Durch Zufall gelingen AWI-Forschern einmalige Meeresboden-Aufnahmen

Als einziges Forschungsschiff war die Bremerhavener "Polarstern" in der Nähe, als ein Antarktis-Eisberg abbrach. Ein Spalt ermöglichte Unterwasseraufnahmen vom Meeresboden.

Ein riesiger Spalt zwischen Eisberg und festem Eis.
Viel Leben unter dem Eis: Der Spalt zwischen dem abgebrochenem Eisberg und dem Brunt-Schelfeis. Bild: Alfred-Wegener-Institut | Tim Kalvelage

Auf dem Meeresboden unterhalb eines frisch abgebrochenen Eisbergs in der Antarktis haben Forscher des Bremerhavener Forschungseisbrechers "Polarstern" eine überraschend große Lebensvielfalt entdeckt. Erste Foto- und Filmaufnahmen zeigten ein artenreiches Ökosystem in einer Region, die für Jahrzehnte von Eis bedeckt war, teilte das Alfred-Wegener-Institut (AWI) mit.

Die Forscher waren zufällig in der Nähe, als der riesige Eisberg im Februar abbrach. Dieser eigentlich normale Vorgang gab den Forschern an Bord nun einzigartige Forschungsmöglichkeiten: Im März gelang es dem Team in den neu entstandenen Spalt zwischen abgebrochenem Eisberg und fester Eiskante zu fahren. Dort erkundete das Team den jahrzehntelang unter hunderten Metern Eis verborgenen Meeresboden.

Überraschend viel Leben auf dem Meeresboden

Die Forscher konnten mit Unterwasserkameras zahlreiche Tiere in einer
Schlammlandschaft beobachten, die auch ganz ohne Licht auszukommen scheinen; unter dem Eis war es bis vor dem Eisbergabbruch noch dunkel.

Eine Seeanemone von 10 cm Durchmesser nutzt einen kleinen Stein als Substrat.
Erste Entdeckung auf dem Meeresboden: Eine zehn Zentimeter große Seeanemone. Bild: Alfred-Wegener-Institut | OFOBS-Team PS124

Die meisten Tiere waren Filtrierer, kleine Tierchen, die ihre Nahrung aus dem Wasser herausfiltern und meist auf Steinen festsitzen. Doch auch mobilere Tiere wie Seegurken, Seesterne, Weichtiere sowie mindestens fünf Fisch- und zwei Tintenfischarten wurden entdeckt. Wie sich die Tiere ernähren, wollen die Forscher nun klären.

Zur richtigen Zeit am richtigen Ort

Ein 30 Zentimetergroßer Schwamm auf einem Stein am Meeresboden.
Dieser 30 Zentimeter große Schwamm lebt auf dem antarktischen Meeresboden. Bild: Alfred-Wegener-Institut | OFOBS-Team PS124

Laut AWI gelingt es nur sehr selten, vor Ort zu sein, wenn ein Gebiet erstmals eisfrei wird und mit Sonnenlicht in Berührung kommt. Für die Forscher war dieser einmalige Zugang zum Meeresboden eine echte Sensation: "Es ist ein Glücksfall, dass wir flexibel reagieren und das Abbruchgeschehen am Brunt-Schelfeis aktuell so detailliert erforschen konnten", sagte Expeditionsleiter Hartmut Hellmer.

Der abgebrochene Eisberg ist mit 1.270 Quadratkilometern etwa doppelt so groß wie Berlin. Eisberge wie dieser mit dem Namen A74 brechen nur alle zehn Jahre ab. Nur sehr selten können Forscher wie jetzt das Bremerhavener Team dabei sein und direkt Proben sammeln. Die "Polarstern" ist seit Anfang Februar im Weddellmeer unterwegs, um Langzeitdaten für Klimavorhersagen zu ermitteln.

Sondersendung zur Rückkehr der Polarforscher

Video vom 12. Oktober 2020
Moderator Felix Krömer vor dem Forschungsschiff Polarstern in Bremerhaven
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Mehr zum Thema:

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 17. März 2021, 23:30 Uhr