Interview

"Zeitzeugen sind einfach besser als Geschichtsbücher"

Anita Lasker-Wallfisch ist 93 Jahre alt – und unermüdlich. Warum die Holocaust-Überlebende noch immer gegen das Vergessen kämpft, erzählt sie im buten un binnen-Interview.

Anita Lasker-Wallfisch im Interview.

Nie wieder wollte sie deutschen Boden betreten. Das hatte sich Anita Lasker-Wallfisch geschworen, als sie 1945 von amerikanischen Truppen aus dem Konzentrationslager Bergen-Belsen befreit wurde. Ein Versprechen, dass sie 44 Jahre lang hielt. Mittlerweile ist sie eine der prominentesten Stimmen der Erinnerungskultur, sprach bei einer Gedenkstunde des Bundestags im Januar knapp eine halbe Stunde für die Opfer des Nationalsozialismus. Der Werdegang dorthin ist einer, den sie selbst am besten in Worte fassen kann.

Frau Lasker-Wallfisch, 1943 wurden Sie zunächst nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Wie lange waren Sie an diesem Ort, der zum Symbol der Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten wurde?
Ein Jahr lang. Was schon sehr ungewöhnlich ist, denn dort überlebt niemand ein Jahr lang, wenn er nicht großes Glück hat. Und das Glück, das ich hatte, hatte mit meinem Cello zu tun. Weil ich seit meiner Kindheit Cello spielen gelernt habe, habe ich dort überlebt.
Sie waren Teil des Mädchenorchesters; für was für Menschen haben Sie da musiziert?
Wissen Sie, das habe ich erst nach dem Krieg erfahren, dass es in jedem Lager ein Orchester gab – außer im Birkenau-Frauenlager. Und die Frau Mandel, die damals die Leiterin war, hat sich wahrscheinlich aus Ehrgeiz gesagt: Wenn die alle ein Orchester haben, wollen wir auch eins haben. So ist das wohl zustande gekommen. Und wir hatten natürlich eine Aufgabe. Denn Sie wissen ja wahrscheinlich, dass Auschwitz umgeben war von Fabriken. Die Gefangenen sind jeden Morgen ausmarschiert und wieder zurückmarschiert, und da haben wir am Tor gesessen und Märsche gespielt, damit die fein säuberlich ausmarschieren. Und solange die vom KZ dort Musik haben wollten, konnten Sie uns nicht vergasen, denn dann hätten Sie keine Musik mehr gehabt. Das ist so absurd, man kann es sich nicht vorstellen, aber...so war's.
Ihre Schwester Renate, die heute auch noch lebt, die tauchte zu einem anderen Zeitpunkt dann auch in dem Lager auf?
Ja, wir haben uns durch einen komplett irrsinnigen Zufall dort wiedergefunden. Ich weiß nicht, ob Sie wissen, wie riesengroß dieses Birkenau ist. Das war einfach pures Glück.
Ihnen beiden war zuvor eines der schlimmsten Dinge widerfahren, die man sich für Heranwachsende vorstellen kann: Ihre Eltern wurden Ihnen genommen. Wann war das?
Das war 1942, als die Deportationen angefangen haben, nach der Wannseekonferenz. Da hat das dann angefangen. Meine Schwester und ich hingegen waren damals nicht auf der Liste, denn wir waren in gewisser Weise wichtig. Weil wir in einer Fabrik gearbeitet haben. Man hat uns noch gebraucht.
Sie haben lange über diese Vergangenheit geschwiegen?
Wissen Sie, der große Fehler ist, dass man sagt: Wir Überlebenden hätten geschwiegen. Wir sind nicht gefragt worden. Wir hätten gar nicht geschwiegen, wir konnten gar nicht warten, der Welt zu erzählen, was hier eigentlich los war. Stattdessen sind wir alle in ein großes Loch gefallen von komplettem Schweigen.
Aber Sie haben auch innerhalb der eigenen Familie, die Sie in England gegründet haben, nicht darüber gesprochen. Sie hatten ja die Zahl 69388 auf dem Arm eintätowiert. Hat das bei Ihren Kindern keine Fragen aufgeworfen?
Doch, mein Sohn fragte, was ich mir da auf den Arm geschrieben habe. Aber ich habe es vermieden, einem Kind von 5 Jahren zu erzählen, dass es eine Welt gab, in der die guten Menschen im Gefängnis gesessen haben und die schlechten Menschen draußen. Ich wollte nicht meinen Kindern den Kopf verdrehen und sie auch nicht unbedingt mit Hass erfüllen. Also es gibt wahrscheinlich noch viele weitere Begründungen, warum wir nicht darüber gesprochen haben, aber es war jedenfalls kein Thema bei uns.
Als die Nazis besiegt wurden, da hielten Sie sich in der Zwischenzeit schon im Lager in Bergen-Belsen auf. Nach der Befreiung sind Sie dann nach England gegangen. Haben Sie dort weiter musizieren können und auch wollen?
Da habe ich erst wirklich angefangen! Da dachte ich mir: "Also jetzt geht´s los!" Wissen Sie, man hatte mir acht Jahre gestohlen, und ich hatte nur eine Sache im Kopf: Jetzt zu studieren und das zu werden, was ich immer werden wollte. Und das war Musikerin.
Die Aufarbeitung dessen, was in Deutschland geschehen ist, dauerte lange, erst 1963 begann der erste Auschwitz-Prozess. Dem haben Sie erstmal kaum Aufmerksamkeit geschenkt. Später haben Sie diesen Prozess dann aber mit unterstützt, sind wiederholt nach Deutschland gereist, haben mit Schülern gesprochen. Wie kam es dazu?
Das ist alles per Zufall gekommen. Ich habe dem English Chamber Orchestra angehört, und wir sind in der ganzen Welt herumgefahren. "Die Anita fährt nicht nach Deutschland", wussten alle, und das war auch nie ein Problem. Bis einmal auf der Programmliste die Namen Soltau und Celle standen. Das ist ganz in der Nähe von Bergen-Belsen. Und da hatte ich plötzlich absolut das Gefühl: Ich will mir doch einmal ansehen, was aus diesem Lager geworden ist. So fing das an. Und auf dieser Reise ist vieles geschehen, was mein Leben umgedreht hat. Denn da habe ich einen jungen Historiker getroffen, der verzweifelt nach Zeitzeugen gesucht hat. Dem hatte man den Auftrag gegeben, dort ein würdiges Denkmal zu errichten. Und seitdem ich zum ersten Mal mit ihm gesprochen habe, sind wir im regelmäßigen Kontakt. Anhand des Belsen-Projekts habe ich verstanden, dass ich Besseres leisten könnte wenn ich mich hier engagiere, anstatt in London zu sitzen und alles zu ignorieren. Zeitzeugen sind einfach besser als Geschichtsbücher.
Wenn man das irgendwie allgemein sagen kann: Wie reagieren denn die Kinder, mit denen Sie hier in Deutschland häufig sprechen, auf ihre Erzählungen?
Sehr gut. Ich habe wirklich rührende Briefe von einigen Kindern. Die sollten eines Tages mal veröffentlicht werden. Ein Junge zum Beispiel, der hat mir einmal geschrieben: Er habe gedacht "Mensch, da kommt ja schon wieder so eine alte Tante aus dem KZ, das ist ja irre langweilig, die Geschichten kennen wir doch alle." Also, sinngemäß. Und dann schrieb er aber, er habe zugehört, und er sieht die ganze Sache nun völlig anders. Das ist schon ein Erfolg, nech?
Sind es solche Dinge und Erfahrungen, die Sie weitermachen lassen?
Wir Überlebenden haben die Aufgabe, dazu beizutragen, dass niemals vergessen wird, auf welchen Tiefpunkt eine zivilisierte Gesellschaft sinken kann, wenn jeder Begriff von Moral abhanden gekommen ist. Man muss nicht denken, dass der Holocaust und alles, was passiert ist, ein abgeschlossenes Kapitel ist. Denn man braucht sich bloß die Welt anzusehen heute. Das Morden geht weiter, Fremdenhass geht weiter, Rechtsradikalität wächst. Ich weiß auch, dass ich mit meinen Lesungen nicht die Welt verändern kann. Aber immer wieder erlebe ich, dass sich bei meinen Zuhörern etwas verändert. Eine Wahrnehmung. Eine Meinung. Und wenn das gelingt, ist es das schon wert.
  • Jochen Duwe

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 17. Juli 2018, 16:10 Uhr