Interview

"Von Robotern mit Essen versorgt zu werden ist eine Horrorvorstellung"

Heinz Rothgang forscht an der Universität Bremen zu Pflege und Robotik. Was technisch sinnvoll wäre und was kurzfristig Vorrang haben müsste, verrät er im Interview.

Prof. Dr. Heinz Rothgang
Heinz Rothgang erforscht an der Uni Bremen, wie sich Robotik, künstliche Intelligenz und Pflege verbinden lassen. Bild: Uni Bremen | David Ausserhofer
Herr Rothgang, würden Sie sich selbst im Alter von einem Roboter pflegen lassen?
Pflege ist heute ja ein ganzheitlicher Prozess – nicht mehr einfach nur 'satt und sauber'. Dazu könnte der Roboter womöglich seinen Beitrag leisten. Den Wunsch nach echter Kommunikation, nach Dazugehörigkeit und Teilhabe dürfte er aber wohl nur schwer vermitteln können. Daher kurz gesagt: lieber nicht.
Da geht es Ihnen wie vielen von der Uni Bremen befragten Menschen. Sie rechnen zwar mit mehr Robotik in der Pflege. Selbst wollen sie aber nicht von einem Roboter betreut werden?
Ja, da erzeugen ferne Zukunftsvisionen viel Angst. Wenn ich mir aktuelle Studien und Umfragen angucke, dann ist die Akzeptanz von Robotern allerdings meist höher als ich gedacht hätte. Akzeptiert werden Roboter vor allem dann, wenn sie bei ganz bestimmten eingeschränkten Tätigkeiten helfen. Angst herrscht in der Bevölkerung hingegen davor, dass Roboter eingesetzt werden, um Menschen zu ersetzen. In einem Hightech-Setting nur von Robotern versorgt zu werden, etwa durch eine Menschen-Waschstraße gefahren zu werden und von Robotern mit Essen versorgt zu werden, ist eine Horrorvorstellung.
In Oldenburg und Bremen testen Sie Robotik in der Pflege seit Jahren. Was ist heute schon möglich?
Es werden täglich Fortschritte gemacht, aber sehr weit sind wir letztlich noch nicht. Auch die Forschungsliteratur zu digitaler Technik und Pflege ist dünn. Gut erforscht ist bislang nur die Kuschelrobbe Paro…
…die unter anderem im Bremer Seniorenheim Haus O‘Land in Kattenturm seit ein paar Jahren im Einsatz ist.
Ja, zu Paro gibt es inzwischen eine Menge Studien, da sie schon viele Jahre auf dem Markt ist. Sie belegen: Paro ist besser als nichts. Menschen mit Demenz reagieren positiv auf sie und sind weniger unruhig – man braucht dementsprechend weniger Psychopharmaka. Allerdings hilft mensch­licher Kontakt genauso. Hätten wir in der Pflege also Technik und mehr Zeit für menschliches Mitein­ander, wäre es noch besser.
Eine Roboter-Robbe zur Behandlung von Demenzkranken in einer Seniorenresidenz
Die Auswirkungen der Pflegerobbe Paro auf Heimbewohner sind inzwischen gut erforscht. Bild: Imago | Thomas Müller
Welche anderen Technologien sind gut erforscht?
Zu allen anderen technischen Systemen in der Pflege gibt es bislang noch keine vernünftige Evaluation. Das gilt sogar für Techniken, die bereits relativ lange entwickelt sind, beispielsweise für Kommunikationsroboter vom Typ Pepper. Die können zwar Routineaufgaben erfüllen. Man kann sie beispielsweise in die Eingangshalle eines Hotels stellen und sie weisen Gästen dann den Weg zur Rezeption. Wenn es um echte Interaktion geht, also die Reaktion der Roboter auf geäußerte Wünsche, dann stehen wir jedoch erst am Anfang – und wissen daher noch nicht, wie solche System in der Pflege wirken können. Auch mechanische Hilfen wie Roboterarme in der Pflege sind bislang alles nur Prototypen. In den nächsten fünf Jahren werden wir im tatsächlichen Einsatz in der Pflege nicht viel sehen.
Sind bei diesen Prototypen die mangelnde Technik, die fehlende Akzeptanz oder die hohen Kosten das Problem?
Die Akzeptanz muss man natürlich im Blick haben. Es ist aber nicht das, woran es derzeit noch scheitert. Das Problem ist eher, dass die Robotik, die wir zur Verfügung haben, jeweils nur ganz kleine Problemstellungen lösen kann. Tatsächlich geht es eher darum, für bestehende Technik mühsam Anwendungen zu suchen, in der sie hilfreich ist. Das ist aber eher selten auch für die Praxis flächendeckend relevant. Hinzu kommt, dass so ein hochwertiger Roboterarm bis zu 80.000 Euro kostet. Und wozu kann er in der Pflege genutzt werden? Er kann beim Umbetten als dritter Arm unterstützend fixieren. Da können Sie stattdessen aber auch ein Kissen in den Rücken legen – das ist billiger.
Wann rechnen Sie mit einem Durchbruch der Technik?
Forschung an der Robotik in der Pflege finde ich gut und richtig und wichtig. Da wird etwas passieren. Aber da sind wir bei der Technik von morgen. Was uns in der Pflege fehlt, ist die Umsetzung der Technik von heute. Betten, die Menschen automatisch in eine fast aufrechte Position bringen, gibt es schon. Sie werden aber noch nicht flächendeckend eingesetzt. Massiven Innovationsstau haben wir zudem in der sensorischen Überwachung, aber auch bei Dokumentation, Vernetzung und Planung. In Pflegeheimen wird oft noch immer alles auf Papier gemacht. Da würde schon die Technik von vor zehn Jahren genügen, um eine deutliche Verbesserung zu erreichen.

So könnten Roboter und Technik in der Pflege helfen

Ein Dummy, der in einem Bett liegt, neben ihm ein Roboter.

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Autor

  • Kristian Klooß

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 14. Januar 2020, 19:30 Uhr