Interview

Müssen wir in Bremen Angst vor Tornados haben?

Ein Tornado zieht über einen Wald.

Müssen wir in Bremen Angst vor Tornados haben?

Bild: DPA | Oliver Klostermann

Die Schneise der Verwüstung, die ein Tornado durch Paderborn in Nordrhein-Westfalen zog, hat viele geschockt. Wie wahrscheinlich das in Bremen und umzu ist, erfahren Sie hier.

Annika Brieber ist Wetterexpertin am Klimahaus in Bremerhaven. Die Meteorologin kennt sich mit Wetterphänomenen wie Tornados bestens aus. Sie hat uns unsere Fragen zum Thema beantwortet.

Frau Brieber, wie wahrscheinlich ist so ein Ereignis für Bremen oder Bremerhaven?
Tornados entstehen in Zusammenhang mit Gewittern. Im Mittel gibt es bei uns in Norddeutschland laut Deutschem Wetterdienst an etwa 20 Tagen pro Jahr Gewitter, theoretisch ist jeder davon ein potenzieller Tornado-Tag. Damit aus einer Gewitterwolke ein Tornado entsteht, müssen allerdings noch einige spezielle Faktoren erfüllt sein.
Welche speziellen Faktoren sind das?
Klassischerweise entstehen Tornados aus sogenannten Superzellen, also riesigen Gewitterwolken, die in Rotation geraten.
Welche meteorologischen Gegebenheiten müssen erfüllt sein, damit ein Tornado entstehen kann?
Wenn schwül-warme und feuchte Luft angehoben wird (zum Beispiel, indem sich kalte Luft wie ein Keil darunterschiebt), können Gewitterwolken in den Himmel wachsen. Außerdem wird die Tornado-Entstehung durch eine hohe "Windscherung" begünstigt. Das heißt, der Wind am Boden weht aus einer anderen Richtung und mit einer anderen Geschwindigkeit als in größerer Höhe. Aus diesen Unterschieden kann sich die für den Tornado so entscheidende Rotationsbewegung ergeben.
Annika Brieber sitz an einem Pult vor mehreren Bildschirmen
Annika Brieber ist die Wetterexpertin des Kliimahauses. Bild: Klimahaus Bremen
Wird die Entstehung von Tornados von bestimmten geologischen Gegebenheiten begünstigt?
In manchen Regionen der Welt begünstigt die Topographie das Aufeinanderprallen von warmer und kalter Luft, zum Beispiel im Mittleren Westen der USA, wo es keine querverlaufenden Gebirge gibt, die die Luft aus Nord und Süd voneinander abgrenzen (so wie bei uns in Europa beispielsweise die Alpen). In diesen Gegenden können deshalb besonders heftige Gewitter und damit auch sehr viele Tornados entstehen.
Ist die Wahrscheinlichkeit eines Wirbelsturmes – mit Blick auf Deutschland – im Bereich der Nordseeküste wahrscheinlicher oder im Hinterland?
Direkt an der Küste bleibt es meist etwas kühler, deshalb entstehen hier etwas weniger heftige Gewitter als im Binnenland. Dass es trotzdem auch am Wasser Tornados geben kann, hat das Exemplar aus dem letzten Sommer an der Kieler Förde gezeigt
Wirbelstürme sind ja nicht immer so groß und gefährlich wie in Paderborn, im Netz kursieren auch viele Videos von Mini-"Tornados" beispielsweise auf Sportplätzen, ab wann spricht man von einem Wirbelsturm?
Solche "Mini-Tromben" entstehen durch Verwirbelungen am Boden und wachsen meist von unten nach oben. Von einem echten Tornado ist nur dann die Rede, wenn der Sturm von der Gewitterwolke bis zum Boden reicht.
Bekannt werden ja immer nur Tornados, die auch Schäden anrichten. Gibt es Zahlen, wie groß die Zahl der unentdeckten Tornados im Vergleich zu den bekannten Wirbelstürmen ist – beispielsweise solche, die in ländlichen, unbewohnten Gegenden kurzzeitig auftauchen?
In Deutschland werden im Durchschnitt rund 40 bis 50 Tornados im Jahr beobachtet, die Dunkelziffer liegt aber wahrscheinlich tatsächlich sehr viel höher.
Gibt es Daten dazu, wie lange solch ein Wirbelsturm im Schnitt anhält und welchen Weg er dabei zurücklegt?
Die Lebenszeit von Tornados beträgt im Mittel einige Minuten, sie kommen damit mehrere Kilometer weit. Damit sind sie viel kleinräumiger und kurzlebiger als beispielsweise tropische Wirbelstürme – doch im Gegensatz zu diesen Stürmen sind Tornados so gefährlich, weil sie so zufällig entstehen und es kaum Vorwarnzeit gibt.

Wissen zum Anfassen im Klimahaus Bremerhaven

Bild: Radio Bremen

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Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Nachrichten, 21. Mai 2022, 6 Uhr