorsitzende des Bremer Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte, Stefan Trapp. Viele verschiedene Aspekte müssten dabei abgewogen werden.

Es ist eine schwierige Frage, weil dabei verschiedene Aspekte berücksichtigt werden müssen.

Kinderarzt Stefan Trapp
Stefan Trapp, Kinder- und Jugendarzt

Zum einen haben gesunde, kleinere Kinder ein kleineres Risiko, schwer an Corona zu erkranken. "Gerade kleine Kinder sind selten schwer krank", sagt er. Wenn sie geimpft würden, wäre das eher, damit sie keine Infektionsquelle mehr darstellten. Das Risiko eventueller Nebenwirkungen müsste dann abgewogen werden. Bei älteren Kindern und Jugendlichen sehe die Lage schon etwas anders aus, denn das Risiko einer schweren Erkrankung mit dem Alter zunehme.

Virologe: "Impfung ist wichtig, für Priorisierung sehe ich aber keinen Grund"

Ähnlich klingt der Bremer Virologe Andreas Dotzauer. "Es gibt Für und Wider bei der Frage, ob Kinder vorgezogen werden sollten." Zum einen erkrankten Kinder unter 16 Jahren selten schwer an Corona, zum anderen seien auch bei ihnen Langzeitfolgen möglich. Gerade Kinder ab zwölf seien von Neuinfektionen gerade stark betroffen und könnten diese übertragen. Allerdings dient eine Impfung in erster Linie dem Eigenschutz. Eine Übertragung des Virus sei weniger wahrscheinlich, aber nicht ausgeschlossen.

Ich sehe die Notwendigkeit, Kinder zu impfen. Allerdings sehe ich momentan keinen Grund, die Kinder zu priorisieren oder an der Priorisierung etwas zu ändern.

Virologe Andreas Dotzauer steht auf einem Flur.
Andreas Dotzauer, Virologe

Die Ständige Impfkommission (Stiko), die Empfehlungen für Vakzine gibt, könne sich erst dazu äußern, wenn der Impfstoff zugelassen werde, wie eine Sprecherin des Robert-Koch-Instituts mitteilte.

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Wäre eine Impfung von jungen, gesunden Kindern sinnvoll?

Aber ist es notwendig, dass alle Kinder ein Vakzin bekommen? Das Thema spaltet die Eltern, das weiß Trapp. "Die Eltern von Kindern, die zur Risikogruppe gehören, sind natürlich sehr froh, wenn man sie impfen kann." Bei den anderen sei vor allem der Wunsch groß, dass die Kinder wieder ein normales Leben haben können. "Wir müssen uns als Gesellschaft fragen, ob alle dafür geimpft werden müssen", sagt Trapp.

Klar ist jedoch: Wenn Kinder unter 16 Jahren nicht geimpft werden, sei wahrscheinlich, dass das Virus bleibe und sich verändere. Gut 16 Prozent der Bevölkerung sind laut Daten des Statistischen Bundesamtes minderjährig. Wenn eine Herdenimmunität erreicht werden soll, wäre es also sinnvoll, sie zu impfen, so der Kinderarzt. Dafür seien aber Studien notwendig, die Risiken und Nebenwirkungen untersuchten. Und dabei spielt das Alter eine entscheidende Rolle. "Ab 12 Jahren ist es relativ unproblematisch, aber je jünger die Kinder, desto genauer muss man das untersuchen", sagt Trapp.

Deshalb dauert es bei Kindern länger

"Man muss auf das Alter gucken", bestätigt Virologe Andreas Dotzauer. Sowohl Dosis als auch Zeitabstände müssen überprüft und eventuell aufgepasst werden. Das Stichwort sei Pubertät, erläutert Dotzauer, denn sie habe einen Einfluss auf die Antwort des Immunsystems. Bei älteren Kindern sei dies weniger problematisch, man könne viel mehr aus der Reaktion junger Erwachsenen ableiten. "Daher wird es bei einer Impfung für Jüngere voraussichtlich beträchtlich länger dauern."

Junge Kinder sind keine kleinen Erwachsenen. Sie zeigen teilweise eine andere Reaktion auf gewisse Medikamente.

Virologe Andreas Dotzauer steht auf einem Flur.
Andreas Dotzauer, Virologe

Eine Zulassung wird erst beantragt, wenn Wirksamkeit und Verträglichkeit durch Studien geklärt worden sind. Die Ergebnisse werden dann von den zuständigen Agenturen bewertet. Dann sei das Risiko von eventuellen Nebenwirkungen nicht größer als bei den Erwachsenen. "In der Regel nehmen an solchen Studien mehrere Tausend Teilnehmer teil, zwischen drei- und fünftausend", sagt Dotzauer.

Teilnehmer für Kinder-Studien nicht leicht zu finden

Doch Teilnehmer dafür zu finden ist nicht einfach, wie das Paul-Ehrlich-Institut bestätigt. Das Bundesinstitut erhebt unter anderem Nebenwirkungen bei Impfstoffen und ist für die nationale Freigabe von Impfstoffen zuständig. Auch deshalb dauert es bei den Impfstoffen für Kinder etwas länger.

Das ist ein generelles Problem: Alle Eltern möchten für ihre Kinder gut geprüfte Impfstoffe. Die eigenen Kinder für die dafür notwendige klinische Prüfung anzumelden sieht dann schon wieder anders aus. Das ist aber auch ein wichtiger Grund, warum die klinischen Prüfungen mit Kindern erst nach und nach beginnen. Man braucht die Ergebnisse von Erwachsenen und Jugendlichen, um zeigen zu können, dass die Impfstoffe generell wirksam und verträglich sind.

Susanne Stöcker, Sprecherin des Paul-Ehrlich-Instituts

Noch sei es zu früh, um konkrete Aussagen bezüglich der Zulassung vom Biontech-Impfstoff für Unter-16-Jährige zu treffen, teilte das Institut mit. "Die Tatsache, dass Biontech/Pfizer das Verfahren bei der EMA begonnen haben, bedeutet auch, dass die Daten aus den klinischen Prüfungen nun erst bewertet werden."

Die mRNA-Technologie sei neu, deswegen müsse sie gerade bei kleineren Kindern genau untersucht werden, sagt Trapp. Wenn sie effektiv und gut verträglich ist, könnte sie jedoch ganz neue Perspektiven für die Heilung anderer Krankheiten bieten. "Es gibt große Hoffnung, dass die mRNA-Technologie auch bei Kindern gegen andere Krankheiten eingesetzt werden könnte."

Rückblick: Bovenschulte will vorerst weiter an Impf-Priorisierung festhalten

Video vom 26. April 2021
Bremens Bürgermeister Bovenschulte
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Autorin

  • Serena Bilanceri

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 7. Mai 2021, 23:30 Uhr