Interview

Bremer Forscherin: Warum das Alleinsein guttun kann

In der Corona-Zeit sind einige vielleicht häufiger allein als zuvor. Das muss aber nicht immer schlecht sein, findet eine Wissenschaftlerin. Ganz im Gegenteil.

Mann blickt auf den Sonnenuntergang am Meer.
Oft wird das Alleinsein mit Einsamkeit verwechselt, meinen Psychologen. (Symbolbild) Bild: DPA | Martin Schroeder / Chromorange

Große Treffen sind tabu, das soziale Leben wird heruntergefahren: Die Corona-Zeit kann für einige sehr einsam sein. Allerdings wird oft das Alleinsein mit Einsamkeit verwechselt. Dabei ist Zeit allein zu verbringen oder etwas alleine zu unternehmen nicht immer schlecht, sagen die Wissenschaftler. Ganz im Gegenteil.

Wieso man sich mal häufiger trauen sollte, ohne Begleitung ins Kino, Restaurant oder auf Entdeckungstour zu gehen und was man dabei beachten sollte, erklärt eine Bremer Forscherin.

Frau Lippke, einige Wissenschaftler behaupten, dass es gut sein soll, gelegentlich Zeit alleine zu verbringen oder ab und zu mal etwas alleine zu unternehmen. Es gibt aber auch Studien, die belegen, dass nicht jeder das Alleinsein genießt. Wie sehen Sie das?
Alleine sein ist erstmal nichts Negatives, es gehört zum Menschen genauso wie das soziale Leben. Im Gegenteil: Es kann die Kreativität fördern und hilft, mit sich selbst ins Reine zu kommen. Es ist daher auf jeden Fall empfehlenswert, sich ab und zu Zeit für sich selbst zu nehmen. Vor allem, wenn man weiß, dass es Menschen gibt, mit denen man sich dann später treffen kann. Das Alleinsein kann nur zum Problem werden, wenn es als Mangel wahrgenommen wird.
Sollten dann aber Menschen, die keine Familie zu Hause haben oder sich irgendwie einsam fühlen, lieber nicht alleine ins Restaurant oder auf Reise gehen?
Das kann das Einsamkeitsgefühl verstärken, muss aber nicht. Es gibt Menschen, die sehr gut Aktivitäten alleine ausüben können. Sie vermissen nichts. Und es gibt andere, die können das nicht, sie würden total eingehen. Jemand, der sicher gebunden ist, Freunde oder Familie hat, auf die er sich verlassen kann, kommt in der Regel gut alleine aus. Aber es ist auch eine Frage des Charakters – und dabei gibt es kein "richtig" oder "falsch". Einige Menschen erholen sich nur, wenn sie alleine sind. Andere können sich hingegen alleine nicht entspannen. Sie schalten den Fernseher ein, um eine "vorgestellte" Gesellschaft um sich zu haben. Man muss schauen, was einem guttut. Es ausprobieren. Das kann auch nützlich sein, um zu verstehen, was man eventuell vermisst.
Viele scheuen sich aber davor, etwas alleine in der Öffentlichkeit zu unternehmen. Ich denke dabei zum Beispiel an einen Kino- oder Clubbesuch. Wieso?
Viele denken, dass sie alleine dann nicht mehr wissen, was sie mit sich selbst anfangen sollen. Sie haben Angst, sich zu langweilen. Und einige können nicht so gut alleine sein. Es ist auch eine ungewohnte Situation, man nimmt sich selbst stärker wahr.
Manchmal ist es nicht die Person selbst, sondern die eigene soziale Umgebung, die negativ reagiert, wenn man eine Reise oder etwas anderes alleine machen möchte.
Ich würde dann die Rückfrage stellen, warum das so ist. Warum sie so negativ eingestellt sind. Wenn es an der Angst liegt, sollte man darüber reden. Nehmen wir an, man will eine Bergbesteigung allein machen. Vielleicht haben der Partner oder die Freunde Angst, dass man verunglückt. Dann ist es wichtig, dass man darüber spricht. Vielleicht kann man vereinbaren, dass man ein Funkgerät bei sich trägt. Oder es gibt Treffpunkte und, wenn man nicht ankommt, wählt jemand vor Ort den Notruf. Auch wenn jemand schwer nachvollziehen kann, wieso die Freundin allein sein möchte, sollte man darüber reden. Der Person erklären, wieso man das mag. Manchmal kann es aber auch die Angst sein, dass in der Freundschaft oder in der Beziehung etwas nicht stimmt. "Wieso will meine Freundin alleine wandern gehen, obwohl ich auch Lust dazu hätte?" Auch da hilft es, darüber zu reden.
Was raten Sie jemandem, der etwas zum ersten Mal alleine unternimmt und sich dabei unwohl fühlt?
Dann kann man auf andere Menschen zugehen, erst mal mit Small-Talk und dann versuchen, über Gemeinsamkeiten in Kontakt zu kommen. Es ist außerdem hilfreich, sich dabei vorzustellen, dass Freunde oder Verwandte für einen da sind, auch wenn man sie in dem Moment gerade nicht um sich hat. Man kann sich auch unterwegs schon Freunde anrufen und ein Treffen für irgendwann später verabreden. Es ist wichtig, dass man sich gut verbunden fühlt. "Innere Resonanz" nennen wir das. Man kann sich auch in und mit der Natur so fühlen. Und man kann diese Verbundenheit mit anderen Menschen auch – aber nur bedingt – durch die sozialen Medien aufrechterhalten, indem man mit anderen kommuniziert.
In der Corona-Zeit sind aber Clubs sowieso zu, und auch andere Menschen anzusprechen ist wegen des "Social Distancing" schwieriger geworden. Leben wir gerade in einer Zeit, in dem alleine zu sein belastender geworden ist?
Zunächst sollte man zwischen "social distancing" und "physical distancing" unterscheiden. Das ist mir ganz wichtig. Denn oft werden beide Begriffe verwechselt. Social distancing ist nicht notwendig. Es reicht, wenn man körperlichen Abstand hält. Selbst jemand, der in Quarantäne muss, kann Freunde anrufen, mit ihnen chatten usw. Daher ist es ganz wichtig, miteinander gut in Kontakt zu bleiben. Irgendwann ist das auch vorbei und man kann sich wieder treffen.
Eine persönliche Frage: Sind Sie lieber alleine oder mit Freunden unterwegs?
Ich mag beides gern. Ich genieße das Alleinsein sehr, wenn ich für meine Arbeit schreibe. Denn schreiben kann ich am besten alleine. Oder beim Sport. Dann gibt es aber auch Aktivitäten in der Problemlösung und in der Forschung, bei denen man allein viel langsamer oder ineffizienter wäre als im Team. Ich suche eigentlich diese Balance zwischen dem Alleinsein und dem sozialen Miteinander.

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Autorin

  • Serena Bilanceri

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 30. September 2020, 23:30 Uhr