Fragen & Antworten

Solarium oder Vitamine: Was hilft Bremern wirklich gegen Winterblues?

Sonnenuntergang am Rand des verschneiten Moors
Bild: DPA | blickwinkel/McPHOTO

Wer im Winter am liebsten nur noch im Bett liegt, leidet vielleicht unter Winterblues. Mit einigen Maßnahmen lässt sich viel dagegen tun – aber mit welchen?

Gerade erst liegt die Wintersonnenwende hinter uns. Das heißt, die Hälfte der dunklen Jahreszeit ist geschafft. Doch auch wenn wir hier immer noch einige hellen Stunden haben im Gegensatz zu Orten wie Spitzbergen, wo im Moment Forscherinnen und Forscher des Alfred-Wegener Instituts arbeiten: Der Winter macht vielen Menschen in Deutschland zu schaffen.

So "ein bisschen Winterblues" haben nicht nur Menschen, die unter Depressionen leiden. Viele merken, dass sie im Winter träger werden, schlechter aus dem Bett kommen und die Motivation sinkt. Aber woran liegt das und was kann man selbst dagegen tun? Darüber haben wir mit dem Chefarzt der Bremer Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie Dr. Dr. Peter Bagus gesprochen.

Warum entsteht der Winterblues?
Der Begriff Winterblues ist eher eine umgangssprachliche Bezeichnung für eine saisonale Depression. "Wohl mehr als fünf Prozent der Menschen leiden unter diesen oft leichten depressiven Zuständen", erklärt Bagus. Das heißt, dass sie in den Wintermonaten mit einer verstärkten Erschöpfbarkeit oder einem vermehrten Schlafbedürfnis zu kämpfen haben. Die Stimmung sei dabei nicht unbedingt schlechter, sondern die Betroffenen erleben vor allem eine Schwunglosigkeit. In einer abgeschwächten Form kennen viele Personen diese Veränderungen in der dunklen Jahreszeit. Die Ursache liegt im fehlenden Sonnenlicht. "Lichtmangel führt zur erheblichen Beeinträchtigung des Hormonstoffwechsels, da sind verschiedene Hormonachsen betroffen – nicht nur Vitamin D. Auch Serotonin spielt eine Rolle. Insgesamt sind es einfach sehr komplexe Wirkmechanismen, die hier betroffen sind."
Können Vitamin D- Präparate dem Winterblues vorbeugen?
Ein Vitamin D-Mangel sei bei vielen Menschen in Deutschland vorhanden und kann eine Winterdepression begünstigen, so Bargus. Grund dafür ist ebenfalls das fehlende Sonnenlicht. Auf eigene Faust sollte man es allerdings nicht einnehmen: "Es gibt eine Vitamin-D-Überdosierung. Wenn man zu viel Vitamin C nimmt, wird es ausgeschieden. Vitamin D nicht. Hier kann es zu verschiedensten Folgeerkrankungen kommen." Deshalb rät der Arzt dazu, den Spiegel beim Hausarzt zu testen und dann in Absprache eine gewisse Dosis zu sich zu nehmen. Generell sollte immer ein Hausarzt bei möglichen Einnahmen involviert sein – so auch bei dem pflanzlichen Mittel Johanniskraut, das manche Menschen über den Winter gegen depressive Zustände nehmen. Hier gebe es nämlich auch eine Reihe an Nebenwirkungen – wie eine geminderte Wirkung von hormonellen Verhütungsmitteln.
Kann der Lichtmangel durch künstliches Licht wie Solarium oder eine Tageslichtlampe ausgeglichen werden?
Tatsächlich kann auch ohne die Sonne dem Körper das notwendige Licht zugeführt werden. In skandinavischen Ländern gebe es, da hier durch die Dunkelheit der "Winterblues" besonders verbreitet ist, sogar Orte, an denen sich Menschen auf Liegestühlen von künstlichem Tageslicht bestrahlen lassen – eine Art Lichtsauna.
In Deutschland geht der ein oder andere vielleicht dafür ins Solarium – was wirksam sein kann, aber eben auch das Hautkrebsrisiko erhöht und deshalb mit Vorsicht zu genießen ist. "Und bei verschiedensten Medikamenten, wie zum Beispiel Johanniskraut, muss man besonders aufpassen. Die sensibilisieren für Sonnenlicht und das kann gefährlich werden."
Inzwischen gibt es auch spezielle Tageslichtlampen ohne oder mit sehr geringer UV-Strahlung, sie sind aber dafür sehr hell. Die Lampen haben meist eine Stärke von etwa 10.000 Lux. Im Vergleich: Eine typische Bürobeleuchtung liegt bei etwa 500 Lux. Die Wirksamkeit der Lampen ist belegt – wenn man sie richtig anwendet. Das besonders helle Licht muss über die Netzhaut des Auges aufgenommen werden, um die entsprechenden hormonellen Prozesse im Körper in Gang zu setzen. Manche psychiatrischen Praxen bieten inzwischen eine solche Lichttherapie an. Tageslichtlampen gibt es aber auch für den Eigenbedarf. Auch hier sollte man allerdings zunächst prüfen, ob die Lampe tatsächlich geeignet ist: "Nicht alle Lampen erfüllen tatsächlich den Zweck, deshalb sollte man sich hier genau informieren und am besten in einem medizinischen Fachgeschäft beraten lassen."
Was können Betroffene aus medizinischer Sicht am besten gegen Winterblues tun?
Oft braucht es gar keine große Behandlung: "Schon mit einigen Verhaltensänderungen lässt sich hier so viel erreichen", sagt Bagus. Das wichtigste sei hier vor allem Bewegung – wenn möglich Ausdauersport, aber auch ausreichend Schlaf und geregelte Mahlzeiten. Daneben müssten gerade Menschen, die von sich wüssten, dass sie schnell gestresst sind, besonders achtsam mit sich umgehen: "Jemand, der sich als ohnehin gestresst erlebt, sollte in diesen Zeiten nochmal besonders darauf aufpassen, sich nicht zu überfordern", so Bagus. Hier können gut erlernte Entspannungstechniken Abhilfe verschaffen: "Autogenes Training ist zum Beispiel nachweislich hilfreich gegen einen zu hohen Cortisol-Spiegel, der durch Stress entsteht." Bagus empfiehlt hier, kostenlose Kurse der Krankenkasse zu besuchen. Ein wichtiger Faktor für die Stimmung seien auch soziale Kontakte: "Man weiß, dass Gespräche, Kontakt und Berührungen ganz wesentliche Faktoren sind, um depressiven Verstimmungszuständen entgegenzuwirken." Um selbst aus dem Winterblues rauszukommen, sollte man also trotz der Erschöpfung unter Leute gehen, sich bewegen und am besten alle Sonnenstrahlen mitnehmen, die man so kriegen kann. Genau so machen es auch die Forscherinnen und Forscher in Spritzbergen, die zeitweise gar kein Sonnenlicht mehr sehen: „Ein geregelter Tagesablauf, Bewegung und rausgehen, das hilft uns hier über die Zeit schon“, erzählt eine Ingenieurin des Alfred-Wegener-Instituts.
Ab wann wird aus dem Winterblues eine Depression, die ärztlich behandelt werden sollte?
Bei den meisten Personen reichen die einfachen Maßnahmen aus, um relativ beschwerdefrei durch den Winter zu kommen. Trotzdem sollte man wachsam mit sich umgehen:
"Wenn jemand merkt, dass es sich um einen anhaltenden Zustand handelt, aus dem er nicht mehr rauskommt, bei dem die Stimmung schlechter wird, das Schlafverhalten sich weiter destabilisiert und keine Freude mehr da ist, wäre der Zeitpunkt für ein Gespräch mit dem Hausarzt erreicht." Dabei gelte außerdem: Lieber etwas früher Unterstützung holen, als zu lange zu warten.
Dann kann mithilfe von Psychotherapie oder Medikamenten dagegen vorgegangen werden. Eine mögliche Ursache kann auch eine Fehlfunktion der Schilddrüse sein, die in diesem Fall untersucht werden sollte.

Autorin

Dieses Thema im Programm: Bremens Zwei, 3. November 2021, 10:10 Uhr