So werden Corona-Mutationen in Bremen aufgespürt

Die Sequenzierung gilt als Königsweg, um Virus-Mutationen zu erkennen. Bremen setzt jetzt jedoch auf eine günstige Alternative – und zwar für jeden positiven PCR-Test.

Eine Laborantin bereitet eine Probe mit extrahierter RNA für einen PCR-Tests vor
Eine Laborantin bereitet einen PCR-Test vor. Auch für gezielte Mutationsanalysen sind angepasste PCR-Test geeignet. Bild: DPA | Pablo Gianinazzi

Das mutierte Coronavirus verbreitet sich seit Wochen auch in Deutschland. Die jüngsten Ausbrüche in Bremerhaven könnten eine Folge davon sein. Dies zumindest vermutete schon vor Tagen der Leiter des Bremerhavener Corona-Krisenstabs, Ronny Möckel. "Wir erleben jetzt Übertragungen in Situationen, die wir früher nicht erwartet hätten und eine Dynamik in dem Ausbruchsgeschehen, die uns nahezu sprachlos macht", sagte der Leiter des Bremerhavener Gesundheitsamts und verwies auf eine hohe Virenlast der Proben. Dies könnte auf eine Mutation hindeuten.

Mutationen bei fünf Prozent aller Bremer Corona-Fälle

Dass im Land Bremen bereits Mutanten kursieren, ist über die bekannten Einzelfälle hinaus längst belegt. Denn anders als bislang von vielen angenommen, ist eine langwierige und teure Sequenzierung von Proben gar nicht erforderlich, um zumindest die bekannten Mutationen nachzuweisen. Erste bundesweite Daten will in dieser Woche ein Verbund aus 36 Laboren veröffentlichen, die mehrere Zehntausend Proben auf Mutationen hin getestet haben. "Hier in Bremen und umzu haben wir bei genau fünf Prozent aller auswertbaren PCR-positiven Proben Varianten gefunden, darunter ganz überwiegend die englische Variante B117", sagt der Geschäftsführer des an der Studie beteiligten Medizinischen Labors Bremen, Andreas Gerritzen.

Sondierung zielt nur auf bekannte Mutationen

Neben dem Medizinischen Labor Bremen bieten mittlerweile auch zwei weitere Labore in Bremen und Bremerhaven die Mutationsanalyse per so genanntem Sondierungstest an, der ohne teure Sequenzierung auskommt.

Der Kostenvorteil des Sondierungstests entsteht, weil mit ihm gezielt nur jene Erbgut-Bausteine in der langen Kette des Virus-RNA-Strangs getestet werden, die möglicherweise von der Mutation verändert worden sind. "Da reicht ein dafür abgestimmter, gesonderter PCR-Test", sagt Labor-Chef Gerritzen.

Sequenzierung entschlüsselt fast 40.000 RNA-Bausteine

Bei der Sequenzierung hingegen werden mit Hilfe spezieller Maschinen, so genannte Next-Generation-Sequencing-Apparaturen, alle der fast 40.000 RNA-Bausteine des Virusgenoms aufgeschlüsselt. So wird zwar ein komplettes Abbild der Erbinformation des Corona-Virus geliefert. Und so ist es auch möglich, über die bislang verbreiteten Mutationen aus Großbritannien, Südafrika und Brasilien hinaus seltene oder bislang unbekannte Mutationen zu erkennen. Die Sequenzierung ist jedoch auch teurer und dauert länger.

Für einen Sondierungstest auf eine bestimmte Mutation erhalten Labore 50,50 Euro, die vom Bund gezahlt werden. Er dauert nicht länger als andere PCR-Tests. Für eine Sequenzierung zahlt der Bund hingegen 220 Euro. Wobei die vollautomatisierte Entschlüsselung des Genoms allein schon rund 30 Stunden dauert. Hinzu kommen die Versanddauer der Proben und die Analyse durch Bioinformatiker.

Das für jede Probe zu machen, hieße, mit Kanonen auf Spatzen zu schießen.

Andreas Gerritzen, Geschäftsführer des Medizinischen Labors Bremen

In manchen Fällen, so zum Beispiel für einige Proben aus dem Pflegeheim Elisabeth-Haus in Bremerhaven, in denen keine der bekannten Mutationen aus Großbritannien, Südafrika oder Brasilien nachgewiesen werden konnte, ist eine Sequenzierung hingegen noch immer unumgänglich. Denn nur so können andere Mutationen erkannt werden. Darüber hinaus ist so nachvollziehbar, ob eine Infektion von einem einzigen Virenstamm verursacht wurde. Letzteres würde für eine gemeinsame Quelle der Ansteckung sprechen. Bei mehreren Stämmen hingegen müsste das Gesundheitsamt die weiteren Infektionsquellen ausfindig machen.

"Die Vollgenomsequenzierung wird zum Beispiel bei solchen Ausbrüchen gemacht, die ohne erkennbaren Grund nicht zu kontrollieren waren", sagt Gesundheitsressort-Sprecher Lukas Fuhrmann. Fälle beispielsweise, bei denen die Infizierten eigentlich Schutzausrüstungen getragen hatten. "Das waren in Bremen bislang aber ganz wenige", so Fuhrmann.

Bremer Proben landen in der Charité

Wenn die Gesundheitsbehörden in Bremen oder Bremerhaven eine entsprechende Sequenzierung veranlassen, werden die Proben nach Berlin geschickt, wo sie in den Laboren der Charité untersucht werden. Dort dürfte der Arbeitsaufwand nun eher noch zunehmen. Denn das Bundesgesundheitsministerium hat verordnet, dass deutschlandweit bis zu 5 Prozent der positiven PCR-Tests generell sequenziert werden sollen.

Und auch den Bremer Laboren, die Sondierungstests vornehmen, wird die Arbeit wohl nicht ausgehen. Denn der Senat hat in der vergangenen Woche entschieden, ab dieser Woche alle positiven PCR-Tests zusätzlich auf die drei bekannten und bislang verbreitetsten Mutationen des Virus zu sondieren.

Bald keine Quarantäne-Verkürzung mehr?

Und sollte die Zahl gefundener Mutationen weiter steigen, hätte das wohl auch konkrete Folgen für Kontaktpersonen. "Bislang war es möglich, sich im Einzelfall und in Absprache mit dem Gesundheitsamt mit einem negativen Schnelltest nach fünf Tagen quasi aus der Quarantäne herauszutesten", sagt Gesundheitsressort-Sprecher Fuhrmann. Beim Auftreten von Mutationen ändere sich die Lage. "Wer beispielsweise aus Großbritannien eingereist ist, wo die Mutation sehr verbreitet ist, für den ist schon jetzt diese Verkürzung nicht mehr möglich."

Politik ergreift Maßnahmen nach Mutations-Fällen in Bremen

Video vom 27. Januar 2021
Ein leeres Kita-Zimmer, in dem die Stühle auf den Tischen gestellt wurden.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

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Autor

  • Kristian Klooß Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 4. Februar 2021, 19:30 Uhr